Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.10.2018

Wende im Jugendamt

Erst im Mai hatte die FDP in einer Großen Anfrage die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit im Jugendamt infolge der anhaltenden Unterbesetzung in den Blick genommen.

Ausschnitt aus der Internetseite des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg

In der Oktobersitzung hakte sie nun in einer neuen Anfrage nach. Und siehe da, es hat sich was getan in der Zwischenzeit. Jugendstadtrat Schworck (SPD) konnte in seiner Beantwortung sogar in Aussicht stellen, dass die notgedrungen im Wechsel regelmäßig vorgenommene Schließung der vier Regionalen Sozialdienste (RSD) des Jugendamts im Verlauf des kommenden Jahres wieder aufgehoben werden könne, jedenfalls dann, wenn die eingeleitete Entwicklung zum Besseren Bestand haben sollte. Zur Zeit läuft dort nur ein Notprogramm zur Sicherstellung des akuten Kinderschutzes, bei den Hilfen zur Erziehung, zur Vertretung in „hoch strittigen Sorgerechtsfragen“ vor dem Familiengericht, und zur Bewilligung von therapeutischen Hilfen.

Zwar seien zum 1. September immer noch 25% der 83 Stellen im RSD unbesetzt gewesen, doch lasse insbesondere der Erfolg des letzten Bewerbungsverfahrens hoffen. Denn von 17 ausgewählten Bewerber_innen haben 16 die Aufnahme ihrer Tätigkeit im Bezirk bereits zugesagt. Und für die dann noch offenen 16 Stellen laufe ein weiteres Bewerbungsverfahren, innerhalb dessen bereits 40 Bewerbungen vorlägen. Eine solch schlagartige Wende ist natürlich kein Zufall. Und so strahlte Stadtrat Schworck denn auch eine gehörige Portion Genugtuung aus , als er die Gründe für den überraschenden Erfolg darlegte. Er nannte die Verkürzung der Einstellungsverfahren, die übrigens von der FDP in der Mai-Debatte gefordert worden war, die Ermöglichung des Quereinstiegs, und die weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen, bei denen der Bezirk sogar eine Spitzenstellung in Berlin einnehme. Hierbei geht es um flexible Arbeitszeiten, Einzelzimmer, Supervision, Fortbildung.

Doch es gibt auch Neuerungen, die der Bezirk ohne den Segen des Landes gar nicht hätte einführen können. Und uneigennützig verwies Schworck hier auf den gar nicht hoch genug einzuschätzenden Einsatz des Jugendamtsleiters Schwarz, der in unermüdlicher Überzeugungsarbeit die auf Landesebene zuständigen Fachverwaltungen zum Umdenken habe veranlassen können. So gibt es nun „die Umsetzung eines dualen Studiengangs Sozialpädagogik mit der Spezialisierung Kinder- und Jugendhilfe und einen stipendienfinanzierten Studiengang Sozialpädagogik.“ Und der erste dual Studierende konnte laut Schworck sogar schon in Ausbildung genommen werden. Eine solche Innovation ist natürlich an sich schon staunenswert genug. Doch  noch erstaunlicher als das plötzliche Einlenken der Senatsverwaltung ist der Umstand, dass die duale Ausbildung, also die Verbindung von Praxis und Theorie in einem geschlossenen Ausbildungsgang – eine der großartigsten und weltweit bestaunten Erfindungen in der deutschen Berufsausbildung – derart lange gebraucht hat, um auch in der Berliner Verwaltungshierarchie Beachtung zu finden.

Noch ein Problem

Freilich hat die gehäufte Einstellung von so vielen Neuen auch zur Folge, dass deren Einarbeitung viele Kräfte bindet, womöglich sogar zu viele, um den Regelbetrieb schnell wieder in Gang setzen zu können. Um diese schwierige Übergangsphase zu meistern, unternehme das Bezirksamt daher zusätzliche Anstrengungen. Schworck führte dazu aus: „Bisherige Einarbeitungskonzepte gingen immer davon aus, dass für jede neue Fachkraft eine erfahrene als Pate oder Patin bereit steht. Dies ist in der gegenwärtigen Situation nicht mehr zu gewährleisten.“ Es seien „Inhouse-Schulungen“ zu organisieren und neue Modelle der Einarbeitung auszuprobieren. Man beachte: Etwas Neues ausprobieren in einem von endlos vielen Gesetzen und Ausführungsvorschriften eingezwängten Amt! Doch Not macht bekanntlich erfinderisch, sogar im Amt.

Eine solche Fülle von innovativen Ideen verschlug denn auch dem widerspenstigen Teil der Bezirksverordneten fast die Sprache. Während Reinhard Frede (FDP) ungläubig zu bedenken gab, dass womöglich „doch nicht alles Gold ist, was hier als glänzend dargestellt wurde“, wollte Harald Sielaff (CDU) lieber erst mal abwarten, ob auch alle Neuen tatsächlich die Arbeit aufnehmen und ob sich der hohe Krankenstand im neu aufgestellten Haus reduziere. Doch Bürgermeisterin Schöttler (SPD) gab sich zuversichtlich und mahnte die Ungläubigen: „Es wäre schön, wenn Sie auch mal anerkennen würden, was hier eigentlich geleistet worden ist. Wir sind unheimlich weit nach vorne gekommen! Ich bin wirklich sehr zufrieden.“ Und sie stellte prophetisch fest, dass die hervorragende Arbeit des Jugendamts sogar das Zeug zur Vorbildfunktion für ganz Berlin habe.

Der im Zuschauerraum anwesende Jugendamtsleiter Schwarz entspannte sich trotz allen Lobes aber erst so richtig bei den Einlassungen der Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses, Marijke Höppner (SPD). Die nämlich zeigte auf die Frontsoldaten im RSD: „Das ist ein Knochenjob! Denn es geht hier um das Kindswohl und um Familien, die es besonders schwer haben.“ Und da die Beschäftigten folgerichtig auch Angst davor hätten, im Stress falsche Entscheidungen zu treffen, wenn zu wenig Zeit bleibe, weil zu viele Vorgänge gleichzeitig zu bearbeiten seien, begrüße sie als Fachpolitikerin zwar die kritische Begleitung der Bezirksverordneten bei der Beobachtung der Entwicklung. Doch erwarte sie auch eine Anerkennung des unter schwierigsten Bedingungen Geleisteten. Schließlich würde sowohl von den Problemen als auch von den Fortschritten im Ausschuss regelmäßig darüber berichtet. Auf den Punkt brachte den Stand der Dinge schließlich Marius Feldkamp (Grüne). Er sprach von einer „Wende im Jugendamt“.

Ottmar Fischer