Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

9.03.2019

Wohin gehen wir, wenn wir gehen?

Ich habe keine Angst vor dem Tod Ich habe schon gelebt und ich werde wieder leben. Ich war Goldschmied in Ephesus … (Dieter Hildebrandt)

Foto: *Anonyme 4*, 2013, Digitaldruck, 70 x 100 cm, © Sigrid Weise, www.art-weise-berlin.de

Die Malerin Sigrid Weise hat unter dem Titel „Ruhestätte. Erinnerungskultur im Wandel. Künstlerische Bestandsaufnahmen auf Berliner Friedhöfen“ einen schmalen Bildband herausgegeben. Sie fotografierte Grabstätten und experimentierte mit diesen Aufnahmen am Computer, die sie digital verfremdete, unter anderem durch Überlagerung mehrerer Fotos. Eine Darstellung von Verlust und Auflösung, eine behutsame Annäherung an ein universelles, sensibles Thema, wie Bertram von Boxberg in einem Begleittext es nannte.
Andere Texte beschäftigen sich mit Begräbniskulturen der vergangenen Jahrtausende, mit (vermuteten) Riten der Neandertaler, den Totenkulten der Antike, der alten Ägypter, dem Ahnenkult der Römer, mit christlichen Grab- und Kultstätten im Mittelalter, dem profanen Personenkult im Humanismus und der Verarmung der Trauer- und Begräbniskultur der Gegenwart. (Martin Steffens, Begräbniskultur – damals und heute).

Bertram von Boxberg, (Was bleibt? Bilder, die vom Verschwinden erzählen) beschäftigt sich mit den Arbeiten von Sigrid Weise, ihren Verfremdungseffekten, ihrer digitalen und fotografischen Arbeitsweise, dem Zweck und Sinn, den sie damit erreichen will und erreicht. Es gehe um die wichtige Frage: Was bleibt?

Christof Ellger stellt fest: „Friedhöfe sind im Wesentlichen für die Lebenden da. Sie dienen zum Übergang vom Leben in den Tod.“ Er nennt sie Transit-Räume. „Auf dem Friedhof hat es niemand eilig. Menschen haben plötzlich außergewöhnlich viel Zeit, Zeit fürs Nichts-Tun, fürs Nichts-Tun-Müssen und Nichts-Tun-Können, für Gedankenspaziergänge und Meditation.“

Barbara Buchmaier hat zum Thema der Grab- und Begräbniskosten von arm Gestorbenen ausführlich recherchiert. Wer trägt diese Kosten? Diese Frage wird in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gelöst, in Berlin gibt es detaillierte Vorschriften für diese nicht seltenen Fälle und die Möglichkeiten, unterschiedliche Quellen anzuzapfen.

Katja Hille erzählt die Geschichte von einem Koffer voller Erinnerungsstücken eines Verstorbenen, die zu vielen Gedanken an vergangene Zeiten, den Krieg, die Bombennächte führt.

Dorothea Böhland (Tod vor dem wirklichen Leben) hat sich mit den Gärten der Sternenkinder beschäftigt, mit der Entwicklung des Begriffs „Stillgeboren“, mit dem Umgang mit nicht lebensfähigen oder tot geborenen Kindern.

Helmut Kolb (Aufgabe Friedhof). Sowohl Ort des Trauerns und Erinnerns als auch in neuerer Zeit, wo die Sterberaten in Berlin stark gesunken sind, potenzielles Bauland. So sind sogenannte „Friedhofsübergangsflächen“ entstanden. Seit fünfzehn Jahren gibt es Diskussionen, was tun damit?

Christine Scherzinger (Heterotropische (Bild-)Räume): Michel Foucault hat diesen Begriff geprägt: Wie verhält man sich auf einem Friedhof, woran denkt man, was macht diesen Raum besonders? Wie geht Sigrid Weise mit diesen Fragen um? Sie gibt keine Antworten auf diese Fragen, ihre Arbeiten geben Denkanstöße.

Auch drei Gedichte von Michael Wildenhain (Tod (nach Rilke), Zehra Çirak (Schrittwechsel), Anke Meyer (ohne Titel) beschäftigen sich mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit.
 
Sigrid Weise hat mit der Dokumentation ihrer Arbeiten einen schönen, interessanten Bildband vorgelegt. Sie ist nicht nur Malerin, sie macht phantasievolle Collagen, sie malt auch mit der Kamera, hat Techniken entwickelt, die es ihr ermöglichen, sich auf vielfältige Weise auszudrücken. Ihre Objekte und verfremdeten Bilder und Fotografien laden den Betrachter ein, sich eigene Gedanken zu machen, sich Stimmungen hinzugeben, sich mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit zu beschäftigen. Die Begleittexte gehen auf verschiedene Aspekte ihrer Arbeit ein.

Sigrid Wiegand

Sigrid Weise (Hrsg.)
RUHE.STÄTTE.
Erinnerungskultur im Wandel. Künstlerische Bestandsaufnahmen auf Berliner Friedhöfen
Hardcover mit Bezug,
31 x 24 cm, 64 Seiten, 43 Abb.
Verlag Böhland & Schremmer, Berlin, 2018
(ISBN 978-3-943622-35-5)
24,95 Euro

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