Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.08.2020

Wehmütiger Abschied

von Maria Schinnen „Leib und Seele - Helfen mit Wort und Tat - Eine evangelische Initiative gegen Armut“ steht groß über dem „Christliche Hilfe Laden“ in Friedenau. Doch nicht mehr lange!

Pfr. Lübke mit Ehrenamtlichen bei der Einlagerung einer Mehlspende.

Dunja Rhode und Pfr. Thomas Lübke beim 5-jährigen Jubiläum des damaligen Diakonieladens.

2 Jahre Diakonieladen

Nach 15-jähriger engagierter Arbeit wird der Verein „Sponsorengemeinschaft Christliche Hilfe Rubensstr. 87 e. V.“ aufgelöst und der Laden Ende September 2020 geschlossen. Damit endet eine Initiative, die in der Vergangenheit zahlreiche Lebensschicksale begleitet und positiv beeinflusst hat. Bevor wir nun die Hintergründe der Schließung klären, wollen wir uns zunächst mit dem Werdegang dieser christlichen Initiative beschäftigen.
Die Christliche Hilfe ist ein gemeinnütziges Kooperations- und Sponsoringprojekt der Evangelischen Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde, des Kirchenkreises Berlin-Schöneberg und der Diakoniestation Schöneberg GmbH. Am 5.8.2005 wurde sie von Pfarrer Thomas Lübke der Evangelischen Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde unter dem ursprünglichen Namen „Diakonieladen Rubensstr. 87“ gegründet. Schirmherren waren der Generalsuperintendent i. R. Martin-Michael Passauer und der Dipl. Betriebswirt Jörg Woltmann, Eigentümer der Königlichen Porzellan-Manufaktur und Gründer und Alleinaktionär der Allgemeinen Beamten Kasse.

Ursprünglich war der Laden eine Ausgabestelle der „Berliner Tafel“, der Lebensmittel an Bedürftige verteilte. Von der Tafel trennte man sich aber, weil es nicht erlaubt war, Lebensmittel hinzuzukaufen (z.B. Milch für Kinder). Da viele Ortsansässige neben Lebensmitteln auch Sachspenden brachten, entwickelte er sich zunehmend auch als Anlaufstelle, um bedürftige Menschen gegen eine kleine Spende mit Haushaltswaren, Möbeln, Kleidung, Schuhen, Spielsachen, Büchern, Freizeitgegenständen und anderen nützlichen Dingen zu versorgen. Da der Platz nicht mehr reichte, mietete man 2010 einen benachbarten Laden dazu und besaß nun mehr Angebotsfläche.
Doch war die Versorgung mit Hilfsgütern nicht das Hauptanliegen der Initiative. Statt „milde Gaben“ auszuteilen, wollte man die hilfsbedürftigen Menschen in die Pflicht nehmen, eigene Wege aus ihrer Lebenskrise zu finden, selbst aktiv zu werden und ihnen zu einem Neustart in einen Beruf zu verhelfen. Doch die zahlreichen Beratungsangebote wurden zu selten wahrgenommen. Daher koppelte man die beiden Angebote. Nur wer ein Beratungsangebot annahm, konnte sich auf die Liste für die Lebensmittelausgaben setzen lassen. Da diese unabhängig von der „Berliner Tafel“ war, gab es auch keinen einzuklagenden „Anspruch“ darauf. Ausnahmen galten für Grundrenten- und Sozialhilfeempfänger, die gesundheitlich nicht in der Lage waren, eine Lebensmittelausgabestelle der „Tafel“ zu erreichen und die Menschen, die als „Notfälle“ vom Jobcenter, vom Sozialamt, von Betreuern, Sozialarbeitern und Therapeuten geschickt wurden. Die Folge der Neukonzipierung war: Statt der bislang 110 Abholer versorgte man nun dreimal pro Woche insgesamt 100 Haushalte mit 1-9 Angehörigen. Das Wichtigste aber war: Die Zahl der Beratungs- und Begleitungsgespräche nahm augenblicklich zu und stieg zunehmend.
Es gab eine breite Palette an praktischen Hilfen, die von zwei ehrenamtlichen Juristen, den drei hauptamtlichen Mitarbeitern/innen Dunja Rhode, Detlef Spitzer, Michael Lassahn, vielen freiwilligen Friedenauer Helfer_innen und dem Pfarrer Thomas Lübke mit hohem Engagement und viel Herzblut geleistet wurden. Dazu gehörten Miet- und Sozialrechtsberatungen, Beratung bei Behördenangelegenheiten, Hilfe bei Anträgen an Job-Center, Wohnungsämter, BAföG-Ämter, Grundsicherung, Rentenangelegenheiten, Kindertagesstätten, Suchtberatung, Schuldnerberatung, Lösungssuche bei Privatinsolvenzen, Wechsel vom Wohnheim in betreutes Einzelwohnen, Ausstattung von Wohnungen mit allen notwendigen Möbeln und Haushaltswaren, eine Fördergruppe für Grundschulkinder, Gründung einer „Sprungbrett-Wohngemeinschaft“, die jungen Menschen die Möglichkeit bot, trotz schwieriger Lebensumstände eine Schulausbildung abzuschließen, einen Ausbildungsplatz zu finden oder durch Praktika chancenerhöhende Qualifizierungen zu erlangen. Auch für Menschen auf der Straße wurde die Christliche Hilfe zum regelmäßigen Anlaufpunkt, um intakte Kleidung, Hygieneartikel, Lebensmittel oder Bücher kostenfrei zu erhalten. Immer häufiger wurde sie auch von Arbeitgebern angefragt, die neu zu besetzende Stellen meldeten und neue Mitarbeiter brauchten. Damit bekamen die betreuten Menschen die Chance, wieder zu einem Job und damit zu neuer Selbstachtung zu kommen. Auch seelsorgerische Beratungen und Kurse wurden wahrgenommen, z. B. der Glaubenskurs „Denk vertikal - Nimm Kurs auf Gott!“.

