Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

9.03.2019

Was mir die Kaisereiche erzählte

„Etwas mehr Aufmerksamkeit, etwas Respekt vor meiner Standhaftigkeit, vielleicht mal ein Kopfverneigen oder auch ein Streicheln von den Alteingesessenen, den Kindern oder den Zugereisten, aber kein Anpinkeln von wem auch immer; das wünsche ich mir“, so sprach neulich nachts leise die Kaisereiche zu mir, als ich im Mondlicht bewundernd ihr immer noch starkes Astwerk betrachtete. „Ich erzähle dir einiges aus meinem Leben, willst du zuhören?“ Ich nickte. Also sprach sie:

Skizze aus dem Friedenauer Lokal-Anzeiger

„Am 10. November 1883 kam ich aus der Dreilinden Baumschule des Prinzen Friedrich Karl hierher (ja, auch Bäume müssen  wie die Kinder erst in der Schule reifen) auf einen Platz, den die Friedenauer „Rondell“ nannten. Ich hatte bereits zwei Vorgängerinnen gleichen Namens. Meine erste hieß Kaisereiche, weil sie am 22. März 1879 zu Ehren des 82. Geburtstags und der Goldenen Hochzeit  von Kaiser Wilhelm I. und seiner Frau Augusta gepflanzt wurde. Sie  fiel sägenden bösen Buben – viele vermuteten die Sozis, weil die immer was gegen den Kaiser und seine „Anti-Sozialisten-Gesetze“ hatten – zum Opfer. Immerhin verletzten die Täter sich dabei und hinterließen Blutspuren; gefunden wurden die bösen Buben aber nie. Die Nachfolgerin ging kränklich ein. Und dann kam ich und wuchs kräftig  unter dem blauen Himmel und der frischen Luft Friedenaus, wie sich das für eine ordentliche Eiche gehörte. Und sogleich nannte mich der Volksmund auch wieder Kaisereiche. Jedoch schon 1914 wollte man mich absägen, weil ich den Gleisen des neu geplanten Straßenbahnabzweigs von der Rheinstraße in die Saarstraße zum Steglitzer Stadtpark im Wege stand. Aber ein baumliebender Einwohner stellte im Friedenauer  Lokal – Anzeiger vom 7. Mai 1917  sehr zur Freude Aller, die sich an meine Schönheit gewöhnt hatten,  einen Plan vor, demzufolge die neuen Straßenbahnen mich umkreisen konnten. „Karussell“ nannte er jetzt das Rondell (siehe Skizze). Eine Bedürfnisanstalt in Form eines griechischen Tempels mit Säulen, – nicht höher als 3 Meter - ( A  in der Skizze), links und rechts eine Telefonzelle und eine Zeitungsverkaufsstelle, sollte auch noch an meinen Füßen stehen, damit die Jungen, die die Zeitungen und Schrippen morgens austrugen, sich nicht in den umliegenden Hausfluren „erleichterten“ sondern eben in der Bedürfnisanstalt. Nun sollten  die Gemeindevertreter erst mal ordentlich und lang andauernd palavern. Der erste Weltkrieg brach aus, und nun gab es wichtigere Themen als mich.

Kaum war der Krieg vorbei, wurde die alte Straßenbahnplanung wieder aufgenommen. Ausgraben wollte man mich und vier Meter seitwärts versetzen oder gar am Friedrich-Wilhelm-Platz wieder eingraben. Zur „Präsidenteneiche“ wollte man mich umbenennen, weil ja jetzt der Friedrich Ebert von den Mehrheitssozialisten der Präsident im Rat der Volksbeauftragten wurde, nachdem der Kaiser Wilhelm II. im Exil verschwunden war und die  Revolution gesiegt hatte. Ganz böse Menschen wollten mich schöne grüne „Kaiserin“ sogar wegschmeißen und eine „Blutbuche“ als Mahnmal für die Blutopfer der Revolution einpflanzen. Unglaublich, aber lesen Sie selbst, was der Friedenauer Lokal – Anzeiger am 25. Februar 1919 über die Sitzung der Gemeindevertretung vom 20. Februar 1919 berichtete:
„Eine längere Erörterung zeitigt der Antrag auf Veränderung der Gleise an der Ecke Saar- und Rheinstraße und die dadurch notwendige Verschiebung der Kaisereiche nach der Rheinstraße zu. Die Kosten hierfür betragen 50 000 Mark. Während Schöffe v. Wrochem und Baurat Altmann die Verschiebung der Kaisereiche aus verkehrstechnischen Gründen für durchaus notwendig halten, obgleich sie den schönen Baum gern an seinem jetzigen Platz belassen hätten, bittet Schöffe Lichtheim dringend, nochmals die Frage genau zu prüfen. Er befürchtet, dass die Eiche, die prachtvoll gewachsen sei, diese Versetzung nicht aushalten und eingehen werde. Auch Gemeindevertreter Lemm hat Bedenken gegen die Versetzung des schönen Baumes. Bei dieser Aussprache hört man Zurufe, die besagen, man müsse dort jetzt eine „Präsidenteneiche“ oder eine „Blutbuche“ pflanzen. Auf Vorschlag des Bürgermeisters wird beschlossen, die Angelegenheit noch einmal zu vertagen, um durch eine Besichtigung an Ort und Stelle nochmals zu prüfen, ob es nicht doch möglich sei, den schönen Baum, an dem so mancher eine Freude habe, zu erhalten.“

Wegen der langen Dauer der Auseinandersetzungen in der Gemeindevertretung um mein Schicksal folgt die Fortsetzung im März unserer Ausgabe.

Die Kaisereiche
In Vertretung: Hartmut Ulrich

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