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4.06.2019

Zu Besuch bei Maler Koeppel

Ottmar Fischer bei der Finissage der Koeppel-Ausstellung im Atrium der Allianz-Versicherung in der Friedrichstraße.

M. Koeppel mit M. Grütters von Nashörnern umstellt. Foto: Hartmut Ulrich

Die Werkausstellung eines Kunstmalers pflegt mit der Finissage zu enden, bei der die Interessierten noch einmal zusammenkommen, um von den präsentierten Gemälden Abschied zu nehmen. An einem etwas windigen Tag im Mai war es nun auch für jenen Matthias Koeppel so weit, den die Leser unserer beiden letzten Ausgaben als den dichtenden Starckdeutsch-Erfinder kennengelernt haben. Denn der 82-jährige Maler nahm hier seine Gäste noch einmal mit auf eine Reise durch die letzten 20 Jahre seines Schaffens, indem er sie erläuternd an den riesigen Gemälden entlang führte, die durchaus mehrere Meter einnehmen können. Und zwar im ebenfalls riesenhaften Atrium des heute der Allianz-Versicherung gehörenden Gebäudes, das am Kreuzberger Ende der Friedrichstraße mit der Nummer 200 versehen ist und im Jahre 1997 als Teil von vier weiteren Büro-Gebäuden mit dem baukünstlerischen Gestaltungsanspruch der Postmoderne nach der Wiedervereinigung entstand.

In dem zwölf Meter hohen Atrium wirken die großen Ölgemälde durchaus angemessen dimensioniert. Und Maler Koeppel weiß auf seinem Rundgang davon zu erzählen, dass die Wahl des großen Formats für seine Gemälde im Ursprung den durchaus praktischen Grund hatte, den Anforderungen von Auftragswerken zu genügen. Im Goldenen Saal des Schöneberger Rathauses ist das nachzuvollziehen, denn dort ist auf zwei einander gegenüberliegenden wandgroßen Tafelbildern die Lebenslage der geteilten Stadt des Jahres 1987 abgebildet, durch ihn im Senatsauftrag entstanden aus Anlass des 750-jährigen Stadtjubiläums. Das weckt Erinnerungen an die Kolossalgemälde des kaiserzeitlichen Hofmalers Anton von Werner, etwa seine berühmte Darstellung der Kaiserproklamation Wilhelms I. im Jahre 1871.

Doch gibt es einen wesentlichen Unterschied. Während die handelnden Personen von Werners den höfischen Glanz des Selbstherrschertums vermitteln, treten uns in den Gemälden von Matthias Koeppel zwar ebenfalls Personen in öffentlichen Angelegenheiten entgegen, doch erscheinen die dargestellten Ereignisse bei ihm nicht als glanzvolle Höhepunkte, sondern als Zusammensetzungen aus Entscheidungswegen und Konfliktfeldern. Seine Kunst ist demokratisch gesonnen. In ihr haben auch Widerständigkeiten und Abweichungen von der Zielgeraden ihren Platz.

Kreuzen vor dem Wind

Ein schönes Beispiel für die Grundhaltung das Malers ist seine „Performance zum Richtfest des Museums der Moderne“ von 2016/ 17 (siehe Foto). Zu sehen ist die Kulturstaatsministerin Grütters, auf dem Beifahrersitz ihres Dienstwagens unterwegs zum Rednerpult des Richtfestes. Am Steuer Maler Koeppel. Im Hintergrund ragt der wegen seiner schlichten Anmutung als Gebäude mit landwirtschaftlicher Nutzung von den Gegnern des preisgekrönten Entwurfs als „Kulturscheune“ verunglimpfte Museumsneubau hervor, der freilich im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden des Kulturforums in der Wirklichkeit noch gar nicht zu sehen ist. Irreal mutet auch die Art der Verkehrsstörung an, die den Gang der Ereignisse aufhält. Es sind kolossale Nashörner, die überall hervorquellen und sowohl der politischen Hauptperson, als auch Maler-Fahrer Koeppel eine Art verblüffter Entschlossenheit aufs Gesicht zaubern. Dem schmunzelnden Betrachter bleibt selbst überlassen Partei zu ergreifen, für die hinderlichen Nashörner oder für die Beschlusslage, für oder gegen die „Scheune“. Angeraten könnte aber auch sein, sich keinerlei Massenbewegung anzuschließen, sondern sich lieber auf die eigene Vernunft zu verlassen. So nämlich interpretierte einst Eugène Ionesco (1909-1994) sein Theaterstück „Die Nashörner“. In diesem bis heute bedeutendsten Beispiel für das absurde Theater verwandeln sich die Einwohner einer ganzen Stadt nach und nach in Nashörner, weil sie der Verführungskraft einer Massenhysterie erliegen.

