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22.12.2019 / Stadtteilzeitung separat (Zeitungsinhalte)

Zwangsheirat

Wohin mit Friedenau? Diese Sorge bewegte die Friedenauer im Oktober 1919. Auslöser war die Planung der Einheitsgemeinde „Groß-Berlin“.
„Als Vermählte empfehlen sich: Friedenau - Schöneberg“. Quelle: Museen Tempelhof-Schöneberg

Sechs selbstständige Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke sollten eingemeindet werden. Das bedeutete eine 14-fache Vergrößerung der ursprünglichen Berliner Stadtfläche und eine Verdoppelung der Einwohnerzahl. Um die Verwaltung eines so riesigen Stadtgebietes zu gewährleisen, plante man die Einteilung in zwanzig fortlaufend nummerierte Bezirke. Dazu sollten die kleinen Landgemeinden und Gutsbezirke der nächstgelegenen Nachbarstadt zugeschlagen werden. Für Friedenau hatte der Eingemeindeausschuss die Vereinigung mit Steglitz vorgesehen.

Zu Steglitz wollte Friedenau aber nie gehören. In seinen jungen Jahren hatte es sich, aus Sorge, als kleinste Vorortgemeinde nicht überleben zu können, mehrfach um Zusammenschlüsse mit Berlin und Schöneberg bemüht. Doch alle Anträge wurden damals vom Landkreis Teltow abgelehnt und die „angebliche Hilflosigkeit der blühenden Gemeinde“ öffentlich ins Lächerliche gezogen.

Schließlich entschied Friedenau, selbstständig zu bleiben, investierte viel in seine Infrastruktur und Verwaltung „in dem stolzen Bewusstsein, dass auch eine kleine deutsche Gemeinde Großes zu leisten vermag“. Und nun eine Zwangsehe mit Steglitz? Wenn schon Eingemeindung, dann kamen nur Schöneberg oder Wilmersdorf infrage! Eine Volksabstimmung sollte Klarheit bringen. Pros und Contras füllten den Lokalanzeiger.

Den Auftakt machte die Warnung eines Offiziers aus der Kaiserallee am 15.9. während einer Gemeinderatssitzung: „Weh uns vor einem Anschluss an das spartakistisch-kommunistische Wilmersdorf!“

Dagegen verwahrte sich Amtsgerichtsrat Weber aus Wilmersdorf am 7.10.: Wenn er auch zugeben müsse, dass „sich die unabhängig-kommunistischen Herrschaften mehr als nötig in Wilmersdorf mauserten“, so sei dies doch noch lange kein Grund für solche Übertreibungen. Im Gegenteil! Zu den spartakistischen Veranstaltungen kämen auch ganze Ströme von Schönebergern und Friedenauern.

Einige Einsender gingen die Sache pragmatisch an. Für Herrn D. beispielsweise war die Gerichtsfrage die alles entscheidende. Schöneberg besäße ein eigenes Amtsgericht und gehöre zu einem für ihn gut erreichbaren Landgericht. Die Verkehrsverbindungen zu den Gerichten in Wilmersdorf aber würden halbe Tage in Anspruch nehmen. Daher gehöre Friedenau klar zu Schöneberg.

Dagegen wandte sich Frau E.L. am 7.10.: Die „friedlichen Friedenauer“ ließen sich doch wohl nicht von der Lage des Landgerichts bestimmen. Sie nannte Herrn D. daraufhin die „schönsten Verbindungen“ von Friedenau zum Landgericht Wilmersdorf. Dann erinnerte sie an die Schönheiten von Wilmersdorf, wo sich die Friedenauer so gern erholen, „die schöne Gartenstadt, den schönen Kaiserplatz, den Rüdesheimerplatz mit der Untergrundbahn und die guten Schulen“. Mit „Parole Wilmersdorf!“ endete ihr kämpferischer Aufruf.

Herr G. gab am 6.10. zu Bedenken, dass aber die Kanalisation für Schöneberg spräche. Er wies auf die 1904 „in weiter Vorausschau“ gebaute gemeinsame Entwässerungsanlage mit Schöneberg. Würde Friedenau mit Wilmersdorf vereinigt und würde Schöneberg die Friedenauer Abwässer nicht mehr aufnehmen, so müsse die Entwässerungsanlage völlig umgebaut werden, da beide Gemeinden unterschiedliche Systeme benutzten. Zu teuer, befand er. Schöneberg besäße außerdem ein Kranken- und ein Rathaus, Wilmersdorf beides aber noch nicht. Das, was vorhanden sei, sei ihm lieber, als das, was sehr ungewiss erst kommen solle, schloss er sein Votum.

Herr Loos von den Deutschnationalen betonte die enge Verbindung der „Tochter Friedenau“ zur „Mutter Wilmersdorf“. Schließlich sei es einst aus deren Rittergut herausgeschnitten worden. Und was die Kanalisation angehe, so sei man mit Schöneberg nur „reingefallen“. Nach einem Wolkenbruch ließe man das Wasser hinunter auf die Friedenauer Straßen, da es nun mal nicht bergauf nach Schöneberg fließen könne.

E.H. empörte sich am 8.10. über anonyme Flugblätter und Postkarten mit der Aufforderung, für Wilmersdorf zu stimmen. Man scheine wohl die Friedenauer für „reichlich dumm“ zu halten und zu glauben, dass sie sich durch „solche Mätzchen“ beeinflussen ließen!

Am 12.10. war es dann soweit: 12.579 Wähler stimmten für Schöneberg, 13.412 für Wilmersdorf, 558 für Steglitz. Fast 4.000 Zettel waren ungültig, da sie Namen Verstorbener oder Verzogener oder unerlaubte Bemerkungen wie „Ich will da sein, wo es mehr zu essen gibt“, enthielten. Die Gemeindevertretung rechnete und fand heraus, dass sich Befürworter und Gegner Wilmersdorfs die Waage hielten. Eine solche Spaltung war gefährlich. Möglicherweise brachte sie die Eingemeindungsbehörde auf den Gedanken, „Friedenau zu zerstückeln und auf die Bezirke aufzuteilen“. Das musste verhindert werden und so stellte die Gemeindevertretung am 17.10. den kühnen Antrag an die preußische Landesversammlung, „auch einem kleinen Volk das Selbstbestimmungsrecht zu belassen“. Als „Groß Friedenau“ sei es mit seiner „vollständig entwickelten und abgeschlossenen Verwaltung“ in der Lage, ein eigenständiger Verwaltungsbezirk von „Groß Berlin“ zu bleiben. Vergleichbaren Gemeinden wie Tegel und Weißensee war dieser Wunsch auch bewilligt worden.

In den folgenden Monaten sah Friedenau sich in den Ausschüssen hin und her geschoben, mal zu Steglitz, mal zu Wilmersdorf, mal zu Schöneberg. Friedenau selbst beharrte auf seiner Selbständigkeit. Man rief zu Demonstrationen und Tausende kamen.

Umsonst! Am 27. April 1920 besiegelte die preußische Landesversammlung sein Schicksal. Es wurde dem 11. Verwaltungsbezirk Schöneberg zugeschlagen und gemeinsam mit allen übrigen Stadt- und Landgemeinden als „Muss-Berliner“ in die Einheitsgemeinde „Groß-Berlin“ aufgenommen.

„Friedenau starb an der Einverleibung, doch seine Werke leben!“, tröstete der nachfolgend gegründete Schöneberg-Friedenauer Lokalanzeiger.

Maria Schinnen

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