Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

26.11.2014

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts … aber es ist echt spannend!

Die Denkmalliste des Landesdenkmalamts Berlin umfasst rund 1000 Seiten. Man könnte den Eindruck gewinnen, unsere gesamte Metropole stünde unter Denkmalschutz.

Informationsstele im Harry-Breslau-Park in Steglitz hinter dem Boulevard an der Schloßstraße. Foto: Hartmut Ulrich

Gelistet sind nicht nur  Wohnhäuser, sondern auch Villen, Einfamilienhäuser, aber auch ganze Gebäude-Ensemble, einzelne Treppenhäuser oder Fassaden und schützenswerte Gebäude wie z.B. Wassertürme, selbst Gartenanlagen sind aufgeführt. Die privaten Eigentümer solcher denkmalgeschützter Häuser oder Anlagen unterliegen umfassenden restriktiven Auflagen bei deren Renovierung oder Umbau. Das führt nicht selten zu Interessenkonflikten und Rechtsstreiten. Es kommt aber auch vor, dass ein Denkmal buchstäblich „ins Gras beißt“, d.h. es wird wegen übergeordneter stadtentwicklungspolitischer Interessen aufgegeben und für Neubauten abgerissen.
Alle diese Denkmale sind sichtbar, weil oberirdisch. Weniger bekannt sind die unterirdischen, die sogenannten Bodendenkmale.

Die Unsichtbaren
„Ein Bodendenkmal ist eine bewegliche oder unbewegliche Sache, die sich im Boden oder in Gewässern befindet oder befunden hat und deren Erhaltung … w-gen der geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen oder städtebaulichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt.“ (Auszug aus §§ 2,3 Denkmalschutzgesetz Berlin). Damit sind zum einen archäologische Funde gemeint, die Zeugnisse der Kulturgeschichte bieten, demnach also Relikte menschlichen Wirkens. Das zurzeit wohl bekannteste archäologische Bodendenkmal befindet sich beim Berliner Schloss, weitere sind auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt zu finden.
Weitaus schwieriger zu verorten sind klimageschichtliche oder geologische  Bodendenkmale, es gibt sie, sie sind geschützt, aber selbst nach akribischer Recherche war leider keine Liste für Berlin dazu einsehbar.

Böden kommt eine wichtige Funktion als Archiv nicht nur zur kulturellen, sondern auch zur Landschaftsgeschichte zu. Das sind tatsächlich “geheime Denkmale“, wenn man Glück hat, wird mit einer Hinweistafel auf sie aufmerksam gemacht - so wie im Steglitzer Harry-Bresslau-Park.

Vom Eise befreit
wurde Berlin erst vor ca. 12.000 Jahren. So lange ist das ja noch nicht her - zeitlich gesehen ein Flohfurz in der Erdgeschichte. Vor ca.115.000 Jahren begann die sogenannte „Weichsel-Eiszeit“, die letzte Kaltzeit für Nordeuropa und das nördliche Mitteleuropa. Die Gletscher schoben sich von Skandinavien bis vor in die Mark Brandenburg. Diese Kaltzeit unterlag aber auch Klimaschwankungen, so dass es zu unterschiedlichen Eisvorstößen kam, die jeweils Endmoränen hinterließen. Die im Verlauf dieser Zeit mal wachsenden und mal wieder zurückweichenden Gletscher schoben Gesteinsmaterial vor sich her, das beim Rückzug der Eismassen als eine Art Hügel (Moränen) unsere Landschaft bis zum südlichen Brandenburg prägt.

Auch das Berliner Urstromtal entstand während der Weichsel-Eiszeit. Schmelzwässer der zurück-weichenden Gletscher prägen diese Landschaft: Unsere sprichwörtliche „Märkische Sandbüchse“. Aber auch unser im Grundwasser gespeichertes Trinkwasser findet in der Zeit seinen Ursprung.

Zurück zum Bodendenkmal im Harry-Bresslau-Park:
Die Hinweistafel weist auf im Boden erhaltene Relikte der letzten Eiszeit hin: Eiskeile. Durch das wiederholte Gefrieren und Auf-tauen der oberen Bodenschichten während der Eiszeit - die tieferen Bodenschichten verweilten im Permafrost - entstanden in den höheren Schichten Zerrungsrisse: Der Boden taute auf, füllte die Zwischenräume der Sand- und Gesteinsschichten mit Wasser, das wiederum in der nächsten Kälteperiode gefror und mit seiner Ausdehnung die Schichten auseinanderdrückte. Durch die wiederholten Auftau- und Gefrierphasen entstanden sogenannte Frostkeile, größere keilförmige Risse, in denen sich die „Eiskeile“ bildeten. In den längeren Wärmeperioden schmolz das Eis in diesen Keilen; das obere Bodenmaterial (meistens Sand) rutschte nach und so sind heute die ehemaligen Eiskeile meistens mit Sand gefüllt. Diese Eis- oder auch Sandkeile befinden sich als klimageschichtliche Zeitzeugen nicht nur im Boden des Harry Bresslau-Parks, man findet sie auch an vielen Orten in Brandenburg.  

Wie aber wurden diese für unsere Klimageschichte so wichtigen und interessanten Bodenarchive entdeckt? Dr. Björn Kluge (TU Berlin) gibt mir gerne Auskunft: Ende der 70er/Anfang der 80er erfolgte eine bodenkundliche Kartierung in West-Berlin. Mit Spezialbohrern wurden Substratschichtungen gesichtet und damit extrahierte Bodenproben analysiert. Die wiederum gaben mittels wissenschaftlicher Untersuchungen  Aufschluss über unsere Klimageschichte. Den Boden im Harry-Bresslau-Park hat Dr. Kluge im Zuge der Neubebauung (Boulevard Berlin) mittels entsprechender Bohrungen selbst untersucht. Das Hinweisschild zum Bodendenkmal basiert auf seinem Entwurf dazu.

Wer sich für weitere Informationen zu Bodenbeschaffenheit, Nutzung usw. im Berliner Raum interessiert, wird auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fündig: Im dort einsehbaren digitalen Umweltatlas. (www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/umweltatlas)

Rita Maikowski

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