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08.10.2023 / Orte und Plätze

Wasser und Eisen

Von Ottmar Fischer. Im gleichen Zeitraum in dem die stillgelegte Toilette unter dem Pavillon auf dem Breslauer Platz verfallen ist, ohne dass sich die Untere Denkmalbehörde des Bezirksamts darum gekümmert hätte, und das, obwohl die Anlage unter Denkmalschutz steht, wurde im Wedding auf vorbildliche Weise ein anderes Denkmal aus der Geschichte der Stadt vor dem Untergang bewahrt.
Blick auf Zugang, Galerie und die integrierte Ziegelmauer. Foto: Reinhard Görner

Während in Friedenau außer der BI Breslauer Platz sich nur die Bevölkerung, nicht aber der Bezirk für eine Wiederherstellung oder Umnutzung der historischen Anlage interessierte, die hier vor hundert Jahren von der BVG als Service-Station für ihre Kunden an einem stark genutzten Knotenpunkt mehrerer Straßenbahnlinien errichtet wurde, kam es vor 35 Jahren für die Weddinger Badstraße zu einem politischen Beschluss, der die Denkmalschutzvorschriften nicht nur beachtete, sondern gewissermaßen sogar übererfüllte.

Am diesjährigen Tag des offenen Denkmals war zu besichtigen, wie hier in der Badstraße 39 aus den Überresten eines historischen Kurbades eine moderne Stadtbücherei geschaffen worden ist, die neben ihrer hohen Funktionalität als volksnahe und nichtakademische Handbibliothek auch echte Aufenthaltsqualität für Bücherfreundschaften bereithält, und zwar für Personal und Lesepublikum gleichermaßen.

Es sei eine Freude in diesen schönen Räumen zu arbeiten, stellte denn auch die Leiterin der Bücherei zu Beginn der Veranstaltung fest, bevor Professor Robert Niess vom Architekturbüro Chestnutt-Niess in einem fotogestützten Vortrag die von seinem Büro verantwortete Idee erläuterte, die in einem 35 Jahre zurückliegenden Wettbewerb den Zuschlag erhielt und die in langjährigen Beteiligungsprozessen mit den Trägern der öffentlichen Belange und der Bevölkerung immer wieder modifiziert wurde, bis schließlich das heute sichtbare Glanzstück zum Lohn der Mühe wurde.

Wie wenig Verständnis für den Schutz historischer Bausubstanz damals in Politik und Verwaltung vorhanden war, wurde im Vortrag bei einer zitierten Aussage von staatlicher Seite deutlich: „Wir bringen 15 Millionen in den Wedding und Sie wollen uns eine Ruine zeigen!“ Aber aus der Bürgerschaft sei glücklicherweise Unterstützung gekommen: „Na und, wir sind in den Ruinen aufgewachsen“, habe es geheißen. Auch der staatliche Denkmalschutz sei erst in letzter Minute nach Protesten aus der Bürgerschaft aktiv geworden, als die Abrissbirne bereits den Großteil des Erhaltenen vernichtet hatte und in der später restaurierten Wand der späteren Bücherei bereits ein riesiges Loch klaffte.

Allerdings stammen sowohl die letztlich erhalten gebliebenen als auch die abgerissenen Teile des ehemaligen Ensembles aus der letzten Zeit des Areals als Kurbad, als es in den 1880er Jahren unter dem Namen Marienbad einen letzten Versuch gab, unter Anknüpfung an den guten Ruf des gleichnamigen Kurbades im damaligen k.u.k. Österreich-Ungarn Furore zu machen. Immerhin konnte wenigstens der Rest unter Denkmalschutz gestellt werden und in das Konzept für die Bücherei integriert werden. Und  den Unkenrufen der damaligen Gegner zum Trotz macht gerade die erhaltene Ziegelmauer durch ihre Integration in die wie ein Talkessel davor in den Keller abgesenkte Bücherschatzpräsentation als Spaziergangsangebot nun das Flair der lichtdurchfluteten Räumlichkeit aus. Zum restaurierten Bestand  gehören zudem das altertümliche „Comptoir“ für die Verwaltung und das venezianische Vestibül vor dem ehemaligen Ballsaal, was die pompösen Ausmaße der damaligen Anlagen noch ahnen lässt. Die heutigen Bezeichnungen Badstraße für den Zubringer und Gesundbrunnen für den Ortsteil bewahren immerhin ebenfalls noch etwas von den einstigen Hoffnungen.

