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25.10.2018

Wie die Kirche ins Dorf kam

So mancher Friedenauer Straßenname kann noch heute etwas zur frühen Siedlungsgeschichte des Ortes erzählen.

Postkarte von 1917

An der Grenze zu Steglitz verläuft die Bornstraße, benannt nach jenem Aktivisten, der die Gründung des „Landerwerb- und Bauvereins auf Actien“ anstieß. Der erwarb seinerseits 550 Morgen (=141,35 Hektar) vom Vorbesitzer Carstenn, nach dessen ursprünglichen Plänen sodann das Bauland parzelliert und an Berliner Landleben-Anhänger verkauft wurde, darunter besonders viele höhere Beamte. Im Frühjahr 1872 konnten die ersten Häuser im Bereich Illstraße/Dickhardtstraße. bezogen werden. Und mit der im Herbst 1874 „auf Allerhöchsten Erlaß“ erfolgten Erhebung zur selbständigen Landgemeinde mit bereits 1145 Seelen setzten auch bald Überlegungen ein, die bislang bei Wilmersdorf verbliebene Kirchengemeinde ebenfalls zu verselbständigen, was aber erst am 1. Oktober 1889 vollzogen werden konnte.

Die Zwischenzeit war angefüllt mit Improvisationen. Der erste Gottesdienst überhaupt wurde in einem Zimmer des damaligen Hauses Rheinstraße 60 abgehalten. Es folgte eine Zeit im „Kaiser-Wilhelm-Garten“, der heutigen Trattoria dell‘ Arte in der Rheinstraße. Doch da der geschäftstüchtige Inhaber neben der Saal-miete auch eine Gebühr für die Nutzung des Klaviers verlangte, auf dem der erste Friedenauer Lehrer den Gemeindegesang zu begleiten pflegte, zog der gemeindliche Gottesdienst im Jahre 1891 in die inzwischen fertiggestellte Turnhalle auf dem Schulgrundstück in der Albestraße, wo heute das Altenheim steht.

Um das Zustandekommen des Kirchenbaus auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz hatte sich besonders der Namenspatron der Lefèvrestrasse verdient gemacht, nämlich der Geheime Kanzleirat Lefèvre, dessen fremdländischer Name an der Ecke Föaufstrasse allerdings, gewissermassen zum ungewollten Gedenken an die Schwierigkeiten mit den französischen Akzent-Zeichen, mit dem falschen é in der Mitte geschrieben steht. Dieser Herr Lefèvre, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des 1887 gegründeten Kirchenbauvereins, tat sich sowohl bei der Organisation der Finanzierung als auch bei der Beschaffung des Bauplatzes hervor, was beides ein schweres Stück Arbeit war. Angetrieben mag er dabei auch von seinem hugenottischen Ahnenerbe gewesen sein. Denn sein französischer Name deutet ja darauf hin, dass seine Vorfahren einst der Einladung des brandenburgischen Kurfürsten zur Ansiedlung in der Mark folgten, als sie wegen ihres protestantischen Glaubens von der katholisch-absolutistischen Macht in Frankreich mit dem Tode bedroht und ihrer Vermögen beraubt wurden.

Kampf um den Bauplatz

Der Hamburger Bodenspekulant Julius Hüniken dagegen folgte einfach seiner Spürnase für gute Geschäfte, als er sich im Jahre 1883 bereit erklärte, der Kirchen-Gemeinde ein Grundstück an der Ecke Goßlerstraße für den Bau eines Pfarrhauses zu schenken, sofern die politische Gemeinde den Friedrich Wilhelm Platz für den Bau der Kirche bestimmte, was denn auch noch im selben Jahr erfolgte. Das Kalkül hinter der vermeintlichen Großherzigkeit war die Überlegung, dass nach der Errichtung der Kirche auch das westlich davon noch als Kornacker genutzte Land schnell zum Bauland werden würde, was mit guten Gewinnen für die Spekulanten dann ja auch geschah. Doch auch die Gemeindemitglieder beherrschten die Grundrechenarten. Um zu verhindern, dass der Wert des geschenkten Grundstücks in die Aufteilungssumme bei der Verselbständigung der Friedenauer Tochtergemeinde eingehen konnte, wurde das Grundstück zunächst der politischen Gemeinde überschrieben, bevor es nach der Verabschiedung aus der bisherigen Kirchenfamilie mit den Dörfern Wilmersdorf, Schmargendorf und Dahlem, die am 1. Oktober 1889 erfolgte, der neuen Friedenauer Kirchengemeinde überschrieben wurde. Das Grundstück für den Kirchenbau dagegen verblieb dauerhaft im Besitz der politischen Gemeinde. Der Eintrag im Grundbuch lautet: „Der Kirchengemeinde Friedenau steht an diesem Grundstück der ungestörte und unentgeltliche Besitz, Gebrauch und Genuß zu, und wird dasselbe erst dann wieder freies Eigentum der politischen Gemeinde Friedenau, wenn die darauf erbaute evangelische Kirche eingeht.“

