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29.08.2012

Florian Breuer - Weltenbummler und fast vergessener Friedenauer Künstler

Als am 24. Juni diesen Jahres in der Philippus-Kirche in der Stierstraße unter dem erneuerten Kirchendach das 50jährige Kirchweihjubiläum gefeiert wurde, blieb kein Platz unbesetzt und die Blicke der Zuhörer wanderten von den zahlreichen FestrednerInnen immer wieder zu der leuchtenden, in überwiegend blauen und grünen Tönen von Florian Breuer gestalteten Farbglaswand hinter dem Altarraum.

Gemälde (1949, Titel unbekannt) von Florian Breuer (Ausschnitt)

Florian Breuer

Mauer im Vorhof der Sühne-Christi-Kirche. Fotos: Thomas Protz

Während die Architektur Hansrudolf Plarres  ausführlich gewürdigt wurde, blieb der Name des bildenden Künstlers unerwähnt, wenngleich seine von ihm geschaffene Farbverglasung in der Festschrift-Sonderausgabe mit der Wirkung jener in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche verglichen wird.

Florian Breuer besaß eine unglaublich reiche Schaffenskraft, und  umso mehr verwundert es mich, dass die Spuren seiner Kunst sich in Berlin fast unbemerkt zu verlaufen scheinen. Nicht zuletzt spricht seine Urnengrabstelle auf dem Städtischen Friedhof Stubenrauchstraße, wo er zwei Monate nach seinem Tod am 18.12.1994, 1995 beigesetzt wurde, die Sprache des Vergessens. Auf der Hinweistafel am Eingang als Prominentengrabstelle aufgeführt, lässt sie sich, überwuchert von Unkraut ohne Stein und Schmuck, kaum mehr finden.  Archive in Tempelhof-Schöneberg wissen, obwohl er in den 60er und 70er Jahren zwanzig  Ausstellungen in Berlin und weltweit hatte, fast nichts über ihn. Interessanter Weise gelten mehrere Bilder, die einst  Büroräume öffentlicher Einrichtungen zierten, nach deren Aufgabe als „verschollen“. Einzig die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin bewahrt einen Katalog der Galerie Pels–Leusden, die 1976 eine große Ausstellung anlässlich seines 60sten Geburtstages ausgerichtet hatte. Die Retrospektive auf sein Lebenswerk umfasste 123 Werke, wobei die großformatigen Bilder „Nepal“ und „Siam“ von 1966 mit 16.000.- DM in der Preisliste an oberster Stelle standen. Im Vorwort erfahren wir, dass Breuer auch Gedichte verfasste: Bild und Worte sollten den Betrachter „in die Welt der Magie voll des unerschöpflichen Zaubers“ führen, in ein Reich, wo über „dem heiligen Baum die geflügelte Sonnenscheibe schwebt.“  

Wer war Florian Breuer, und was macht ihn für mich unvergesslich?  Am 20.05.1916 in Berlin geboren, studierte er an der Handwerker-schule und an der Hochschule für bildende Künste in Berlin und Dresden von 1934 -1937 und von 1941-1945. Als freischaffender Künstler unternahm er in den 1950er Jahren ausgedehnte Reisen in den Mittelmeerraum, nach Indien und Ostasien. Der „Tagesspiegel“ nennt ihn in einem Artikel vom 25. August 1992 „Wanderer zwischen Berlin und Asien“ und zeigt sich beeindruckt von den mehr als 1200 Aquarellen, die sich in seiner Schöneberger Wohnung am Gustav-Müller-Platz 8 neben einer unübersehbaren Zahl von Masken und asiatischen Kunst- und Kulturgegenständen stapelten.

 „Er fühlte sich von Gauguin und Picasso inspiriert,“ erzählt mir  Albrecht Reinholz, dessen Mutter Breuer jahrzehntelang freundschaftlich verbunden war und die zahlreiche Bilder von ihm erwarb. Einige hängen an den Wänden der Reinholzschen Wohnung, andere verharren im Keller, „weil der Platz einfach nicht reicht.“ „Nur die Wintermonate verbrachte Florian Breuer fast immer in Berlin, und jeden wollte er davon überzeugen, nach Thailand, Indien oder China zu reisen. Das hatte schon fast etwas Missionarisches, wenn er mit seiner hohen, etwas kratzigen Stimme empfahl: „Fahren Sie nach Indien! Mindestens aber nach Jugoslawien, nach Pec´, denn da beginnt Asien. Selbst meine Mutter machte sich mit weit über siebzig Jahren allein nach Jugoslawien auf und das ist ihrer Gesundheit ganz schlecht bekommen.“

An diese besondere Stimme und seine Reiseberichte, denen meine Eltern gespannt in unserem Wohnzimmer in Friedenau lauschten, erinnere ich mich, damals fünfjährig, gut. Da kam ein  ungewöhnlicher Gast mit leuchtenden Augen zu Besuch, und mit ihm breitete sich eine  aufregende und zugleich heitere Stimmung aus. Ein Künstler, der fremde Kontinente bereiste, bewunderte die mit  tropischen  Fischen  besetzten Aquarien meines Vaters, deren schillernde Schuppen etwas  vom   farbigen Zauber der Südsee widerzuspiegeln schienen. Zwei Bilder Florian Breuers schmückten  damals unsere Wände. Eines davon ist hier abgebildet.

Im Vorhof der Sühne-Christi-Kirche hat Breuer 1964 eine Betonmauer gestaltet, die zur Gedenkstätte Plötzensee gehört. Ihre Worte: Golgatha, Plötzensee, Auschwitz, Hiroshima und Mauern mahnen Schreckensorte menschlicher Geschichte an.

Breuer verwahrte sich gegen Interpretationen insbesondere von Kunstkritikern.  „Meine Aquarelle sind  einfach nur Farbkompositionen“, so zitiert ihn Albrecht Reinholz aus der Erinnerung und schenkt mir zum Abschied etwas, das heute Künstlerpostkarte genannt wird: Weihnachtsgrüße aus Goa, 1971 an seine Mutter geschrieben und umseitig mit einer aquarellierten  Tempel-Szene  geschmückt. „Wem die Zeit wie Ewigkeit….“  lautet der Titel eines seiner Gedichte. Ich hätte es gern gelesen.

Sibylle Schuchardt