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10.07.2016

Wo Friedenauer und Steglitzer gemeinsam einkauften - der Bornmarkt

In der Schloßstraße 1, wo heute das Forum Steglitz steht, befand sich einst ein großer Wochenmarkt.

Fotos: Archiv Heimatverein Steglitz

Eröffnet wurde er 1908 von Albert Marks, einem umtriebigen Redakteur und Bühnendichter, der sich neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch um städtische Belange wie das Organisieren von Märkten oder das Anlegen einer Eisbahn nebst Kaffeebude und Abortgebäude auf dem Gelände des heutigen Titania-Palastes kümmerte. Die Zuordnung des Bornmarktes, wie er wegen seiner Lage an der Bornstraße genannt wurde, zum Bezirk Steglitz ist für das Jahr 1908 nicht zweifelsfrei zu treffen. Die Grenze zwischen Friedenau und Steglitz wurde im Lauf der Jahrzehnte mehrmals verschoben, wie wir ja schon bei unserer Beschäftigung mit der Peschkestraße feststellten. Befand sie sich zum Beispiel auf dem sogenannten „Situationsplan von dem Wilmersdorfer Oberfeld“ von 1874 noch südlich der Gutsmuthsstraße, so ist heute die Bornstraße die Grenzlinie.
 
Das Schöneberg-Friedenauer Tageblatt schrieb im Januar 1928 anlässlich der Eröffnung des neu erbauten Titania-Palastes: „Das Grenzgebiet von Friedenau und Steglitz, an der Stelle, wo die Rheinstraße zur Schloßstraße wird und durch die Verkehrsströme der kurz davor einmündenden Kaiserallee, Schöneberger und Bornstraße eine allgemeine Gefahrenzone entstanden ist, erhält in den nächsten Tagen eine für ganz Berlin einzig dastehende Beleuchtung.“ Gemeint sind damit die Lichtbänder an dem spektakulären Neubau, durch dessen Zuschauerraum damals die Bezirksgrenze mitten hindurch ging, was zu allerlei Witzen in der zeitgenössischen Presse führte. Das heißt also, der Wochenmarkt an der Bornstraße gehörte zu jener Zeit zu Friedenau. Es ist nicht mehr nachzuvollziehen, ob er je als ein Friedenauer Markt angesehen wurde. In der Wochenmarktordnung für Friedenau, die 32 Paragraphen enthielt, um jedes nur mögliche Vorkommnis abzudecken, ist lediglich die Rede vom Markt an der „Kreuzung der Rheinstraße, Ringstraße, Schmargendorferstraße und Lauterstraße ...“. (Polizeiliche Verordnung und Orts-Statute für den Amts- und Gemeindebezirk Friedenau bei Berlin, 1909), dem Markt auf dem Lauterplatz also, der heute Breslauer Platz heißt. Offenbar nahm man es damals nicht so genau mit dieser Bezirksgrenze.

Ich lernte den Wochenmarkt an der Bornstraße als kleines Mädchen kennen. Die Bauern aus der Umgebung Berlins kamen mit ihren Pferdewagen die Schloß- und Rheinstraße entlang und brachten ihre Produkte zu den Markttagen. Aufgewachsen in der südlichen Rheinstraße, ging ich an der Hand meiner Mutter dort einkaufen, wenn wir nicht den Markt auf dem Lauterplatz aufsuchten, der mir auch vertraut war, vor allem wegen der Wurstbude, in der ich jedesmal ein Würstchen bekam. An einen Würstchenstand auf dem Bornstraßenmarkt erinnere ich mich seltsamerweise nicht, genauso wenig wie ich weiß, warum meine Mutter mal diesen, mal jenen Markt bevorzugte. Die beiden Märkte waren sehr verschieden, hell und offen der Markt auf dem Lauterplatz, die Stände weniger in Reih und Glied wie auf dem Bornmarkt, wo neben den Ständen feste Buden mit ihren Dächern eine mehr oder weniger geschlossene Abdeckung bildeten und wo es etwas schummrig war. Vielleicht war das den unterschiedlichen Formen der Plätze geschuldet, auf denen sich die Märkte befanden: ein Dreieck der Lauterplatz, ein langgestrecktes Rechteck der Platz zwischen Born- und Gutsmuthsstraße. Atmosphärisch fühlte ich mich auf dem Breslauer Platz wohler – vielleicht war es ja das Würstchen? Freche Marktfrauen mit großer Klappe gab es hier wie dort; eine rief uns auf dem Bornmarkt wütend hinterher, als wir es ablehnten, ihren patentierten Kirschentkerner zu kaufen: „Na denn entkern' se keene!“, was jahrelang ein geflügeltes Wort in der Familie war, wenn jemand sich vor etwas drücken wollte.

In der Nachkriegszeit begann die Gegend um den Bornmarkt eine größere Rolle für mich zu spielen. Die Amerikaner hatten sich im Titania-Palast eingerichtet, ich besuchte dort die von ihnen eröffnete Bibliothek mit amerikanischer Literatur, die zum Zweck der „Umerziehung“ auch für die deutsche Bevölkerung offen war. Eine Tante von mir wohnte gleich neben dem Titania-Palast, sie kaufte auf dem Bornmarkt ein, wobei ich sie gelegentlich begleitete. Viel zu kaufen gab es noch nicht. Ich erinnere mich daran, wie bald nach Kriegsende dort eine westdeutsche Firma das lange nicht mehr gesehene Eis am Stiel verkaufte, das sie extra für die „armen Berliner“ aus Westdeutschland herangeschafft hatte, und alles strömte herbei, was Beine hatte.

Das ist nun lange her, der Bornmarkt gehört der Vergangenheit an. Auf seinem Areal wurde 1970 das Forum Steglitz gebaut, das vor seinem Umbau vor zehn Jahren in ein modernes Einkaufszentrum noch einen gewissen Marktcharakter besessen hatte, vor allem im Untergeschoss. Meine Schritte lenken mich heute wieder zum Markt am Breslauer Platz, der allerdings auch in etwas verwandelt werden soll, dessen endgültige Form wir noch abwarten müssen.

Sigrid Wiegand

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