Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

28.05.2020

Wer kann Marktgeschichten erzählen?

Von Ottmar Fischer Eine so richtig selbständige Gemeinde hat auch einen Markt auf einem Platz. Daher beschloss die Friedenauer Gemeindevertretung im Jahre 1889 die Einrichtung eines Wochenmarktes auf dem damaligen Lauterplatz (Breslauer Platz), wo er bis heute unverändert am Sonnabend und am Mittwoch stattfindet. Die Friedenauerin Hanna Zunk schrieb dazu im „Lokalanzeiger“ des Jahres 1924:

Aus dem Aufruf des Verlags zum Mitmachen. Quelle: edition Friedenauer Brücke

„Friedenau hat vielfache Gesichter. Eines seiner interessantesten zeigt es am Markttage. Die Bodenständigkeit eines Ortes beruht im Grunde auf dem Hauswesen, auf der Hausfrau. Die alte Friedenauerin hat praktischen Sinn; der jungen vererbt sie ihn, daher schon seit Urgroßmutters Zeiten die Beliebtheit der Wochenmärkte. Hier kann sie ihrem eigensten Bedürfnis völlig nachgehen.“

Dieser bodenständige Charakter des Friedenauer Marktes hat sich bis heute erhalten, wenn auch das hausfrauliche Element inzwischen durch männliche Genießer Ergänzung gefunden hat. So zählte etwa der Schriftsteller Günter Grass, der seinen lukullischen Leidenschaften in seinem „Butt“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat, während seiner Friedenauer Jahre zu den ständigen Besuchern. Am Donnerstag gibt es heutzutage sogar eine ganz unhausfrauliche Extrawurst im Angebot, denn dann bieten fliegende Köche neben Thüringer Rostwürsten auch gebratenen Fisch, indische Spezialitäten oder französische Mehlspeisen an.

Samstags und mittwochs schallen dann wieder die Rufe der Händler über den Platz, besonders wenn gegen Schluss die letzten Bestände zu spektakulären Sonderpreisen angepriesen werden. Es bleibt aber alles tatsächlich „bodenständig“, zumal neben den Exoten aus dem Großmarkt Beusselstraße auch Obst, Gemüse und Kräuter aus eigenem Anbau angeboten werden. Und besonders an diesen Ständen mit Waren aus der regionalen Umgebung geht es entsprechend hemdsärmelig zu, denn die Kontakte zwischen Händlern und Kunden haben sich im Laufe der Zeit zu einem Vertrauensverhältnis entwickelt, so wie es die Alten noch aus der Zeit der persönlichen Kundenbeziehung in den Tante-Emma-Läden zu berichten wissen. Und das gilt auch für die Verkaufshänger oder Verkaufswagen, die praktischerweise den Warenaufbau schon zuhause ermöglichen. Das schafft sogar eigene Atmosphäre, etwa beim Angebot von Feinkost-Salaten. Aber auch die Trennung der Sortimente würzt die Stimmung, wenn es etwa um die mobile Kaffee-Bar herum erst zum Brot, dann zum Käse, und schließlich zu den Kartoffeln geht. Oder wenn man aus beiden Richtungen an Blumenständen vorbeigeht, um in der Platzmitte „Fisch-Mausi“ zu erreichen.

Das hat was
So schwebt über dem Friedenauer Wochenmarkt stets die Ruhe einer entspannten Zuversicht, die angesichts der frisch angehäuften Sättigungsmöglichkeiten ja auch nicht unbegründet ist. Und so vermisst hier auch niemand die Sensationen der früheren Jahrmärkte, weder die Quacksalber mit ihren vermeintlichen Wunderdrogen, noch die Zauberer mit ihren scheinbar magischen Kräften. Am Eingang zum Markt spielt stattdessen mitunter eine freundlich lächelnde Musikschülerin die Violine und freut sich über eine anerkennende Spende. An den Hauswänden der Lauterstraße breiten sogar bei drohendem Wetter kaufmännisch gesonnene Kinder ihre nicht mehr benötigten Spielsachen aus. Und vom Außenbereich der gastronomischen Ruhezonen daneben geht ein erlöstes Summen über die Pfade der vorbeistreifend noch Suchenden. Von denen hat so mancher zur Ermunterung  für noch bevorstehende oder zur Belohnung für bereits abgeschlossene Anstrengungen ein Waffeleis in der Hand. Und besonders die Kleinen unter ihnen werden nicht selten auf eine der Sitzumrandungen der nahen Straßenbäume genötigt, damit die vorausschauende Mutter wenigstens für diese kurze Zeit des gemeinsamen Eis-Schleckens eine gewisse Gefahren-Auszeit sicherstellen kann.

Doch sollte man bei aller Lebensfreude nicht übersehen, dass hinter dieser Idylle harte Arbeit steckt. So mancher Händler aus der Umgebung steht morgens um drei Uhr auf, um die für den Verkauf bestimmten Waren zu verstauen und auf den Weg nach Friedenau zu bringen. Und es ist oftmals drei Uhr nachmittags, wenn auch die letzte Kiste vom Stand wieder abgeräumt ist, sei sie nun leer geworden oder auch nicht, und die Heimreise angetreten werden kann. Und bestimmt kann jeder von ihnen eine Geschichte davon erzählen, dass auch mal die „Strichhexe“ dazwischengefahren ist und einen langen Arbeitstag zu verderben versucht hat. Wer solche Geschichten hören will, der muss seinerseits früh aufstehen und morgens um sechs vor Ort sein, wenn die Händler den Aufbau noch nicht abgeschlossen haben, aber bereits zuversichtlich genug sind, um schon mal von Stand zu Stand mit den Kollegen ein aufmunterndes Wort zu wechseln.

Doch wissen wohl nicht nur die Händler merkwürdige Geschichten vom Marktgeschehen zu erzählen. Auch die Besucher erleben nicht immer das Alltägliche. Und so manches Mal ist das früher Alltägliche heute eine Besonderheit geworden, die unbedingt erzählt werden sollte. Wer weiß etwa noch, wie es zur Schwarzmarktzeit auf dem Markt zuging? Oder wer kann sich heute noch vorstellen, dass es einmal „Marktweiber“ gab, die in ihrer Kiepe geknülltes Papier zum Feueranmachen anboten? Wer solche Geschichten kennt, der sei hiermit aufgerufen, diese der „edition Friedenauer Brücke“ zur Verfügung zu stellen. Denn dieser Verlag plant in Fortsetzung seiner informativen Friedenau-Bücher ein neues Werk über den Friedenauer Markt und seine Geschichten. In seinem Aufruf zur Beteiligung heißt es:

„Wir suchen Fotografien, Geschichten,Erinnerungen oder Erzählungen, bei denen der Friedenauer Wochenmarkt eine Rolle spielt. Bitte senden Sie Ihre Ideen an: mail(at)friedenauer-bruecke.de

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden