Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

5.11.2013

Wiedergeburt in Berlin

Zweiter Teil: Indem René Sintenis in ihrer Stuttgarter Jugendzeit damit begonnen hatte, die Erinnerungen an die Tiere ihrer Neuruppiner Kindheit zu zeichnen, hatte sie sich selbst einen Weg vorgezeichnet, der ihr weiteres Leben bestimmen sollte.

Renée Sintenis: Der Läufer Nurmi, 1926, Bronze, Höhe 41,5 cm. Foto: Bernd Sinterhauf, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Nach wenigen Jahren im für sie wesensfremden Stuttgart geht die Familie nach Berlin, das damals nach Westen hin noch an der Fasanenstraße endet. Renée verlässt ohne Abschluss das Gymnasium und beginnt ein Studium an der Gewerbekunstschule. Sie gehört damit zu den ersten Frauen überhaupt, die in der männerdominierten Kaiserzeit ein Studium aufnehmen konnten. Hier werden künstlerische Formen für praktische Anwendungen erprobt: Pflanzenkübel, bemalte Kacheln, holzgeschnitzte Verzierungen. Zu-dem nehmen die Studierenden an Plakatwettbewerben teil: Dr. Oetkers Backpulver, Waldorf Astoria Cigaretten, Tuschfarben von Pelikan. Sie bekennt: „Als ich nun in die Kunstgewerbeschule kam, wurde mir eine große Überraschung zuteil. Das Tierzeichnen hörte völlig auf. Das war ein merkwürdiger Vorgang und hing irgendwie mit der Existenz und Wirkung der Schule zusammen. Es war so, als ob durch diese Atmosphäre ein geheimer Bannkreis um mein Innerstes gezogen würde, und ein neuer, anderer Gesichtskreis umgab mich. Die von mir mit so heißer Leidenschaft gezeichneten Tiere fielen sozusagen in eine Klappe und waren verschwunden … Merkwürdig war meine geradezu erschreckende Abneigung gegen Farben und das Malen überhaupt. Bilder fand ich scheußlich … So blieb mir, wie es schien, nur die Bildhauerei übrig.“

Doch auf ihrem Weg zur gefeierten Bildhauerin gab es zunächst neue Schwierigkeiten: “Mein Vater war, so glaube ich, ein bezaubernder, aber allzu menschlicher Anwalt, daher hatten wir nie Geld“. Also brach die Tochter das fünfte Semester ab und lernte Stenografie und Schreibmaschine, um dem Vater als Schreibkraft zu helfen. Aber um welchen Preis: „Drei Jahre habe ich so geschuftet, ohne zur Besinnung zu gelangen. Alles in mir war wie tot. Ein Traumschlaf hätte nicht schwerer und belastender sein können als diese langsam schleichenden Stunden, Tage, Monate … Vielleicht werden durch solche Erlebnisse in uns Entwicklungen vorbereitet … Jedenfalls weiß ich heute, dass diese Monate schwerer innerer Zerrissenheit, der großen seelischen Not, unerlässliche Voraussetzungen für meine Entfaltung gewesen sind. Eines Tages nun war mir, als ob es bis an meinen Hals stiege. Da bin ich von Hause gegangen, habe bei Bekannten gewohnt, die ein Zimmer frei hatten – lebte dort wieder vier Wochen in Untätigkeit und innerem Grübeln, um dann nach dieser Zeit mein erstes Tier zu machen.“

Sie ließ ihren Haarzopf abschneiden, lernte bei Aschinger für 30 Pfennige Löffelerbsen mit Speck kennen und die kostenlosen Dampfbrötchen dazu schätzen. Und sie beißt sich durch, „auf wankendem und schwankendem Boden“, wie sie sagt, findet Förderer und Wegbegleiter, stellt noch vor dem Ersten Weltkrieg in der Berliner Herbstausstellung erstmals drei Statuetten einer überraschten Öffentlichkeit vor. Im Jahr darauf folgt eine Ausstellung im für die Moderne aufgeschlossenen Mannheim. Immer geht es dabei gegen den vorherrschenden Historismus und um die Rückgewinnung ihres inneren Erlebens. Das beginnt zunächst mit Tänzerinnen und anderen Frauenfiguren, die alle der fast zwei Meter langen und überschlanken Künstlerin gleichen, dann aber findet sie zu den später weltberühmten Tierfiguren, ihrem Kindheitsschatz, zu denen auch das Fohlen auf dem nach ihr benannten Friedenauer Platz gehört.

In der Kunst-Diktatur des Postkartenmalers Hitler und des Olympia-Architekten Speer gerät sie dann in die äußerste Existenznot, denn nicht die Kunst, sondern die Politik bestimmt, was ausgestellt werden darf. Aus der Öffentlichkeit verdrängt, überlebt sie den Bombenkrieg und das Nachkriegselend mit zwei erfrorenen Zehen in den Ruinen ihrer Wohnung, muss ihrer Brieffreundin ansagen: „Der rechte Zeigefinger ist ab wegen Blutvergiftung und Phosphor“, hält der Stadt ihrer erlebten Emanzipation aber auch in der elenden Nachkriegszeit und selbst dann noch die Treue, als sie nach der Blockade die ersten Meldungen eines besseren Lebens aus dem Westen erreichen. Sie formt ihre Figuren nun auf dem Fensterbrett ihrer neuen Wohnung in der Innsbrucker Straße und erhält endlich eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste. Doch sie kann ihre Zuversicht nicht zurückgewinnen. Aber sie hat ein Vermächtnis für uns, das sie bereits 1948 in einem Interview äußerte: „Die heutige Zeit ist wie Ton in unseren Händen. Es liegt an uns, etwas Vernünftiges daraus zu formen.“
Es ist nun endlich eine Biografie der 1965 verstorbenen Künstlerin erschienen, worin dieses erstaunliche Leben sorgfältig nachgezeichnet wird, und die zudem einen umfassenden Blick auf den Freundeskreis und das Zeitgeschehen wirft. Es sei hier aus Überzeugung zur weiteren Lektüre empfohlen: Silke Kettelhake: Renée Sintenis – Berlin, Bohème und Ringelnatz, Osburg-Verlag.

Ottmar Fischer


Ausstellung: Renée Sintenis. Berliner Bildhauerin (1888-1965)
Laufzeit: 24.11.2013 - 23.03.2014
Eröffnung der Ausstellung: 24.11.13 um 11.30 Uhr
Georg Kolbe Museum,
Sensburger Allee 25, 14055 Berlin
Eintritt: ab 18 J. 5,- / 3,- Euro

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