Im Laufe der 15 Jahre entwickelte sich der Laden zunehmend zu einem Treffpunkt in Berlin-Schöneberg, einem „kleinen Leuchtturm“, wo man immer ein offenes, freundliches, humorvolles, positives Wort finden konnte oder, während einer Lebenskrise, Verständnis,  Ermutigung, professionelle Hilfe und Menschlichkeit.

Warum gibt ein so blühender Verein nun auf?

In den letzten Jahren hat der Bedarf an Beratungsangeboten deutlich nachgelassen. Viele Hilfesuchende sind im „Rentenmodus“ angekommen, das Netz der Beratungsstellen ist dichter geworden, nicht nur in unserem Bezirk. Lebensmittelhilfen gibt es über die Tafel, Kleidung und Gegenstände des alltäglichen Bedarfs in Sozial-Kaufhäusern. Die angekündigte Änderung des Umsatzsteuergesetzes würde auch Mehrarbeit für die Finanzverwaltung nach sich ziehen. Der Initiator Pfarrer Thomas Lübke kann aus gesundheitlichen Gründen dieses Projekt nicht mehr „umbauen“. Bis zum Eintritt in den Ruhestand hätte er es sowieso „abwickeln“ müssen. So sind nach 15 Jahren die abnehmende Arbeitskraft, die abnehmende Beratungsnachfrage, die angekündigte Steuerreform und letztlich auch die Corona-Krise Gründe für die Einstellung dieses nicht auf Ewigkeit angelegten Projektes. „Das Projekt endet zwar, aber es ist nicht weg“, sagte Dunja Rhode bei unserem Interview recht zuversichtlich. „Es hat Spuren gelegt, bleibt in den Köpfen und der Kiez lebt weiter davon.“

Uns bleibt nur noch, danke zu sagen, danke für euer hohes Engagement, danke, dass ihr vielen Menschen Zuversicht und neue Perspektiven gegeben habt, danke für eure Wertschätzung und Lebenshilfe. Es war schön, dass es euch gab. Wir wünschen allen Mitarbeiter_innen einen erfolgreichen Neustart in einem anderen Projekt.

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