Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

04.03.2023 / Projekte und Initiativen

Zwei Täubchen, die sich küssen …

…die nichts von Falschheit wissen, so sauber und so rein, soll deine Seele sein. An diesen Spruch musste ich in den letzten Jahren denken, sobald ich mich auf den Weg ins Fitnessstudio machte. Es liegt ganz oben im Forum Steglitz und war während der Umbauphase des Gebäudes zeitweise nur über das darunterliegende Parkdeck zu erreichen. Stieg ich aus dem Aufzug, kamen mir Tauben entgegen, und zwar jede Menge. Sie balzten und gurrten und hatten sich so-zusagen dort „eingemietet“. Und ja: wenn Taubenpaare „schnäbeln“, sieht es tatsächlich aus, als ob sie sich küssen. Von Falschheit wissen sie bestimmt nichts, denn sie sind schließlich keine Menschen. Sauber und rein dagegen sah es an vielen Stellen in diesem Stockwerk nicht mehr aus. Gut, das lag auch an dem Chaos aus Baumaterialien und Bauschutt, die dort verteilt waren, aber vor allem Kot und Federn vermehrten sich genauso schnell wie die Tauben selbst. Das war die Schattenseite vom „Taubenparadies“ Tauben leben schon seit mehr als 6.000 Jahren mit den Menschen zusammen. Die Stadttaube ist die verwilderte Form der Haustaube, die wiederum eine domestizierte Form der Felsentaube ist. Haustauben wurden wie anderes Geflügel auch wegen ihres Fleisches gehalten und geschlachtet. Taubenbrühe galt als so bekömmlich und nährstoffreich, dass sie Kranken gerne für die Genesung gekocht wurde. Da sie schnell und weit fliegen und auch ein fantastisches Orientierungsvermögen besitzen, nutzten Menschen diese Eigenschaft der Tauben und züchteten Brieftauben, die lange Zeit die schnellste Möglichkeit der Nachrichtenübermittlung darstellten. Viele der Stadttauben sind solche von Züchtern „entlassene“ Brieftauben oder „entflohene“ Haustauben. Wie die Felsentaube leben auch sie überwiegend monogam. Die Brutpflege ist relativ gleichberechtigt aufgeteilt, auch die männlichen Tauben kümmern sich um den Nachwuchs. Sie geben sich beim Balzen viel Mühe, plustern ihr schillerndes, lila glänzendes Brustgefieder und ihre Schwanzfedern auf. Wäre ihr Lebensraum kein Parkdeck, sondern eine Felsenlandschaft, würden der Kot und die Federreste nicht stören, sondern wären einfach Dünger. Tauben haben Feinde. Damit meine ich nicht nur die menschlichen „Taubenhasser“, die sich in ihre Abneigung reinsteigern und die Tiere vergiften oder gar quälen, sondern ihre tierischen Feinde, die Raubvögel. Auf dem Parkdeck lag ab und zu ein blutiger Rest einer Taube. Ich hatte Krähen in Verdacht, die ich schon häufiger Tauben habe jagen sehen. Nach einem Telefonat mit Derk Ehlert, dem Wildtierexperten der Berliner Senatsverwaltung, bin ich allerdings ein ganzes Stück klüger. Tauben seien vor allem für die Habichte Berlins ein willkommenes Futterangebot. Berlin ist die Hauptstadt der Habichte, schrieb auch der Tagesspiegel letztes Jahr. Es gibt hier mehr Habichte als in München. Die Tauben selbst ernähren sich in der Großstadt häufig von Essensresten, die es hier reichlich gibt, und ansonsten natürlich auch von den Fütterungsstellen, an denen ihnen „Taubenfreunde“ oder auch „Taubenfreundinnen“ Körner ausstreuen. Am Richard-von-Weizsäcker-Platz ist das rund um einen Baum jeden Tag in großer Menge zu sehen. Letzteres ärgert diejenigen, die wissen, dass die Zahl der Tauben am stärksten durch das Futterangebot beeinflusst wird. Je weniger Futter, desto weniger Vermehrung. Die Studienlage dazu ist relativ eindeutig. Die Krankheitsübertragung durch Tauben dagegen gilt mittlerweile als überschätzt, obwohl die Vögel natürlich reichlich Parasiten in ihrem Gefieder aufweisen. Das Risiko sich durch ein Haustier mit Milben, Flöhen oder Zecken einzuhandeln, ist weitaus größer. Es ist jedoch sowieso ratsam, Wildtieren nicht zu nahe zu kommen. Die Berliner Taubenpopulation ist in den letzten Jahren jedenfalls relativ konstant geblieben. Weder scheinen die Fütterungsaktionen von „Taubenfreundinnen“ die Anzahl wesentlich zu erhöhen, noch schaffen es Taubenhäuser wie das am S-Bahnhof Südkreuz und der Austausch der Taubeneier durch Gipseier, den Bestand effektiv zu reduzieren.  Wie wir in der Stadtteilzeitung in der Reihe „Natur in der Stadt“ mehrfach beschrieben haben, bietet die Großstadt Wildtieren eben genügend Räume und ein gutes Futterangebot, so auch den wilden Stadttauben. Als Opportunisten nutzen Tauben Nischen aus und verlassen sie, wenn sie dort verdrängt werden. Bezogen auf das Parkdeck konnte ich mich bereits davon überzeugen, dass es für die Tauben dort ungemütlich geworden ist und nur noch ein paar unermüdliche Pärchen rumtrippeln. Nach der Reinigung und dem Wegräumen der Kisten und Container verwandelt sich das Stockwerk wieder vom großstädtischen „Taubenfelsen“ in ein Parkdeck, in dem es jetzt übrigens endlich auch Fahrradständer gibt. Mögen die Tauben anderswo Nistplätze finden, bevorzugt dort, wo sie niemanden stören. Isolde Peter
Tauben auf dem Richard-von-Weizsäcker-Platz. Foto: Elfie Hartmann