Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2018

Wenn Essen zum Problem wird ...

Nicht erst seit Heidi Klums erfolgreicher Suche nach dem nächsten Top-Model kann Essen für junge Menschen zum Problem werden.

Team Dick & Dünn e. V.: Hinten von links: C. Schallock, C. Stein-Caßens, R. BanzeVorne von links: M. Hartmann, C. Schmidt (Projekleiterin), A. Hentschel (stellv. Projektleiterin) B. Kaya. Foto: Elfie Hartmann

Denn nicht jeder hat eine Traumfigur, die seit den sechziger Jahren zum Beispiel durch die Barbiepuppe verkörpert wird. Frauen mit Traummaßen finden sich in jeder Frauenzeitschrift, letztendlich überall in unserer Gesellschaft wird der perfekte Körper propagiert. Die gleichzeitige Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führt häufig zu Diäten oder exzessivem Sporttreiben und kann vor allem für junge Mädchen und Frauen zum Verhängnis werden. Is was? Im Sinne von "Ist etwas nicht in Ordnung?" hören Jugendliche oft von ihren Eltern als besorgte Nachfrage oder Aufforderung über ein Geheimnis zu sprechen. „Iss was!“ befehlen die besorgten Eltern, wenn sie sich bemühen, ihrer sehr dünnen Tochter wieder zu normalem Gewicht zu verhelfen. In diesem Wortspiel einer magersüchtigen Patientin wird deutlich, dass eine Ess-Störung nicht nur eine typische Erscheinung unserer Zeit ist, sondern eine schwere Krankheit, bei der nichts mehr in Ordnung ist und die professionell behandelt werden muss.
Hierzu leistet die Beratungsstelle "Dick und Dünn" in Schöneberg einen wichtigen Beitrag. Laut der Leiterin, Carmen Schmidt, hat die Arbeit zum Ziel, über Ess-Störungen zu informieren, diese möglichst schon im Vorfeld zu verhindern. Wenn nötig, wird eine optimale Behandlung eingeleitet. Das Beratungszentrum führt grundsätzlich keine Behandlungen durch, sondern versteht sich als Begleitung, denn die Betroffenen werden an Ärzte und Therapeuten weitergeleitet. Neben den verschiedenen Beratungsangeboten ist vor allem die Prävention an den Schulen von großer Bedeutung. Gerade läuft zum Beispiel ein von der AOK Nord-Ost gefördertes Pilotprojekt an 3 Berliner Gymnasien. Konkret sieht die Arbeit so aus, dass zwei Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle jeweils mit den Klassen 7 arbeiten, indem sie Workshops zu folgenden Themen anbieten: Schönheit und körperliche Zufriedenheit, Umgang mit digitalen Medien und Ess-Störungen. Die Jungen der Klassen werden separat von zwei männlichen Sportstudenten betreut, auch hier werden Körpergefühl, Selbstwert und Essverhalten thematisiert. Die Sportstudenten arbeiten bei der Beratungsstelle als Honorarkräfte und sollen ein positives Männerbild vermitteln. Begleitend findet ein Elternabend statt, um die Eltern umfassend zu informieren und dadurch ihren Blick hinsichtlich der Krankheitssymptome zu schärfen, denn die Früherkennung ist äußerst wichtig.

Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) und Ess-Sucht (Binge Eating disorder) heißen die Ess-Störungen. Die Magersucht ist die bekannteste Ess-Störung. Bereits seit dem 17. Jahrhundert wurden die Krankheitssymptome wie folgt beschrieben: Selbstauferlegtes Hungern bis hin zu lebensgefährlichem Untergewicht z.B. 32 kg bei 1,67 cm, eine panische Angst, zu dick zu sein, sowie eine Störung der eigenen Körperwahrnehmung. Um Gewicht zu verlieren, wird häufig intensiv Sport getrieben. Die betroffenen Mädchen waren früher ca. 13 Jahre alt, heute sind sie bereits ab 8 Jahren gefährdet.

