Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

3.02.2013

Esthers Spürsinn

Wer durch die Handjerystraße geht, sieht am Haus Nr. 37 neben der psd-Bank einen Stolperstein für Hildegard Kruschke, geb. Cohn. Dieser Stein erzählt auch eine nicht gerade unkomplizierte Geschichte von Esther Fischer.

Foto: Stolperstein-Initiative Handjerystraße

Die Cohns gehören zu einer sehr großen Familie und  waren 1936 von Deutschland nach Palästina ausgewandert. Auf dem Sterbebett hatte der Vater Cohn seinen Kindern davon erzählt, dass sie damals ihre Schwester Hilde in Deutschland zurückließen. Seit 1932 hätten sie niemals etwas von ihr gehört. Sie kannten noch nicht einmal ihren Namen, den sie nach einer möglichen Heirat angenommen hat.
Esther Fischer ist eine entfernte Cousine von Hilde. Sie lebt heute in Berlin. Sie hat die Suche nach Hilde schon in Israel begonnen. Wo aber suchen und wen? In der Familie wusste man, dass die Cohns aus einer Stadt kamen, die irgendwas wie «…burg» im Namen hatte. Freiburg oder Straßburg? Alle Anfragen ohne Ergebnis. Dann kam jemand auf den Namen Magdeburg. In Zeiten des Kalten Krieges kam man da auch nicht weiter. Dieser Jemand hatte aber beiläufig erwähnt «Es gibt auch eine Stadt Burg bei Magdeburg.» In Burg sind die Cohns dann schließlich fündig geworden. Da kommen sie her.

Anfang Mai 2012 besucht die Familie Cohn aus Israel die Stadt Burg. Davon erfährt die örtliche Buchhändlerin. Sie findet in einer Datenbank den Eintrag «Die Krankenschwester Hildegard Kruschke geb. Cohn wurde am 6. August 1915 in Strasburg/Uckermark geboren». Weitere Zufälle halfen, danach wusste Esther Fischer es genau: Ihre Cousine Hilde war in Berlin verheiratet, wohnte in der Handjerystr. 37 und wurde zusammen mit ihren Kindern und ihrem Mann 1943 in Auschwitz ermordet. Die Hausgemeinschaft hat zum Andenken an die Familie Kruschke schon 2008 fünf Stolpersteine verlegen lassen.

Im April 2012 haben 20 Nachbarn die «Stolperstein-Initiative Handjerystraße» gegründet, um für die anderen 15 aus der Straße Deportierten Steine zu verlegen. Mit ihrem Spürsinn hat Esther Fischer uns im Sommer ausfindig gemacht und bereichert seitdem unsere Arbeit mit ihrem jüdischen Humor. Inzwischen sind wir mit unseren Recherchen, bei denen uns das Museum Tempelhof-Schöneberg tatkräftig geholfen hat, schon sehr weit gekommen. Viele Nachbarn, die Bergius-Schule und die Gossner-Mission (früher Handjerystr. 19-20), deren Aktivitäten wir mit einer eigenen Tafel ehren werden, unterstützen unsere Initiative. In wenigen Fällen können wir die kleinen goldenen Steine zum Sprechen bringen. Dies ist einigen Angehörigen so wichtig, dass sie zur Verlegung der Steine extra aus Israel anreisen werden.
Man kann sich an Esther Fischers Spürsinn und Beharrlichkeit ein gutes Beispiel nehmen.

Text der geplanten Gedenktafel:
Hier stand das Missionshaus der Gossner Mission. In den Jahren 1938-1945 fanden hier Juden aus Berlin Zuflucht und Zuspruch.
Hebräer 13, 7.8

Für die Initiative
Bernd Lutterbeck, Handjerystr. 17

Feierlichkeit aus Anlass der Verlegung (3.6.) am 10. Juni 2013.
Spenden sind willkommen:
Ein Stein kostet 120 Euro, die Tafel ca. 1.800 Euro.
Spendenkonto:
Schöneberger Kulturarbeitskreis e.V., Konto Nr. 601 55 3905,
BLZ 860 100 90, Postbank Leipzig, Verwendungszweck bitte unbedingt angeben: Stolperstein/e für Handjerystraße

 

Hildegard Kruschke geb. Cohn
Geburtsdatum/-Ort: 6. August 1915 in Strasburg/Uckermark
Schicksal: verschollen in Auschwitz nach dem 6. März 1943
Hildegard Cohn wurde am 6. August 1915 in Strasburg/Uckermark geboren. Sie heiratete den Kaufmann Jack Kruschke und bekam mit ihm zwei Töchter. Die Familie entschloss sich anscheinend zur Emigration in die USA, denn in ihrer Vermögenserklärung, kurz vor ihrem Abtransport nach Auschwitz abgefasst, vermerkt sie unter dem Punkt „Nicht sichergestellte Forderungen“, dass sie an die Hapag–Hamburg-Amerika-Linie eine Zahlung für eine Schiffspassage nach Amerika in Höhe von 1.000,-- RM geleistet habe. Die Perfidie und Begehrlichkeit des NS-Regimes zeigt sich in dem weiteren bürokratischen Procedere dieses Hinweises. Die Vermögensbewertungsstelle forderte nämlich diesen Betrag im November 1944 von der Hapag zurück.

Am 22. November 1944 beantwortete die Deutsche Amerika-Linie diese Forderungen folgendermaßen: „Ohne Vorlage des A-Empfangsscheins bzw. ohne diese Angaben vermögen wir leider nicht festzustellen, ob sich ein Passageguthaben der Jüdin in unserem Gewahrsam befindet“. Des Weiteren benötige man den Namen des Dampfers, den Bestimmungshafen und das Jahr der Buchung. Außerdem seien ihnen die Namen der Passagiere nicht bekannt. Da man den Forderungen nicht nachkam, wurde seitens der Vermögensverwertungsstelle darauf anscheinend insistiert, denn am 22. Februar 1945 stellte die Behörde fest, dass der Betrag immer noch nicht rückerstattet wurde.

Am 6. März 1943, fünf Tage, nachdem man ihren Mann abgeholt hatte, wurde Hildegard Kruschke mit dem 35. Osttransport nach Auschwitz verbracht. Seitdem gibt es von ihr kein Lebenszeichen mehr.

Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv