Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Schönberger Kulturkalender

Vernissage: Des Tänzers Weg der Seele

Termin: Freitag, 15. September 2017  18:00 bis 21:00 Uhr
Ort:WENTRUP, Tempelhofer Ufer 22, 10963 Berlin

Ausstellung: 16. September – 28. Oktober 2017


Louisa Clement zeigt in ihrer ersten Einzelausstellung bei WENTRUP die neue Serie der Gliedermenschen. Auf 27 großformatigen Fotografien stehen ausschnitthaft schwarz-gefasste Gliederpuppen vor dunklem Hintergrund, ihre Schrauben und Scharniere stechen in hellem Gold hervor. Einige Puppen verschränken die Arme, andere vollführen anatomisch unmögliche Posen und beizeiten entsteht eine Zärtlichkeit der Figuren untereinander, wenn sich Fingerglieder berühren oder eine Puppe die andere in Armen hält.

Die Gliederpuppe als kulturgeschichtliches Objekt tritt in verschiedenen Formen auf, als Hilfsmittel zur Zeichnung und Anatomiestudien kennt sie vor allem die Kunstgeschichte. Sie wird aber auch eigenständige Skulptur, insbesondere in den Wunderkammern und Kuriositäten-Kabinetten. Speziell die Geschichte der mechanischen Gliederpuppen der Höfe des 18. Jahrhunderts – die Automaten –, stellt eine relevante Verbindung zu Celements Fotografien dar. Denn die Maschinenpuppen der Automatenkunst waren weit mehr als Anschauungs- oder Studienobjekte – sie wurden selbst zu belebten Wesen und schienen damit wie beseelt.

Louisa Clement hat sich in fotografischen Serien der letzten Jahre immer wieder weiterführende Fragen nach wirklichen und simulierten Körpern gestellt. In ihrer unlängst realisierten Reihe der Avatars zeigte Clement neue Varianten von ausrangierten Schaufensterpuppen aus Acrylharz in leuchtenden Farben. Der Referenzrahmen reicht hier von Edgar Atgets Schaufensterfotografien des frühen 20. Jahrhunderts zu jüngeren Entwicklungen, wie der Genese des digitalen Avatars der letzten Jahrhundertwende. In beiden Fällen stand eine im etymologischen Sinn konkret gemeinte „Animierung“ – also Beseelung – der Objekte hinter den Scheiben oder Screens zur Diskussion.

Clement versammelt ihre neue Serie der Gliedermenschen bei WENTRUP nun unter dem Titel Des Tänzers Weg der Seele und paraphrasiert damit Heinrich von Kleists "Über das Marionettentheater" von 1810. Jene essayistische Erzählung, die vorschlägt, dass eine vollendete Natürlichkeit in der Bewegung nur in folgenden Momenten entstehen kann: nämlich durch ein göttliches und damit unendliches Bewusstsein. Dies scheint dem Menschen nach dem Sündenfall nunmehr unerreichbar. Oder könnte sich eine vollendete, natürliche Bewegung in der vollkommenen Abwesenheit von jedwedem Bewusstsein manifestieren? Letzter Zustand entsteht, so Kleist, in der Gliederpuppe als Marionette. Denn der die Puppen regierende “Maschinist” verlagere den Schwerpunkt der Puppe entlang einer Linie, die nichts weniger sei, “als der Weg der Seele des Tänzers.”

Louisa Clements Konvent von Gliedermenschen bei WENTRUP ist insofern gerade keine Ansammlung von Bildern von Glieder-Puppen, sondern sie zeigt Nahaufnahmen und Ausschnitte der Intimität, der Nähe, der Eitelkeit und Verletzlichkeit der zu animierten Wesen verwandelten Automaten – einer Gruppe von Glieder-Menschen.


Louisa Clement (geb. 1987 in Bonn) lebt und arbeitet in Bonn.

Aktuell werden Fotografien von Louisa Clement in einer Einzelausstellung im Wallraff-Richartz-Museum in Köln ausgestellt. Im Sommer war Clement Teil der Gruppenausstellung Lyrics on a Battlefield in der Gladstone Gallery in New York.

2016 hatte Louisa Clement Einzel- und Gruppenausstellungen in der Bundeskunsthalle Bonn, der Kunsthalle Recklinghausen und der Kunsthalle Düsseldorf, im Cité Internationale des Arts in Paris, dem Rencontres Photographiques de Toulouse, sowie bei On Stellar Rays Gallery in New York.

Für 2017 hat Louisa Clement das EHF 2010 Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten. Zudem ist sie Preisträgerin des Förderpreises des Landes Nordrhein-Westfalen und des Cité Internationale des Arts (Frankreich). 2016 erhielt sie zudem die Artisitc Residency of the 6th Marrakech Biennial.

Clements Fotografien sind Teil der Sammlungen der Atlanta Kulturstiftung, Bad Homburg; Sammlung der Stadt Brühl und der Sammlung Ringier, Zürich.