Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

7.06.2016

Zurück zur Bewegung

Am Anfang hatte die GEV im Rheingau-Gymnasium bloß die Idee, den mit Kunstrasen versehenen Sportplatz an der Wiesbadener Straße in Ergänzung zum benachbarten Schulhof als Pausenfläche zu nutzen ...

Foto: Archiv Thomas Protz

Bekanntlich sind Schimpansen artgeschichtlich unsere nächsten Verwandten. Sie geben wie wir erlernte Techniken an ihre Nachkommen weiter, indem sie diese zur Nachahmung anhalten. Doch tun sie dies im Gegensatz zu uns selbst bei mutwilligen Störungen ohne die Anwendung von Zwangsmitteln. Während bei uns der „Zappelphilipp“ geächtet ist und sein Verhalten als Krankheitssymptom (ADHS,ADS,HKS) medikamentös behandelt wird, ist bei ihnen auch während des Lernens nicht nur der krampflösende Purzelbaum, sondern sogar der lautstarke Streit um eine gemeinsam ausgemachte Beute erlaubt.

Doch gibt es auch bei uns nach wie vor Anhänger der schimpansischen Lebensfreude. Insbesondere seit dem Aufschrei von Jean-Jacques Rousseau (1712- 1788): „Zurück zur Natur!“, als Folgerung aus der zunehmenden Verstädterung und ihren Verformungs-Erscheinungen, ziehen regelmäßig schimpansische Erweckungsbewegungen über das Land. Eine davon nahm vor gut hundert Jahren ihren Ausgang von einer Schule in Steglitz und ist unter dem Namen „Wandervogel“ in die Geschichte eingegangen. Im Friedenauer Rheingau-Gymnasium sollte es nun nach dem Willen einiger Eltern aus der Gesamtelternvertretung (GEV) eine schulinterne Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte geben, indem dort ein Wanderzug zu Bewegungsspielen zwar nicht während des Unterrichts, so doch aber wenigstens für die Unterrichtspausen eingerichtet wird.

Doch ist schimpansisches Denken nicht überall zuhause. Die fortschreitende Verrechtlichung unserer Lebensverhältnisse hält vielmehr immer neue Grenzschutzanlagen bereit, um unzivilisiertes Verhalten einzudämmen. Am Anfang hatte die GEV im Rheingau-Gymnasium bloß die Idee, den mit Kunstrasen versehenen Sportplatz an der Wiesbadener Straße in Ergänzung zum benachbarten Schulhof als Pausenfläche zu nutzen, da dort in den Vormittags-Stunden üblicherweise kein Vereinssport stattfindet. Doch auf eine diesbezügliche Anfrage hin hatte das Schul- und Sportamt darauf verwiesen, dass die Sportanlagen-Nutzungsvorschriften (SPAN) und das Sportförderungsgesetz (SportFG) den besonderen Schutz von Sportanlagen vorschreiben und eine andere Nutzung nicht zulassen, weswegen das Begehren abschlägig beschieden werden müsse.

Dammbruch im Rheingau-Viertel

Doch der schimpansische Menschenverstand kann glücklicherweise nicht weniger hartnäckig sein als der paragraphenbewehrte Sachverstand im Schul- und Sportamt. Die schimpansisch unnachgiebigen Eltern wendeten sich daher an den Schulausschuss der BVV mit der Bitte um Unterstützung. Und mit einem entsprechenden Antrag der Grünen wurde daraufhin das parlamentarische Beratungsverfahren in der März-Sitzung der BVV vorschriftsgemäß eingeleitet. In dem Antrag heißt es:
„Eine Erweiterung der Pausenfläche an der Rheingau-Schule ist dringend geboten. Derzeit verfügen die Kinder der Schule im Schnitt lediglich über 2,7 qm Pausenfläche pro Kind. Das ist viel zu wenig, um sich vernünftig zu bewegen, zu spielen und zu toben, was in den Pausen ausdrücklich erwünscht ist. Nicht nur die frische Luft und die Bewegung, sondern auch das Miteinander der Kinder ist ein pädagogisch außerordentlich wichtiger Aspekt in der Pausengestaltung und damit im Tagesablauf der Schülerinnen und Schüler ... Es ist doch absurd und Bürokratie aus dem vorletzten Jahrhundert, wenn die Fläche nicht genutzt werden darf und stattdessen leersteht, nur weil auf dem Papier eine Ausweisung als Sportfläche vorgesehen wird und nicht als Schulfläche.“

Nach der Überweisung in den Schulausschuss begann dann das eigentliche Ringen um eine Lösung, die sowohl dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder, und hier vor allem der 7. und 8. Klassen, als auch den gesetzlichen Vorschriften gerecht zu werden vermag. Unter der Vermittlung der Ausschussvorsitzenden Zander-Rade (Die Grünen), die selbst Mutter dreier Kinder ist, und mithilfe  des erklärten Einigungswillens von Schulstadträtin Kaddatz (CDU), die ihrerseits Mutter einer Tochter ist, fand sich das Schul- und Sportamt schließlich bereit, den Sportplatz Wiesbadener Straße für sportliche Pausenaktivitäten zu öffnen, „sofern die Schule sicherstellt, dass der Sportplatz in den Pausenzeiten durch Lehrpersonal beaufsichtigt wird und der Sportplatz nur mit Sportschuhen zur Ausübung sportlicher Aktivitäten betreten wird.“ Nach diesem Beratungserfolg kam aus dem Ausschuss nun für die Mai-Sitzung der BVV eine Beschlussempfehlung mit dem ansonsten nur selten anzutreffenden Wortlaut: „Der Antrag wird nicht weiter verfolgt, da er sich durch Verwaltungshandeln erledigt hat.“

Ob er sich tatsächlich erledigt hat, wird die Zukunft erweisen. Jedenfalls bestätigte Schulleiter Bert Minske auf Nachfrage der Stadtteilzeitung den Eingang des amtlichen Bescheids mit den Auflagen. Er verwies zwar auf mögliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung, doch erklärte er auch seine Entschlossenheit zur Realisierung.

Ottmar Fischer

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