Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.09.2012

Wo die Friedenauer und ihre Nachbarn einst ins Kino gingen

Von den zwölf alten Friedenauer Kinos gibt es heute nur noch zwei: das Cosima und das Cinema am Walther-Schreiber-Platz, kurioserweise die beiden ältesten im Bezirk, erbaut 1913 bzw. 1911!

Titania-Palast 1955. Foto: Archiv Heimatverein Steglitz e.V.

Die alte Kinoarchitketur im LPG-Biosupermarkt in der Hauptstraße läßt die Eleganz des ehemaligen Roxy-Kinos erahnen. Foto: Thomas Protz

Albrechtshof-Lichtspielhaus. Foto: Archiv Heimatverein Steglitz e.V.

Das Laterna in der Kieler Straße. Foto: Archiv Heimatverein Steglitz e.V.

Das Stummfilmkino Metropol in der Schloßstraße. Foto: Archiv Heimatverein Steglitz e.V.

Unsere Unterhaltungsgewohnheiten haben sich geändert. Das Fernsehen hatte vielen Kinos den Garaus gemacht; aber nachdem offenbar viele Leute lieber wieder ausgehen als vor dem „Heimkino“ zu sitzen und Chips zu knabbern, füllen sich zumindest die großen Kinosäle in der Innenstadt wieder - home sweet home scheint vorbei!

Wenn ich mich nicht verzählt habe, gab es früher – zum Teil noch bis in die Nachkriegszeit hinein – zwischen dem Rathaus Friedenau am Breslauer Platz (bis 1964 Lauterplatz) und dem Rathaus Steglitz  elf  Kinos.

Fangen wir mit dem Roxy-Palast an, gleich um die Ecke beim Rathaus Friedenau in der Hauptstraße, wo sie dann gleich Rheinstraße heißt. Das moderne Haus wurde 1929 als Kino- und Bürogebäude errichtet und steht unter Denkmalschutz. Die quer liegenden Fensterbänder sollten Filmstreifen symbolisieren und damit an die Hauptfunktion des Hauses erinnern. 1986, als der ehemalige Kinosaal längst als Discothek genutzt wurde, erschreckte dort ein Bombenanschlag Besucher und Friedenauer Bevölkerung.

Weiter in Richtung Kaisereiche lag schräg gegenüber dem Roxy, gleich neben der Nicolaischen Buchhandlung, das Kronen-Kino, das in seinem Saal, an der Dickhardtstraße gelegen, heute ein Restaurant beherbergt; weiter auf der gleichen Seite, dort, wo heute Aldi residiert, das Rheinschloß-Kino, in meiner Erinnerung eine rote „Plüschhölle“.

Den genauen Ort dieser Kinos kann ich mir noch gut vorstellen. Schwieriger wird es schon bei den Hohenzollern-Lichtspielen. Jenseits der Kaisereiche, auf der anderen Seite der Rheinstraße, etwa gegenüber der Sparkasse, waren sie durch einen simplen Hauseingang (Nr. 20) zu betreten. Von dort aus ging man durch einen langen Flur in den Kinosaal, der an der Handjerystraße 64 lag. Ich glaube, dort war auch der Haupteingang, aber natürlich war der Rheinstraßeneingang der  prominentere.

Mit meinen inneren Augen folge ich der Rheinstraße meiner Kindheit und stoße als nächstes auf die Thalia-Lichtspiele, das Kino meiner Jugendvorstellungen am Sonntag. Es befand sich inmitten zahlreicher kleiner Läden wie dem Losch-Seifengeschäft, einem Milchladen, einer kleinen Postfiliale, einem Papierwarengeschäft - dessen Besitzerin Kleopatra hieß und von uns auch nur so genannt wurde und bei der wir unsere Schulartikel kauften - die sich alle, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur, im Erdgeschoss eines großen Häuserblocks mit komfortablen Wohnungen befanden, der komplett durch Bomben zerstört wurde. Heute liegt hier das SSC.

Von dort aus sieht man auch gleich das nächste Kino: den Titania-Palast. Als er 1927 errichtet wurde (außen „neue Sachlichkeit“, innen Art Deco) lag er noch in Friedenau, d.h. die Grenze zwischen Friedenau und Steglitz lief genau durch den Kinosaal, was damals zu allerlei Witzen führte. Seine Attraktion war die Orgel über der Bühne des großen Saals (nur einer!), die vor den Vorführungen bunt erleuchtet wurde und den Zuschauern die Zeit bis zum Beginn der Vorstellungen mit Orgelmusik vertrieb. Neben Filmen wurden im Titania-Palast auch Theateraufführungen, bunte Nachmittage und Konzerte gegeben. Im Sommer 1944 erlebte ich dort die Uraufführung des Films „Die Frau meiner Träume“ mit Marika Rökk, und bereits drei Wochen nach Kriegsende gaben die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler hier ein erstes Konzert.

Ab hier heißt die Rheinstraße nun Schloßstraße, und bis zum Rathaus Steglitz gab es noch die Flora-Lichtspiele, wohl benannt nach der Florastraße, die vor dem Bau der Tangente mit ihrer Überquerung der Schloßstraße direkt als Verlängerung der Schildhornstraße von der Schloßstraße abging. (Ich musste erst auf dem Stadtplan nachsehen, wo sie abgeblieben ist, aber es gibt sie noch!); die Flora-Lichtspiele befanden sich auf der Schloßstraße an der Ecke Treitschkestraße, und in der Schloßstraße 92 war das Filmburg-Kino (bis 1943, also vermutlich ausgebombt). In der Kieler Straße gab es bis 1960 das Laterna.

Als Letztes dann das Albrechtshof-Lichtspielhaus, ein großes, altes Kino, etwa dort, wo sich heute auf dem Kreiselgelände das Hotel Steglitz International befindet. Schaut man übrigens noch ein wenig weiter die Schloßstraße  entlang, entdeckt man hinter dem Schloßpark-Theater das Adria-Kino, das sich seit seinem Wiederaufbau 1952 (früher Schloßpark-Kino, im Krieg zerstört) nicht verändert hat: die Zeit scheint dort stillgestanden. Ich frage mich übrigens, ob bei der neuen Namensgebung nicht die Italiensehnsucht jener Zeit Pate gestanden hat?

Das waren also die elf Kinos zwischen den Rathäusern Friedenau und Steglitz; aber dies sind noch längst nicht alle Kinos, die sich in Friedenau befanden. Es gab noch das Baby-Kino in der Stubenrauchstraße 21 („Das kleinste Kino in der größten Stadt Deutschlands“), das Rheingau-Kino am Bergheimer Platz (hinter der katholischen Marienkirche), das Kino am Südwestkorso (heute residiert das Kleine Theater dort), das Cosima am Varziner Platz und die Friedenauer Lichtspiele (heute Cinema am Walther-Schreiber-Platz), damals wie heute mit einem Schwerpunkt auf Jugend- und Kinderfilmen (Jugendvorstellung!) und last but not least im sogenannten Neu-Friedenau (hinter dem S-Bahngelände) die Palette am Dürerplatz und das Berolina-Kino in der Pöppelmannstraße.

Der Kuriosität halber erwähne ich noch vier Stummfilmkinos in Friedenau/Steglitz: das Biophon in der Rheinstraße 14 (bis 1932), das Pfalzburg-Kino in der Kaiserallee 72 (bis 1915), und Kinotheater und Metropol, wo sich zwischen 1908 und 1922 in der Schloßstraße (Nrn. 58 und 31) die Leute tummelten!

Sigrid Wiegand