Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

1.03.2011

Berlinale-Hopping

Es war wieder soweit: die Berlinale, die 61., hat uns in Atem gehalten, den Schlaf geraubt und das Portemonnaie geleert. Wir waren wieder dabei und geben einen kleinen Einblick in die Vielfalt der Filme aus aller Welt, aus denen wir uns einige herausgepickt hatten - keine “großen“ Filme, die wir ja später in unseren Kinos sehen können, sondern solche, die Geschichten aus dem Alltag in fernen, oder auch nicht so fernen, Ländern erzählen.

Fußball in Teheran
Im Dezember 2010 wurde der weltbekannte iranische Regisseur Jafar Panahi in seinem Heimatland zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt und konnte der Einladung in die internationale Jury dieser Berlinale nicht nachkommen. Die Berlinale rief zur Solidarität mit ihm auf und zeigte in verschiedenen Sektionen des Festivals einige seiner Filme. Passend zum internationalen Frauentag berichten wir als erstes über seine Geschichte von einigen fußballbegeisterten iranischen Mädchen, die sich zur WM-Qualifikation ins Teheraner Azadi-Stadion schmuggeln wollten, indem sie sich als Männer verkleideten. Iranische Frauen sind zu den Spielen nicht zugelassen. Vielen scheint der Verkleidungstrick zu gelingen; der Film „Offside“ („Abseits“ - auf der Berlinale 2006 mit einem silbernen Bären ausgezeichnet) erzählt von denen, die es nicht geschafft hatten und festgenommen worden waren. Wir hatten Terror erwartet und sahen – eine Komödie! Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Fußballrummel im Iran kaum von dem, was wir von Deutschland her gewöhnt sind: grölende Massen strömen ins Stadion, es wird getrötet und gesungen, Parolen gebrüllt und gebolzt. Da-zwischen allerdings Männer mit wachsamen Blicken, die hier und dort jemanden herausfischen – ein Mädchen, eine Frau, als Mann verkleidet. Die Aufgeflogenen wer-den in eine Umzäunung außer Sichtweite des Spiels gesperrt, wo sie resigniert, verzweifelt, aber auch aufmüpfig dem Spiel wenigstens durch die Lautsprecheransagen zu folgen versuchen. Sie überreden einen der Wachmänner, der das Spiel durch ein Gitterfenster beobachtet, das Spiel-geschehen zu kommentieren, wollen von anderen wissen, warum sie nicht ins Stadion dürfen, aber die wissen es auch nicht so genau. Am Ende läufts darauf hinaus, dass Frauen eben nicht dem An-blick tobender und fluchender Männer ausgesetzt werden sollen! Toben und bolzen können die Mädchen aber auch, und über Fußball wissen sie ebenso Bescheid. Und als die Iraner als Sieger vom Feld gehen, liegen sich alle jubelnd in den Armen. Der Film zeigt einen interessanten Einblick in den Umgang der „kleinen Leute“ mit der Geschlechtertrennung in der iranischen Gesellschaft.

Eine Posse
In dem Film „Nesvatbov“ (Tschechische Republik, Slowakische Re-publik) hat die Filmemacherin Erika Hniková Leben und Geschehnisse in dem slowakischen Dorf Zemplinské dokumentarisch beleuchtet, dessen Bürgermeister es sich zur Aufgabe gemacht hat, sein Scherflein zum Bevölkerungswachstum beizutragen. Selbst bereits über das „beste Alter“ hinaus, ermuntert er per Lautsprecher, der durchs ganze Dorf dröhnt, die heiratsunwilligen Einwohner zur Familiengründung und veranstaltet zu diesem Zweck eine durchgeplante Tanzveranstaltung: „Ab Mitternacht können sie an-fangen, Babys zu machen!“. Die angeordnete Liebe endet allerdings in Peinlichkeit und Lange-weile. Wohlgemerkt: dies ist eine Dokumentation und kein Schelmenstück! Man möchte es kaum glauben und amüsiert sich köstlich.

Edelkitsch
Die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller glänzt gleich in zwei Berlinalefilmen. In „Brownian Movement“ ist sie allerdings der einzige Glanzpunkt. Als Edelkitsch in Reinkultur könnte man diese Geschichte einer glücklich verheirateten Frau und Mutter bezeichnen, die sich den Luxus leistet, insgeheim ihrer Obsession zu frönen: dem Sex mit massigen, stark behaarten Männern, allesamt nicht mehr die Jüngsten. Als das Ganze auffliegt, verliert sie nicht nur ihre Approbation als Ärztin (sie hat Patienten vernascht!), sondern, wen wunderts, auch das Vertrauen ihres Mannes. Der Film erzählt von der allmählichen Wiederannäherung des Paares, alles in schönen Bildern, im edelsten Ambiente an-gesiedelt, wie es einer Charlotte van Ribeck geziemt (so heißt die Dame). Es hätte Fontane werden können, so wars aber nur die gute alte Marlitt. Sandra Hüller allerdings sehr sehenswert mit ihrer Fähigkeit, Geschichten (fast) nur durch ihre Mimik zu erzählen.

Leben im Anrufbeantworter
Eine ganz andere Art, eine Geschichte zu erzählen, hat sich der Schweizer Filmemacher Thomas Imboden in seinem Film „Day is Done“ einfallen lassen. Er filmte über viele Jahre hinweg das Terrain vor dem Fenster seines Studios, ein Industriegebiet mit Kränen und Schornsteinen. Züge fahren vorbei, Flugzeuge steigen vom nahegelegenen Flughafen auf, und in Hintergrund sind die Schweizer Berge zu sehen – wir sind in Zürich. Vor diesem Hintergrund entfalten sich die Person und das Leben des Filmemachers. Wir müssen davon ausgehen, dass es sich dabei um Thomas Imboden selbst handelt, denn niemand anders erzählt die Geschichte als – sein Anrufbeantworter! Aus den Nachrichten, die Freunde, Eltern, Mitarbeiter, Geliebte hinterlassen, erfährt der Zuschauer, wie sich sein Leben abspielt, welche Ereignisse ihn treffen. Aus den Reaktionen der anderen kann man auf seine eigenen Reaktionen schließen, ja, der Zuschauer ist sozusagen aufgerufen, sich die Geschichte selbst zu komponieren aus den Bruchstücken, die der Anrufbeantworter liefert. Da schickt der Vater telefonische Urlaubsgrüße aus dem sonnigen Griechenland, ruft an: wir sind wieder da, und plötzlich ist von einer Chemotherapie die Rede, und dann gibt die Mutter den Beerdigungstermin bekannt. Ein Freund gratuliert zur Ankunft des „neuen Prinzen“, den man bald krähen und später seine Geburtstagswünsche äußern hört. Namen und Stimmungen der Freundinnen wechseln im Laufe der Zeit. Die Fantasie des Zuschauers ist auf eine ganz neue Art und Weise gefordert.
Den goldenen Bären erhielt der iranische Film „Nader und Simin“, einen Silbernen Bären der ungarische „Das Turiner Pferd“. Alle weiteren Preise finden Sie im Netz.

Bis zur nächsten Berlinale!                                                                               
Sigrid Wiegand

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