Müllers besondere Quelle
Die erste urkundliche Erwähnung der Gegend betrifft eine Dorfmühle, und der Müller hatte schon damals die wegweisende Idee, mit seinem Gewerbe einen Ausschank zu verbinden. Da er für die eigene Trinkwasserversorgung eine armdicke Quelle am Ufer der Panke nutzte, bekamen bald auch Nachbarn und Ausflügler von einem solcherart erfrischenden Trunk Kenntnis. Und so entstand im Laufe der Zeit schließlich das Gerücht, dieses Wasser sei heilkräftig. Als im Jahre 1751 ein Chemiker die Heilkraft des Wassers bestätigte, entstand dann die dazu passende Legende, der vormalige König Friedrich I. höchstselbst habe einst bei einem Jagdausflug von der Müllerin einen  Erfrischungstrunk gereicht bekommen und dabei die Heilkraft des Wassers entdeckt. Als im Jahre 1757 schließlich auch der Hofapotheker des Alten Fritzen die Heilkraft des Quellwassers bestätigte, vermutlich weil er neben dem medizinischen auch das betriebswirtschaftliche Potenzial eines Heilwassers sah, begann die Wirkungsgeschichte der Heilwasseridee  auch Ortsgeschichte zu werden. Der König überließ dem Propagandisten auf sein Ersuchen hin sowohl die „Mineralische Quelle“ als auch die umliegende Feldmark. Um 1760 entstand ein erstes Ensemble aus Brunnenhaus, Badehaus und einem Gästehaus für zunächst 40 Kurgäste. Um den zentralen Brunnenplatz herum wurden Behandlungsräume angeordnet, wobei das ehemalige Wohnhaus des Müllers zur Gastwirtschaft umgebaut wurde. Und der wohlklingende Name Friedrichs-Gesundbrunnen wurde gewiss nicht nur aus Dankbarkeit gegenüber dem Gönner gewählt.

Aber trotz des ausgestellten Glamours und trotz der angepriesenen Heilwirkung des Quellwassers gegen fast alle damals bekannten Anfechtungen der Gesundheit, trotz des Verkaufs des Heilwassers in Berliner Apotheken und trotz des ausgedehnten Kurparks im englischen Stil mit 12.000 eigens angepflanzten Bäumen war dem Unternehmen kein dauerhafter Erfolg beschieden. Bereits die ersten Nachkommen verkauften die Anlage, womit ein nahezu endloser Reigen von Weiterverkäufen einsetzte. Auch die Umbenennung des Jahres 1809 in Luisenbad als Referenz an die Popularität der preußischen Königin und das Aufstellen ihrer Büste konnten den eingetretenen Niedergang nicht aufhalten. Am Oberlauf der Panke siedelten sich Gerber an, die das frische Wasser der Panke für ihre Arbeit nutzten und anschließend wieder ins Flussbett zurückleiteten, wodurch der Volksmund Anlass bekam, dort von der „Stinke-Panke“ zu sprechen. Im Zuge der nach 1850 einsetzenden Industrialisierung entstanden Fabriken, Straßen und Wohnhäuser, die schließlich sogar zum gänzlichen Versiegen der Quelle führten. Die ganze Gegend verwandelte sich nun von einem bürgerlichen Ausgehort in ein proletarisches Vergnügungszentrum mit zeitgenössischen Lustbarkeiten wie Biergärten, Ballhäusern, Lichtspielhäusern und Kegelbahnen für den „Roten Wedding“.

Thomas Gärtner und Marlies Mader, die für die Aktivistengruppe „Nächste Ausfahrt Wedding“ (https://ausfahrtwedding.de) Touren durch den Kiez anbieten (thgaert@t-online.de), berichteten im Anschluss an den mit viel Beifall bedachten Vortrag zur Geschichte des Bibliotheksbaus auf einer Führung über das Gelände von einem seltsamen Wiederaufleben der Brunnengeschichte in einem heutigen Nachbargebäude der Bibliothek.

Nachdem dort im Keller immer wieder eisenhaltiges Wasser aufgetreten war, wurde zur Gefahrenabwehr ein Brunnen aufgestellt, der das stetig sprudelnde Wasser aufnimmt, bevor es von dort im Dauereinsatz in die nicht weit entfernte Panke gepumpt wird. Wie sie berichteten, ist dies aber nicht der ursprüngliche Standort der Quelle. Der befindet sich vielmehr ungefähr an jener Stelle des heutigen Vorhofs der Bücherei, an der heute eine Gedenkstele zur Erinnerung an die einstige Glanzzeit des Bades steht.

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