Auf anderen Bildern geht es dagegen ganz realistisch zu, aber nie ohne einen listigen Hinweis auf die scherz- oder schmerzhafte Rückseite des Sichtbaren. Doch gibt es nirgends auch nur den Anflug von Karikatur, die immer auf eine vordergründige Übereinstimmung von Künstler und Publikum abzielt. Beim Maler Koeppel ist es wie beim Starckdeutsch-Dichter Koeppel: Der Zugang zum angebotenen Humor muss vom Genießenden selbst erarbeitet werden, als Weg zur Doppelgesichtigkeit der Welt. Das wird auch am neuesten Werk des vielfach ausgezeichneten Künstlers deutlich, in dem die Grundsteinlegung für das Humboldt-Forum gefeiert wird. Die Gäste sind durch einen Mittelgang in zwei Lager geteilt. An gut bestückten Tischen sind aber auch zwei Gäste aus einer anderen Zeit zu entdecken, die freilich beide eine entscheidende Rolle für das Schicksal des alten Stadtschlosses gespielt haben: Kaiser Wilhelm II. als sein letzter Besitzer – und SED-Chef Walter Ulbricht, der es als Relikt der überwundenen Adelsherrschaft abreißen ließ, um an dessen Stelle den „Palast der Republik“ zu errichten, der nach dem Ende der DDR nun seinerseits dem Humboldt-Forum weichen musste. Die listige Platzierung der beiden Schicksalsgestalten ruft somit hinter der Schlossgeschichte auch noch 100 Jahre Landesgeschichte ins Bild.

Zum Gelingen der Darstellung von Ereignissen als Ergebnis von Konflikten trägt wesentlich bei, dass der langjährige Professor für freies Malen und Zeichnen an der TU Berlin sich auch zur Auseinandersetzung mit den Problemstellungen seiner Architektur-Studenten aufgefordert sah. Die Fragen der Raumaufteilung, der Bezüglichkeit des Ganzen und seiner Teile sowie der Perspektivität führten ihn schließlich zu einer neuen Formsprache, die er selbst Neo-Kubismus nennt.

Wie er auf seinem Rundgang an mehreren Gemälden erläutert, sei die kunstgeschichtliche Entwicklung von der Gegenständlichkeit zu immer radikaleren Formen der Abstraktion fortgeschritten. Er seinerseits sehe nun für die Malerei eine große Chance darin, durch die Anreicherung realer Bildgegenstände mit abstrakten Bezügen einen Neuaufschluss der Realität zu ermöglichen, der Abstraktion also einen Weg zurück zur Gegenständlichkeit zu eröffnen. Das wird auch an seinem „Humboldt-Forum“ deutlich. Dort wachsen aus der realen Tischgesellschaft gläserne Verschiebungen heraus, die in den himmelwärts geöffneten Bau-Kuben sich fortsetzen. Da-durch wird zur Anschauung gebracht, dass neben dem Baukörper auch die Sichtweise der Gäste eine Konstruktion ist.

Die Fahrt ins Blaue

An dieser Verteidigung des individuellen Blickwinkels hat Maler Koeppel frühzeitig mitzuwirken begehrt. Als Sohn einer Anhängerin des expressionistischen Ausdruckstanzes und eines Vaters, der die erste Geige am Schweriner Schauspielhaus und später an der Berliner Staatsoper spielte, stand ihm zwar die Entschlossenheit zur künstlerischen Gestaltfindung seit Kindheitstagen vor Augen, doch musste er seinen eigenen Beschluss zur Malkunst erst in sich selbst gegen das Gärtnern und gegenüber den Eltern gegen ihre Furcht vor der Brotlosigkeit durchsetzen. An der West-Berliner Hochschule der Künste geriet er dann in die Auseinandersetzung zwischen seinen Lehrern Karl Hofer als einem der letzten Verteidiger der gegenständlichen Malerei und Hans Jaenisch, der den Kubismus des frühen 20. Jahrhunderts als den Glücksbringer für alle nachfolgenden Abstraktionsideen ansah. Vor allem aber geriet er wie seine Mitschüler in den Sog von Will Grohmann, der in stets überfüllten Vorlesungen den jeweils aktuellen Stand der Moderne referierte.

Doch je mehr die jeweils angesagten Modernismen zur Manie gerieten, umso mehr kamen beim angehenden Maler Koeppel Zweifel auf. Weil nach seinem Urteil die Wirklichkeit mit reinen Abstraktionen nicht ausreichend abzubilden ist, begann für ihn und einige Mitstreiter das Zeichnen in den Mittelpunkt zu rücken, und vom Gezeichneten führte der Weg dann auf die Suche nach den geeigneten malerischen Mitteln.

Am Ende dieses Suchwegs stand dann die proklamierte Rebellion. In einem leerstehenden Laden der Schöneberger Pallasstraße wurde von den Rebellen Matthias Koeppel, Johannes Grützke, Karlheinz Ziegler und Manfred Bluth die „Schule der Neuen Prächtigkeit“ aus der Taufe gehoben. Ganz offiziell und mit Manifest, wie es sich für einen Künstlerbund gehört. Das war 1973. Und es war in Schöneberg. Und weil Matthias Koeppel das geworden ist, was er hier einst proklamiert hat, muss er eigentlich auf Fragen zu seinem Geburtsort antworten: Schöneberg.

Ottmar Fischer

Kontakt:
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Samstags 15 Uhr
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Tel.: 0177 87 38 934

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