Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

03.07.2011 / Projekte und Initiativen

Wie überlebe ich meinen ersten Kuß?

Nach dem Buch „generation 12+“ von Francine Oomen eingerichtet für die Bühne von Heleen Verburg, Regie Betty Hensel, Musik Bad Odijk
Jonas, Esther und Saski singen „Dreizehn“ (von li: Andreas Schwankl, Anna Trageser, Kristin Becker). Foto: Joerg Metzner

„Du sollst mir doch nicht immer auf den Mund seh'n / sonst muß ich mal der Sache auf den Grund geh'n / und dabei käm' ich sicher zu dem Schluß / du willst nur – einen Kuß – einen Kuß!“

Vor etwa 70 Jahren war dieser Schlager sehr beliebt und verbreitete sich auch ohne Fernsehen und Youtube übers Radio unter den damaligen Jugendlichen. Ausgetauscht haben sich die Mädchen der dreißiger und vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts per Brief und Telefon (Festnetz, versteht sich), das ja durchaus auch seine virtuellen Seiten hat. Und haben sich Ähnliches gefragt wie Rosa und ihre twitternden Freundinnen auf der Bühne des JugendTheater Strahl: „Wie überlebe ich meinen ersten Kuß?“ Da hat sich trotz Youtube und Facebook offenbar nichts geändert, es war und ist aufregend, spannend, auch etwas beängstigend und manchmal peinlich. Aber wenn alles gut geht, ist es einfach toll!
 
Rosa, vierzehn Jahre alt, hat sich theaterwirksam mit allen möglichen Schwierigkeiten herumzuschlagen: Umzug in eine andere Stadt, noch keine neuen Freunde, ein Stiefvater, ein neues Brüderchen. Und nun auch noch Thomas! Der ist zwar süß, und es ist herrlich, ineinander verliebt zu sein, aber es hat auch seine Schattenseiten, wenn der andere dann doch nicht so toll ist, wie man zuerst dachte. Das Hin- und Hergerissensein zwischen ihren Gefühlen und der Realität, die Heimlichkeiten gegenüber der Familie, das alles läßt sie schon mal den Boden unter den Füßen verlieren.
Wie Rosa letztendlich erkennt, was richtig ist und was falsch, das ist der Kern des Stücks.   Darüber hinaus handelt es vom Lebensgefühl heutiger Jugendlicher.“Ich wollte unbedingt die Youtube-Ästhetik, die sie heute erleben, auf der Bühne umsetzen,“, sagt die Regisseurin Betty Hensel. „ ... Der Chatroom, der sich ja eigentlich nur in der virtuellen Welt abspielt, wird live auf der Bühne gezeigt. Es wird live gefilmt und auf eine Lein-wand projiziert, analog zur Welt von Youtube.“

In einer geschickten Inszenierung führt ein (vermeintlicher) Regisseur vor, wie man ein Theaterstück auf die Bühne bringt, wie eine Handlung aufgebaut wird und man mit ein paar Versatzstücken Räume gestaltet. Die Schauspieler selbst räumen tanzend die Bühne um und unterhalten so noch in den Umbaupausen. Der „Regisseur“ wendet sich auch direkt an das Publikum und fragt nach seinen Eindrücken, er spricht Rosas Gedanken aus oder redet ihr gut zu. So entsteht eine lebendige Aufführung, die keine Langeweile aufkommen läßt.

Das Konzept kommt gut an bei den jugendlichen Zuschauern und Zuschauerinnen. Im ersten Teil, in dem sich die Liebesgeschichte zwischen Rosa und Thomas anbahnt, herrscht noch erwartungsvolle Stille. Als dann aber im Verlauf des Stückes die Schwierigkeiten zunehmen und Katastrophen am Horizont auftauchen, greifen sie verbal ein: „Mach das nicht!“ wird gerufen, „der ist doch ein Arschloch!“ und es gibt stürmischen Beifall, als Rosa sich für das Richtige entscheidet. Sie finden sich sichtlich mit ihren Problemen wahrgenommen, wie wir es vom Theater Strahl gewöhnt sind.

Um so mehr überrascht es, dass trotz aller medialen Neuheiten anscheinend immer noch die Meinung herrscht, es müsse unbedingt der Junge sein, der den ersten Schritt tut und das Mädchen in der Rolle der Abwarten-den verharrt. Ich mag es gar nicht glauben und befrage in der Pause einige Jungen dazu. Nach einigem Hin und Her bestätigen sie jedoch meinen Verdacht: das müssen die Jungs machen! Und wieso? Ja, heißt es, das ist eben so. Eine Lehrerin weist auf die neuerdings aufkommenden konservativen Tendenzen unter Jugendlichen hin. Wer weiß, was sie noch alles aus der Mottenkiste holen werden ... Da sind wir Erwachsenen manchmal schon etwas weiter.

Sigrid Wiegand

Schreib’ deine 1. Kussgeschichte
Wie hast du deinen 1. Kuss er-lebt und überlebt? Ob Poesie, Prosa oder Tagebuch: Manchmal ist es fantastisch, oft aber auch irgendwie komisch und fast immer eine Geschichte wert. Das Theater Strahl vergibt 46 Preise für die originellsten, lustigsten oder bedeutendsten Geschichten. Eine Experten-Jury wählt die schönsten Geschichten aus. Schickt den Text bis 30.12.2011 per E-Mail an: <link mail ein fenster zum versenden der>l.roessler@theater-strahl.de oder per Post an:
THEATER STRAHL
Lilo Rößler
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Am 7. Februar 2012 verleiht die Schriftstellerin Francine Oomen die Preise.

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