Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

10.02.2011

Bundesverdienstkreuzes am Bande für Dietmar Bührer

In der Dezemberausgabe 2009 berichteten wir über das 25-jährige Bestehen des Fotomagazins "Brennpunkt". Dessen Herausgeber, der Friedenauer Dietmar Bührer, ist nun von Justizsenatorin Gisela von der Aue mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für seinen beruflichen, persönlichen und fotografischen Umgang mit Inhaftierten vor und hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt Tegel geehrt worden. Aus diesem Anlass drucken wir die Rede der Justizsenatorin anlässlich der Verleihung des Verdienstkreuzes vom 7. Februar 2011:

Justizsenatorin von der Aue und Dietmar Bührer. Foto: © Michael Gebur

Sehr geehrter Herr Bührer, sehr geehrte Angehörige und Freunde von Herrn Bührer,

es ist – auch für mich – ein besonderes Ereignis, ein Verdienstkreuz zu übergeben und so freue ich mich sehr, dass ich Ihnen, sehr geehrter Herr Bührer, heute im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreichen darf.

Von Konrad Adenauer stammt der Ausspruch:

    „Ehrungen – das ist, wenn die Gerechtigkeit ihren liebenswürdigen Tag hat“.

Heute ist solch ein „liebenswürdiger“ Tag. Der Bundespräsident hat Ihnen, sehr geehrter Herr Bührer, das Verdienstkreuz am Bande verliehen. Damit wird Ihr langjähriges soziales Engagement zu Recht öffentlich gewürdigt.

Sehr geehrter Herr Bührer,
Sie haben sich besondere Verdienste durch Ihren beruflichen, persönlichen und fotografischen Umgang mit Inhaftierten vor und hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt Tegel erworben. Lassen Sie mich daher Ihren beruflichen Werdegang in der JVA Tegel und Ihre fotografische Karriere in einigen Sätzen skizzieren:
Ihre Laufbahn in der JVA Tegel begann am 1. Januar 1990 als Sie als Industriemeister in der Fachrichtung Druck eingestellt wurden. Zwei Jahre später absolvierten Sie die Laufbahnprüfung für den Werkdienst und waren zunächst als Mitarbeiter und stellvertretender Leiter der Druckerei, seit 2001 dann bis zu Ihrem Ausscheiden als Leiter der Druckerei tätig. Dort waren Sie im Schwerpunkt mit der Ausbildung und Anleitung der Inhaftierten betraut. Daneben übernahmen Sie vielfältige Sonderaufgaben und unterstützten die Anstaltsleitung umfangreich bei internen Projekten. So haben Sie zahlreiche öffentlichkeitsrelevante Unterlagen über den Organisationsentwicklungsprozess in den Jahren 1995 bis 1999 erstellt und die Broschüren anlässlich des 100-jährigen Bestehens der JVA Tegel durch eigene Fotografien, das Layout oder beim Druck maßgeblich mit gestaltet. Darüber hinaus haben Sie am Logo der Anstaltsbetriebe und der Erstellung von Produktmappen und Werbebroschüren für die Produkte der Anstaltsbetriebe im Rahmen des Projekts „Reorg“ mitgearbeitet.

Ihre fotografische Kariere begann indes schon 20 Jahre früher. Seit 1970 widmen Sie sich als Autodidakt der Fotografie. Seitdem haben Sie zahlreiche Einzelausstellungen durchgeführt und an vielen Gruppenausstellungen mitgewirkt. Seit 1984 – und damit seit über einem Vierteljahrhundert – geben Sie das Fotomagazin „brennpunkt“ heraus und haben damit die Berliner Fotokunstszene bundes- und europaweit bekannt gemacht. Im selben Jahr – 1984 – wurden Sie auch in die Gesellschaft für Photographie berufen. Seit 1987 gehören Sie als Ehrenmitglied dem Deutschen Verband für Fotografie an. 4 Jahre später – im Jahr 1991 – erhielten Sie den Willy-Hengl-Preis. Zuletzt gewannen Sie beim Fotowettbewerb der Stiftung „Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus“ mit dem Titel „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ den 1. Preis in der Kategorie „Menschenwürde“.

