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9.05.2013

Zehnjährige Sprayer im Lindenhof

In der Woche um den 1. Mai waren die Sprayer im Schöneberger Lindenhof aktiv. Was normalerweise zur Verzweiflung bei Hausverwaltern führt, war diesmal von Dirk Büscher von der Mitgliederbetreuung der Wohnungsgenossenschaft GeWoSüd sorgfältig geplant worden: Ein Pavillon am See wurde von den Kindern aus dem benachbarten Jugend-Club mittels Spraydosen quasi unsichtbar gemacht.

Erzieher André Drognitz zeigt, wie man mit der Spraydose wirkungsvoll gestaltet. Foto: urbanPR

Erzieher und Spayrer Pjotr Obuchoff und André Drognitz, Foto: urbanPR

Seit einigen Jahren war der Pavillon, der seit je her als Trafostation dient, Ziel von Sprayerattacken gewesen. Große und kleine „Tags” bedeckten das Häuschen, das zu einem Ensemble von drei kleinen Funktionsgebäuden an der Badestelle am Lindenhof-Weiher gehört. Nachdem die anderen Bauten denkmalgerecht saniert worden waren, stellte das Trafohäuschen einen Sonderfall dar: Es ist zu gut einem Drittel mit Efeu bewachsen, in dem auch Vögel nisten. Der Zeichner und Illustrator Pjotr Obuchoff empfahl die freien Wände mit weiterem Efeu zu besprayen. So böte der Pavillon ein einheitliches Bild und Sprayer achten die Arbeit von anderen Sprayern: Die großen Buchstabensymbole würden verschwinden.

Im Kinder- und Jugendclub, der vom Nachbarschaftsheim Schöneberg und der GeWoSüd betrieben wird, wurden schnell begeisterte Mitarbeiter gefunden. Spraydosen sind teuer, 50 bis 70 Dosen würden gebraucht, und sich völlig legal erproben zu können, war ein besonderer Reiz.

Am 30. April war es dann soweit. Vorher waren die Wände sorgfältig grundiert und ein professionelles Gerüst war gebaut worden. Jeweils etwa zehn Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis dreizehn Jahren, zogen zum Schutz blaue Plastiksäcke und Handschuhe über, setzten Schutzmasken auf und sprayten unter Anleitung von Pjotr Obuchoff und seinem Gestalter-Freund André Drognitz um die Wette. Mit Schablonen, die jeweils die Blattspitzen abbilden, wurde mit fünf verschiedenen Grüntönen Lage um Lage die Illusion eines undurchdringlich erscheinenden Grüns erzeugt.

Für Drognitz und Obuchoff war es ein wenig Reise in die eigene Vergangenheit. Denn sie waren ebenso 13 Jahre alt, als nach dem Fall der Mauer Sprayer aus dem Westen die scheinbar herrenlosen Wände im Ostteil Berlins entdeckten und sie großflächig bemalten. Pjotr und André durften mithelfen. Die Volkspolizisten standen daneben und passten auf, dass keine Parolen gesprüht wurden. „Erst wenn man Zeit und Ruhe hat, kann man mit Sprayen echte Bilder entstehen lassen”, sagt Obuchoff, „die am Ort positiv wirken”. Später sind die Beiden Erzieher geworden, was ihnen im Umgang mit den Mädchen und Jungen zugute kommt.

So wurde das Häuschen am Wochenende nach dem 1. Mai fertiggestellt. Aus der Entfernung könnte man es im Grün der Umgebung übersehen, wäre da nicht das Dach. Die Tür zum Traforaum zieren jetzt die Namen der Nachwuchssprayer. Natürlich habe es länger gedauert als geplant, meint Obuchoff, „aber bei dem guten Untergrund hält es auch zwanzig Jahre”.

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