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25.01.2011 / Orte und Plätze

Wo Hahn und Hase einen Guten Tag wünschen

Das Motto stammt aus Fontanes „Stechlin“: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“
v.l.n.r.: Schulleiter Michael Rudolph, PSD-Bank-Vorstandsvorsitzender Norbert Atzler (die PSD-Bank gehört zu den Sponsoren des Friedenau-Museums) und Schulstadtrat Dieter Hapel. Foto: Thomas Protz

Dieser Satz wurde vom Direktor der Friedrich-Bergius-Schule, Michael  Rudolph, zum Leitsatz  für das soeben im Hause eröffnete Friedenau-Museum erwählt, das berlinweit wohl das einzige Museum ist, das nicht nur seinen Ort in einer Schule hat, sondern auch von dem Kollegium einer Schule sowohl eingerichtet wurde als auch betreut wird.

Aber diese Schule , die heute als integrierte Sekundarschule geführt wird, ist wie geschaffen für ein Friedenau-Museum. Denn sie wurde einst im historisierenden Stil der Gründerzeit als Friedenauer Gymnasium errichtet. Und sie bietet daher in ihren architektonischen Besonderheiten  zahlreiche Hinweise auf den Willen der damaligen Einwohnerschaft, ihren Kindern ebendie Weisheit zu vermitteln, die bereits der alte Lorenzen und Melusine aus dem „Stechlin“ ihren Schützlingen mit auf den Weg geben wollten. Die Botschaft lautet: Jeder kann heute Schlossherr werden. Es sei dies Schloss eines aus dem Reich der Chemie, wie dies für den Namenspatron der Schule, Friedrich Bergius, mit dem Nobelpreis für Chemie bestätigt wurde. Oder es sei dies Schloss eines aus den Bausteinen der Politik, wie im Falle des Ehemaligen dieser Schule und Miterbauers der Deutschen Einheit, Egon Bahr.

Bereits am Eingangsportal weisen deutliche Zeichen auf die Weisheitslehre von Lorenzen und Melusine. So ist dort ein Hahn zu sehen, der gewissermaßen im heraufziehenden Morgen die neuen Möglichkeiten begrüßt. Ein Hase mahnt dort zu Aufmerksamkeit und hakenschlagender Geschwindigkeit bei der Flucht vor der Unwissenheit. Ein Blütenzweig weist darauf hin, dass die aus der Blüte hervorgehende Frucht die Folge eines Wachstums aus der Wurzel ist. Und das geerntete Korn schließlich zeigt vor, dass schulisches Lernen zum Lebensunterhalt befähigt.

Diese auch im Inneren der Schule sich fortsetzende Architektursprache hat Direktor Rudolph mehr und mehr angezogen und davon überzeugt, dass es den Friedenauer Bauherren wichtig war, ihrer Schule gerade diese Gestalt zu geben, wie er in seiner Ansprache bei der Eröffnung des Museums im Beisein von Kulturstadtrat Dieter Hapel (CDU) und der Enkel des damaligen Architekten ausführte. Es sei ihm daher ein Anliegen gewesen, dieses Bekenntnis der Bürgerschaft zu ihrer Schule durch die Gründung des Museums gerade an diesem Ort zu ehren: „Daher soll dieses Museum dem Unterricht dienen und gleichzeitig den Stadtteil bereichern.“

Salus scholae salus civitatis
(Das Wohl der Schule ist das Wohl der Bürgerschaft)
In dem vom Besprechungszimmer zum originalen Schulleiterzimmer samt Schreibtisch und Vitrine aus dem Jahre 1902 umgewandelten Museumsraum erwartet den Besucher ein prächtiger Blick auf das Friedenau der Entstehungszeit. Über 300 historische Postkarten zeigen Plätze, Einrichtungen und Gebäude, die oft nicht mehr bestehen, oder die ihr Gesicht derart stark verändert haben, dass sie auf den ersten Blick gar nicht wiederzuerkennen sind.

Wer etwa hätte gedacht, dass man vom heutigen Museumsstandort aus einmal bequem und zu Fuß ein Strandcafé, einen Birkenweg oder eine Radrennstrecke erreichen konnte? Zu sehen sind außerdem optische Geräte der ehemals an der Rheinstraße ansässigen Goerz-Werke, Messgeräte aus dem Physikunterricht der Kaiserzeit sowie Blechdosen für Biomalz und Zwieback, hergestellt von ortsansässig gewesenen Firmen. Zu entdecken sind aber auch Dokumente aus einer zwar jüngeren, aber ebenfalls bereits wieder historisch gewordenen Zeit. So ist dort in dem bewegenden Brief eines Friedenauer Sohnes an seine Mutter vom 17.3.1941 zu lesen: „Der letzte Luftangriff auf Berlin war furchtbar. Der Engländer hat jetzt Bomben von recht starker Wirkung auf Berlin geworfen. Unter anderen starken Zerstörungen fiel eine Bombe bei uns in die Friedenauer Gegend. Nur von dieser einen Bombe sind zwei große Wohnhäuser zerstört und 40 Tote. Ein schreckliches Bild, und wo diese Gefahr noch vor der Hand, für alle jede Nacht da sein kann, willst Du wegen der Einsegnung nach hier kommen, ich könnte es Dir nicht verzeihen. Bleibe noch wenigstens 3 Wochen da, dann hat sich politisch schon viel entschieden… Der Bahnhof und die Brücke vor Deinem Fenster dürften den Engländer wohl mal reizen… Es wird ja auch bald einen Frieden geben, und dann wollen wir doch noch richtig aufleben…“

Ultra posse nemo obligatur
Niemand ist verpflichtet, ihm Unmögliches zu leisten. So steht es eingemeißelt über dem Eingang von Schule und Museum. Aber im Umkehrschluss bedeutet dies ja wohl auch, dass jeder das ihm Mögliche leisten sollte. Wenn es doch also dem Nutzen sowohl der Zeitgenossen wie der Nachwelt dienen kann, so seien hier alle Friedenauer aufgerufen, einmal auf dem Dachboden oder in Nachlasstruhen und  Schatz-kästen nachzusehen, ob es dort vielleicht noch Dokumente und Erinnerungsstücke nicht nur aus der guten, sondern auch aus der schlechten alten Zeit gibt. Direktor und Lehrerschaft freuen sich nämlich nicht nur über den Besuch „ihres“ Museums, sondern auch über neue Fundstücke. Noch ist der Besuch nur nach telefonischer Anmeldung möglich. Greifen Sie also zum Hörer und wählen Sie: 75 60 79 10

Ottmar Fischer

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