Zur Bauausführung gelangte der in einem anderen Wettbewerb abgelehnte Entwurf des Berliner Architekten Doflein, der damals den „Allerhöchsten Beifall“ der Kaiserin Auguste Viktoria (Volksmund: „Kirchenjuste“) gefunden hatte, was dem Kirchenbauverein zu Ohren gekommen war. Einer Bitte um die Übernahme des Protektorats verschloss sich Juste daher erwartungsgemäß nicht. Ihr Oberhofmeister Freiherr von Mirbach teilte mit, dass sie dazu gern bereit sei, „etwaige Wünsche und Anträge des Gemeinde-Kirchenrates würden demnach an den Engeren Ausschuss des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins zu richten sein, welchem Ihre Majestät die Kaiserin und Königin die Ausführung der unter Allerhöchst Ihrem Protektorat stehenden Kirchen übertragen haben“. Der für die Friedenauer Verhältnisse etwas zu großartig geratene Entwurf musste freilich angepasst werden, was der Architekt „mit überraschender Schnelligkeit besorgte“, wie der Friedenauer Chronist der Kirchengemeinde, Julius Möller, von Berufs wegen Geheimer Bautechnischer Revisor im Preußischen Landwirtschaftsministerium, in seiner Gemeindegeschichte schreibt.

Es geht endlich los

Weniger schnell geriet dann der weitere Weg von der Befürwortung der „in hohem Grade befriedigten Majestäten“ (Möller) bis zur Umsetzung. Denn um die Sache zu beschleunigen, hatte sich die Gemeinde unter Hinweis auf die „Wünsche der Majestäten“ direkt an das Bauministerium gewandt, doch die übergangenen Instanzen wussten die erhoffte Beschleunigung in eine Verlangsamung zu verwandeln, indem sie mitteilten: „Schließlich müssen wir das eigenmächtige Vorgehen des Gemeinde-Kirchenrates im vorliegenden Falle rügen, da dasselbe auch nicht dadurch gerechtfertigt ist, daß, wie dort in Erfahrung gebracht, Allerhöchsten Orts ein baldiger Beginn des Baus gewünscht wurde. Wir erwarten daher mit Bestimmtheit, daß der Gemeinde-Kirchenrat für die Zukunft bei Stellung von Anträgen pp. den vorgeschriebenen Instanzenweg einhalten wird und sich demgemäß an die zuständige Aufsichtsbehörde wendet.“ Wo-raus zu ersehen ist, dass es der Verwaltungsbürokratie auch schon damals egal war, wer unter ihr an der Staatsspitze steht.

Als wirksamer Hinderungsgrund erwies sich eine Lücke in der Finanzierung, denn die Auszahlung der bewilligten Staatshilfe war an die Aufbringung der übrigen Summe gebunden. Also verfügte die Aufsichtsbehörde - zur entsprechenden Verminderung der Kosten - Änderungen am Bauentwurf dergestalt vorzunehmen, indem eine Einschränkung in der Höhe des Turms und des Kirchenschiffs erfolgt. Doch an dieser Stelle trat ein weiterer Friedenauer Gründungsbürger auf den Plan, nach dem später eine Straße benannt wurde, nämlich der erste und langjährige Gemeindevorsteher Georg Roenneberg, von Beruf Rechnungsrat, der gleichzeitig einer der vier Kirchenältesten war und dessen weibliche Familienmitglieder die Höhere Töchterschule betrieben. Er sorgte für einen Beschluss des politischen Gemeinderats, zu den bereits bewilligten 24.000 Mark noch weitere 12.000 Mark zu spenden, wodurch die Deckungslücke geschlossen werden konnte. Denn mit den 10.000 Mark vom Kirchenbauverein, der Allerhöchst bewilligten Staatsbeihilfe von 68.000 Mark, sowie dem Grundstock aus der Aussteuer der Muttergemeinde Wilmersdorf, ergab sich nun die veranschlagte Summe von 264.000 Mark. Der Bau konnte beginnen. Am 22. Oktober 1891, dem Geburtstag der spendablen Kaiserin, fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Und am 10. November 1893 folgte die Einweihungsfeier in ihrem Beisein, also vor 125 Jahren.

Bei der Endabrechnung kam es allerdings erneut zu einer Finanzierungslücke, denn die veranschlagte Summe wurde um 10.423,78 Mark überschritten. Kirchenchronist Möller hat uns aber auch die Namen derer übermittelt, die diese Lücke zu schließen bereit waren: Der Rentner Eggers mit 2.000.-, der Rentner Lichtheim mit 200.-, der Bauunternehmer Pählchen ermäßigte seine Forderung für gelieferte Ziegelsteine  um 928,61 Mark, der Ziegeleibesitzer Herms die seine um 500,29 Mark, der Ingenieur Finke die seine um 48,41 Mark, und der dann noch verbleibende Rest in Höhe von 110,57 wurde von der Kirchenkasse übernommen. Nach diesen edlen Spendern wurde aber keine Straße benannt.

Ottmar Fischer