Ess-Brech-Sucht oder Bulimie bedeutet so viel wie Stierhunger. Die Betroffenen verschlingen geradezu große Mengen an Nahrung. Um die Gewichtszunahme zu vermeiden, wird ein Erbrechen selbst herbeigeführt. Auch durch übermäßigen Gebrauch von abführenden Stoffen oder exzessivem Bewegen wird das Zunehmen verhindert, jedoch kommt es zu psychischen und körperlichen Belastungen. Der Selbstwert der Betroffenen hängt sehr stark von Gewicht und Figur ab.

Die Ess-Sucht ist mit der Bulimie verwandt, jedoch werden hier die Heißhungeranfälle nicht durch Erbrechen kompensiert, sondern die Betroffenen werden immer mehr übergewichtig. Starker psychischer Leidensdruck und Depressionen sind die Folge.

Fragt man nach der Entstehung von Ess-Störungen, so gibt es gemäß Frau Schmidt verschiedene Ansätze zur Erklärung. Zum einen wird neuerdings eine genetische Disposition vermutet, zum andern können die weiblichen Sozialisationsbedingungen und Schönheitsideale die Krankheit begünstigen. Einen wichtigen Einfluss auf die Krankheit und ihren Verlauf hat natürlich das familiäre Umfeld der Betroffenen. Laut "Dick und Dünn" nimmt  die Zahl der Ess-Störungen ständig zu. Mittlerweile sind - wie schon erwähnt - auch Jungen betroffen.

Dick und Dünn e. V. ist die einzige Beratungsstelle für Ess-Störungen in Berlin und wurde 1986 als Selbsthilfeprojekt gegründet. Da es schnell sehr viel Zulauf gab, wurden die Räumlichkeiten mehrmals gewechselt, und aus der Selbsthilfe entwickelte sich ein breites Beratungsangebot im Rahmen eines Vereins. 2017 wurde dann das Gründungsteam von einem neuen Leitungsteam abgelöst. Mittlerweile gibt es 8 hauptamtliche Mitarbeiterinnen in Teilzeit, 2 Mitarbeiterinnen mit Minijob und 3 Sportstudenten als Honorarkräfte. "Dick und Dünn" wird hauptsächlich durch die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung und die AOK Nord-Ost finanziert. Der Verein muss mindestens 50.000 Euro jährlich selbst erwirtschaften, um vom Senat Fördermittel zu erhalten. Deshalb sind die Angebote von "Dick und Dünn" gering kostenpflichtig, jedoch sozial gestaffelt und für alle bezahlbar.  

Zur konkreten Arbeit des Beratungszentrums gehören neben der direkten Arbeit mit den SchülerInnen auch Lehrerfortbildungen. Ebenso wichtig ist die Beratung. In den Räumen von "Dick und Dünn" werden Einzelberatungen und Gruppenberatungen von Betroffenen und Angehörigen durchgeführt. Außerdem werden verschiedene angeleitete Gruppen für junge Frauen ab 18 Jahre angeboten. Diese bieten den Betroffenen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen über Erfahrungen und auch Probleme auszutauschen und voneinander zu lernen, ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe. Jedoch wird die Gruppe durch eine Mitarbeiterin moderiert. Die angeleitete Gruppe soll die PatientInnen in ihrem Alltag stabilisieren, sie ersetzt jedoch keine Therapie. Die Jugendlichen unter 18 Jahren können eine Internetplattform "Signal-Messenger" als Beratungsraum nutzen, um sich auszutauschen und auch zu unterstützen. Außerdem gibt es ein Online-Coaching für Eltern und Betroffene, wenn die Hilfe vor Ort nicht möglich ist.

Laut Carmen Schmidt wurden im letzten Jahr ca. 8.000 Personen beraten, und die Tendenz ist steigend. Angehörige und Betroffene haben bei "Dick und Dünn" eine Anlaufstelle und werden mit ihren Problemen nicht allein gelassen, sondern bekommen tatkräftige professionelle Unterstützung. Dann sind Heidi Klum und Barbie keine erstrebenswerten Vorbilder mehr.

Christine Sugg

Dick und Dünn
Innsbrucker Str.37, 10825 Berlin
Tel. 854 49 94
www.dick-und-duenn-berlin.de

Der Spielfilm 'To the Bone' mit Lily Collins und Keanu Reeves, zu sehen bei Netflix, behandelt das Thema Magersucht sehr eindrücklich und nachvollziehbar.