Die letztgenannte Auszeichnung beweist, dass ein Foto für Sie mehr ist als nur die visuelle Nachbildung einer Situation. Sie zeigt, dass Sie die Fotografie als Kunst verstehen, mit der Inhalte transportiert werden können und sollen. Dies findet sich eindrucksvoll auch in der von Ihnen geschaffenen künstlerischen Verbindung von Vollzugsalltag und Fotografie wieder. Sie haben Ihre Liebe zur Fotografie in bemerkenswerter Weise mit den Eindrücken Ihres Arbeitsumfeldes und Ihren persönlichen Erfahrungen in der Vollzugsanstalt verbunden. Betrachtet man Ihre Fotografien vom Vollzugsalltag, so spürt man, dass Sie nicht einfach die fotografische Linse auf bestimmte Schauplätze gehalten haben. Vielmehr merkt man Ihren Bildern mit dankenswerter Klarheit an, dass Sie genau wissen, was Sie dort fotografiert haben. Es ist beeindruckend, wie Sie sich dem schwierigen Thema „Vollzug“ aus fotografischer Perspektive mit großer Sensibilität gewidmet haben, ohne dass Ihre Bilder dabei an Realitätsnähe oder Ausdruckskraft verloren hätten. Besonders anschaulich wird dies in Ihren Büchern „Zeitgitter/Gitterzeit“, „Tegelzeit“ und „Zellenstille – Knastgedichte“. Der zuletzt genannte Bildband enthält neben Fotos aus dem Vollzugsalltag mehrere Gedichte, die im Rahmen einer Literaturgruppe mit Inhaftierten, einer Sozialarbeiterin der JVA Tegel und Ihnen entstanden sind.

Mit solchen Veröffentlichungen haben Sie den Justizvollzug auf künstlerische Art in die Öffentlichkeit gerückt. Im Jahr 2000 haben Sie zusammen mit anderen Bediensteten der JVA Tegel an einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum über künstlerische Projekte in Vollzugsanstalten teilgenommen und dabei aus Ihren Werken vorgelesen. Ihre Publikationen und Lesungen haben dazu beigetragen, in der Öffentlichkeit Verständnis für die Situation von Inhaftierten zu wecken.
Mit Ihrer Arbeit mit Inhaftierten haben Sie den betreffenden Gefangenen darüber hinaus dabei geholfen, sich mit ihrer Situation bewusst auseinanderzusetzen, ihre Fähigkeiten auf einem bisher meist unbekannten Gebiet zu entdecken und positiv einzusetzen. Damit haben Sie für die Gefangenen eine neue Tür geöffnet und einen wertvollen Beitrag auf dem Gebiet der Resozialisierungsarbeit geleistet. Sehr geehrter Herr Bührer, Sie haben Mut bewiesen, mit Menschen zu arbeiten, die keine Lobby haben, und zwar in einem Maß, das über Ihre rein beruflichen Verpflichtungen weit hinausging. Hiefür möchte ich Ihnen heute meinen besonderen Dank und meine Anerkennung aussprechen.

Erlauben Sie mir zum Abschluss, den ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler bei der Verleihung des Verdienstordens am Tag der Deutschen Einheit 2007 zu zitieren:

„Der Staat kann Bürgersinn und Engagement nicht verordnen. Aber er kann und muss sie fördern: durch gute Rahmenbedingungen und durch eine Kultur der Anerkennung. Das ist das Mindeste, was wir schaffen können. Der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ist ein solches Zeichen des Dankes und der Anerkennung.“

Das Bundesverdienstkreuz ist deshalb weit mehr als ein Erinnerungs- oder Schmuckstück. Es ist der nach außen sichtbare Dank unseres Landes für Ihre Leistung.

Sehr geehrter Herr Bührer,
diese Feierstunde ist ein Anlass, an dem das Gefühl der Zufriedenheit, der Freude, aber auch des Stolzes aufkommen darf. Sie können ohne Bescheidenheit stolz sein auf das, was Sie geleistet haben. Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr außerordentliches Engagement und gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrer Ehrung. Ich darf Ihnen nun das Verdienstkreuz am Bande und die Verleihungsurkunde überreichen.