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29.01.2012

Ein Leben zwischen Gasometer und Schienenstrang

„Bilderbuch des Berliner Lebens“ nennt das Bröhan-Museum seine aktuelle Ausstellung, mit der es den Maler Baluschek nach 1981 zum zweiten Mal ins öffentliche Gedächtnis rücken möchte.

Hier hat Hans Baluschek jahrelang gewohnt (Cheruskerstraße 5). Foto: Hartmut Becker

Wer sich auf die Spuren dessen Berliner Lebens begibt, spürt beim Besuch seiner ehemaligen Wohnorte unmittelbar etwas von Baluscheks  besonderer Affinität zu Bahnhöfen und Gasometern, die er auf zahlreichen seiner Bilder festgehalten hat. Der Gasometerriese unter ihnen, erbaut von 1908 bis 1910 in Schöneberg, gehörte zu den drei größten Gasometern Europas und erfährt heute eine kulturelle Denkmalpflege der besonderen Art. In den Jahren 1895 – 1898 lebte Baluschek in der Gotenstraße 4 mit dem Ungetüm in enger Nachbarschaft. Bis 1907 konnte er in der Cheruskerstraße 5 seinen Blick über Bahngleise und Gasometer schweifen lassen und ab 1929 hoch vom Turm seiner Atelierwohnung in den Ceciliengärten 27 hinunterschauen auf den heutigen S-Bahnhof Friedenau und den Gasometer. Als Sohn des bei der Bahn beschäftigten Regierungslandmessers Franz Baluschek stand er von Kindesbeinen an mit Zügen und Bahnhöfen auf Du und Du. Und so würde er es vielleicht nicht nur als persönliche Ehre, sondern gewiss auch als zu ihm besonders passend empfunden haben, dass die schmale Grünanlage, die seit 2004 seinen Namen trägt, zwei Bahnhöfe, nämlich Priesterweg und Südkreuz, miteinander verbindet.

Nach dem Umzug der Familie 1876 aus Breslau in die neue Reichshauptstadt Berlin, lernt er als Sechsjähriger an der Hand seines Vaters in der Wunderwelt der Eisenbahnen die ihn faszinierende Schönheit der Technik kennen und lieben. Die besondere Poesie der Eisenbahn verlässt ihn zeitlebens nicht und wird thematisch von ihm immer wieder aufgegriffen. Verbindungen zwischen Orten und Menschen, ihre alltägliche Suche nach Lebensqualität veranschaulichte er in Bildern verlassener Bahnhöfe und auf ihnen Wartender, die sich zwischen Resignation und Hoffnung schwankend, auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen. Im väterlichen Hause herrscht nicht der Kastengeist kaiserlichen Beamtentums. So ist der Junge Hans auch mit Arbeiterkindern eng befreundet und entwickelt schon früh einen Blick für menschliches Leid und das scharfe Aufeinanderprallen sozialer und geistig-moralischer Gegensätze. Seine sozialkritischen Milieuporträts, wie die „Proletarierinnen“ (1900), das Aufsehen er-regende Ölgemälde „Razzia“ (1912) oder „Aufgegriffene“ (1930) von Kaiser Wilhelm II. als „Rinnsteinkunst“ gebrandmarkt, stellen ihn in eine Reihe mit Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Gemeinsam mit Kollwitz unterrichtet er an der Damenakademie des Vereins Berliner Künstlerinnen. Seine Schülerin Irene Dröse wird seine zweite Ehefrau und Mutter zweier Töchter. Mit Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Lovis Corinth, Walter Leistikow, Max Slevogt, Lesser Ury und Heinrich Zille gehört er 1898 zu den Gründern der „Berliner Secession.“

Die Sozialdemokratie wurde Baluscheks politische Heimat, deren Ziele er mit Leben erfüllte. So engagierte er sich stark für eine bessere Arbeiterbildung und initiierte die Gründung einer Unterstützungskasse für Berliner Künstler. Der Alltag von Menschen, die das Glück, wenn überhaupt, nur für eine kleine Weile gepachtet hatten, für den Betrachter nachfühlbar dargestellt in dem großformatigen Ölgemälde „Sommerfest in der Laubenkolonie“ (1909), rührte ihn sichtlich an. Im Vorwort zu seinem Novellenband „Enthüllte Seelen“ schrieb er im Winter 1919 in Berlin-Schöneberg, die Schreibfeder helfe ihm, Erlebnisse, Ein-drücke und Erinnerungen aus dem Berlin der 1890er Jahre weiterzugeben, die er mit Pinsel und Zeichenstift nicht allein auszudrücken vermöge. Da er noch viel zu sagen habe, würden weitere Werke folgen. Das schriftstellerische Werk Baluscheks blieb je-doch übersichtlich. Die Berliner Geschichten „Spreeluft“ waren 1913 erschienen, die „Großstadtgeschichten“ wurden 1924 herausgegeben. Um seine Novellen lesen zu können, in denen er das Schicksal „kleiner Leute“ samt ihrer „gewöhnlichen Freuden und Leiden“ skizziert, bedarf es eines längeren Besuches im Zentrum für Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin-Mitte, Breite Straße 30-36. Die schmalen, mit Illustrationen versehenen Bändchen sind nicht auszuleihen, obwohl es sich augenscheinlich nicht um eines der 200 Exemplare auf „besonders feinem Papier, von Hand signierten, das Stück zu 40 Mark“ oder eine der „100 handkolorierten und in Pergament gebundenen“ Ausgaben handelt.

Die Nationalsozialisten enthoben Baluschek 1933 als „marxistischem Künstler“ aller seiner Ämter und diffamierten seine Werke als „entartet.“ 1935 erlag er im fünfundsechzigsten Lebensjahr einem Nierenleiden. Sein unvergängliches humanistisches Erbe nimmt heute wieder einen bedeutenden Platz in der modernen realistischen Malerei ein. Die kleine Ehrentafel am Fuße des Atelierturms in den Ceciliengärten kann allein die wirkliche Größe dieser vielseitigen Künstlerpersönlichkeit nur in minimalistischer Weise widerspiegeln.

Sibylle Schuchardt

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