Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

26.11.2013

Wissenschaft trifft 100jährige

Mit großem Interesse wurde die Ausstellung der Portraits von 100-jährigen weiblichen und männlichen Schönebergern und Tempelhofern eröffnet, von denen es ca. 200 gibt. Nun folgte noch eine wissenschaftliche Aufarbeitung am 11.11.2013 im Goldenen Saal des Rathauses Schöneberg, das ebenfalls seinen 100. Geburtstag feiert.

Foto: Marion Schütt

Als Referentinnen waren Frau Prof. Dr. Kuhlmey (Charité) und Frau Prof. Dr. Jopp (Uni Heidelberg / Fordham University U.S.A.) geladen, die nach der Einführungsrede von Frau Dr. Sybill Klotz, in der auf die Bedeutung des demografischen Wandels in der Gesellschaft hingewiesen wurde (die 80 jährige Altersgruppe wächst derzeit am stärksten), ihre Vorträge hielten. Interessant war, dass mit dem Vortrag von Frau Prof. Dr. Jopp Vergleichsdaten einer U.S. amerikanischen Studie vorlagen.

Frau Prof. Dr. Kuhlmey erklärte die Unterschiede zwischen Kompressionsstudie und Medikalisierungsthese. Erstere geht davon aus, dass wir mit steigender Lebenserwartung auch mehr Jahre in Gesundheit verbringen, während Letztere behauptet, dass mit steigender Lebenserwartung die Gesundheitskosten infolge der Multimorbidität ansteigen.

Ein Mensch ist gesund, wenn er seine Lebensziele verwirklichen kann. 80% sind in ihrer Alltagskompetenz kaum eingeschränkt, 77% haben jedoch chronische Krankheiten. Der Preis für ein hohes Alter ist vielfach die Demenz. 1,1 bis 1,4 Millionen Menschen leiden darunter. Der Personenkreis betroffener Angehöriger beträgt ca. 6-7 Millionen Menschen. Demenz kann als modernes Risiko in einer modernen Gesellschaft bezeichnet werden.

Zur Vermeidung von Demenzerkrankungen hat sich herausgestellt, dass Bewegung sehr wichtig ist. Auch gibt es eine Relation zwischen Demenzerkrankung und Bildung. Signifikant erscheint, dass Personen mit mehr als 15 Jahren Bildung weniger an Demenz er-kranken als Personen, deren Bildungzeitraum kleiner als 12 Jahre war. Wichtig ist auch die soziale Einbindung der Senioren bei der Verhinderung von Demenz. Als problematisch stellte sich heraus, dass nur 5,2% der Seniorenhaushalte barrierefrei sind. Das Fazit dieses Vortrags war, dass es eine Utopie ist, problemlos zu altern und man daher realistisch sein sollte.

Frau Prof. Dr. Jopp eröffnete ihren Vortrag mit der Geschichte, dass sie in den U.S.A. einen 107jährigen Investmentbanker in ihren Studien hat, der noch heute jeden Tag zur Arbeit geht. Danach stellte sie die 2. Heidelberger 100-jährigen Studie vor, die Teil eines weltweiten Netzwerkes von Studien ist. Es gibt noch Parallelstudien in New York, Portugal und demnächst Japan. Die Studie besagt, dass zur Zeit 13.200 100jährige in Deutschland leben. Der Anteil bis ins Alter allein Lebender hat sich erhöht. Heute ist ein 100jähriger gesünder als vor 11 Jahren, als die 1. Studie gemacht wurde. Die Pflegebedürftigkeit ist jedoch ähnlich hoch wie damals.

Durchschnittlich hat ein 100jähriger 4,1 Krankheiten. Der kognitive Status hat sich verbessert. 73% der Untersuchten hatten mindestens ein Kind. Von 92% lebte ein Kind in der Nähe. Bei 54% war das Kind bereits über 70 Jahre alt. Im Vergleich zu den U.S.A. zeigte sich, dass dort die professionelle Hilfe stärker ausgeprägt ist. In der Bundesrepublik überwog die Hilfe im Haushalt und Putzen, während in den USA der Schwerpunkt mehr auf Pflege ausgerichtet ist.

Ein wichtiger Punkt ist die Einsamkeit im Alter. Einsamkeit hat auch einen großen Einfluss auf die Gesundheit von alten Menschen. Das Gefühl der Einsamkeit nimmt jedoch bei den 100jährigen wieder ab. Die psychologischen Stärken alter Menschen verändern sich im Altersprozess. Der Optimismus sinkt zunächst, um dann wieder bei den 100jährigen anzusteigen. Der Lebenssinn und -wille sinkt auf hohem Niveau. Die Studien zeigen, dass die New Yorker 100jährigen weniger optimistisch sind als die Deutschen. 80% sind jedoch zufrieden mit ihrem Leben. Einsamkeit ist jedoch ein wichtiger Punkt, da ein Drittel der Hundertjährigen kein Kind hat.

Zusammenfassend war festzustellen, dass die Chance stark gestiegen ist, selbstständig zu leben und die 100 Jahre zu erreichen, es bedarf jedoch neuer alternativer Versorgungsstrukturen, die dem demographischen Wandel gerecht werden. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden zusätzlich Vertreter des Nachbarschaftsheims Schöneberg sowie die Organisatoren der 100jährigen Ausstellung Frau Schütt und Frau Preuß gehört. Hier war zu hören, dass Nachbarschaft und Kiezbezug sehr wichtig sind fürs Älterwerden. Mit dem demographischen Wandel ist die Demenz in der Gesellschaft angekommen und es bedarf sorgender Gemeinschaftsstrukturen, um dies zu bewältigen.

Als Schlussbemerkung ist zu sagen, dass 100jährige Ressourcen besitzen, die für die Gesellschaft wichtig sind, wie Vorbildfunktion und psychologische Stärke.

Die wirklich sehenswerte Ausstellung im Foyer des Rathauses Schöneberg, ist täglich noch bis zum 15.12.2013 von 09:00 Uhr bis 18:00 Uhr zu sehen.

Thomas Geisler

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