Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

7.10.2013

Wohin gehen wir?

Auf dem Weg seiner Selbstfindung und zu seinem Künstlertum, der ihn auch in Friedenau eine Weile Station machen ließ, schrieb Ernst Barlach 1911 in einem Brief: „Was der Mensch gelitten hat und leiden kann, dabei bin ich engagiert, aber mein Spezialgefühlchen, oder meine mir eigenste Sensation ist ja belanglos, ist bloß Laune.“

„Wohin gehen wir?“ Gemälde von Irene Warnke

Dagegen schrieb Oscar Brie als verantwortlicher Redakteur der Neuen Deutschen Rundschau 1903: „Wir lieben die Impression vor der Wirklichkeit. Wir sehen schnell und wollen aus der Schnelligkeit die frischen Reize der Kunst genießen.“

Beides will sich nicht so recht zusammenfügen: Barlachs unbedingter Kunstwille ohne „Spezialgefühlchen“ und die „bürgerliche Küche der Kunst für die, denen sich Bürgerlichkeit mit Kunst verträgt“, wie der Kunstkritiker Max Osborn damals schrieb, womit er sich auch gegen die impressionistische „Invasion“ aus Frankreich wendete, die er in den Bereich der bürgerlichen Geschmackskultur verwies. Nun sind zwar in den hundert Jahren bis heute etliche Kämpfe zwischen den Kunstauffassungen dazugekommen, aber die Grundfrage, ob Kunst nur dann als solche gelten kann, wenn sie von niemandem als Wohnraumschmuck eingesetzt werden mag, ist uns trotzdem er-halten geblieben.

Die Apfelsinenprinzessin
Die Friedenauer Künstlerin Irene Warnke hat im April diesen Jahres in einer interessanten Ausstellung ihrer Werke in der Kunstkammer Friedenau, Handjerystraße 94, erneut nachgewiesen, dass es auf diese uralte Frage immer noch neue Antworten gibt. Ihre Bilder zeigen, dass der von Barlach geforderte Kunst-Aufschrei im Spiel von Licht und Farbe eine Form annehmen kann, der auch den Rahmen einer Wohnung erträgt. Ihren Bildern ist gemeinsam, dass sie dem Betrachter Raum für eigene Ideen belassen, wie sie selbst sagt, und die Malerin schreitet bei der Deutung des Sichtbaren mit gutem Beispiel voran.

Da gibt es etwa eine Nomadin im Sand, die aber nicht auf einem Kamel, sondern auf einem Motorrad unterwegs ist, und zwar nicht unter der brennenden Wüstensonne, sondern unter schwarzem Asphalt-Himmel. Oder sie zeigt auf ihrem Bild „Hotel Atlantic del Sol“ ein geheimnisvoll im Glanz der Abendsonne erglühendes Wohngebilde bei einer ferngesteuerten Energieaufnahme zu unbekannten Zwecken.

Ihre Anregungen sammelt sie unterwegs, wie sie sagt. Deswegen hat sie auch immer mindestens ein Skizzenbuch dabei. Manchmal fällt ihr ein Farbkontrast auf, manchmal ist es eine Körperhaltung oder eine strukturelle Besonderheit im öffentlichen Raum. Aus diesen Heften mit Zeichnungen wird dann später viel übernommen. Immer führt ihr Weg aber vom Thema zum Material. Dann kann ein meist im kleineren Format ausgeführtes Aquarell dabei herauskommen, oder das Thema muss mit Öl auf Papier gezaubert werden. Am liebsten aber malt sie mit Ölfarben auf Leinwand, weil dann die Farbkörnungen  ihr Glitzern am besten entfalten. Und dann können die Formate auch schon mal ins Riesige anwachsen.

Ihre Themen aber findet sie in ihren Gedanken. So etwa in dem auffälligsten Bild ihrer letzten Ausstellung in der Friedenauer Kunstkammer, das den wohlbedachten Titel trägt: „Wohin gehen wir?“ Dort richtet sich in einer blütengeschmückten Mattensänfte eine naturhaft nur mit einer Maske und mit einem Fantasie-Hut bekleidete Schöne auf und zeigt fragend nach vorn. Doch weder die beiden Träger, noch der Beschützer mit dem Apfelsinenschirm scheinen darauf eingehen zu wollen. Sobald der Betrachter merkt, dass alle Gesichter verborgen sind, richtet sich sein Blick auf den hinteren Träger, denn der gibt trotz seiner Maske einen Hinweis auf seine Identität: Hier läuft der Tod mit, hintendran und doch willig mithelfend, in wetterfester Kleidung und mit einem triumphierenden Geweih auf dem Kopf. Aber trotz dieses todernsten Hintermanns liegt eine apfelsinenfrohe Heiterkeit über diesem Zug des Lebens.

Obwohl bereits verkauft, ist dieses Bild als Leihgabe in einer neuen Ausstellung wieder zu sehen, zusammen mit neuen Bildern, die aus der Thematisierung neuer Anregungen entstanden sind. Die Ausstellung findet statt in der
Galerie Mutter Fourage
Chausseestraße 15
Bushaltestelle Rathaus Wannsee
Öffnungszeiten:
Donnerstag, Freitag: 14-18 Uhr
Samstag, Sonntag: 12-17 Uhr
Eröffnung: 11.10., 19 Uhr  
Ende: 8.11. 18 Uhr

Ottmar Fischer

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