Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.03.2017

Was ist gleich nochmal ein Pussyhat?

"Guerilla knitting“, „Yarn bombing" und andere Trends an der Strickfront.

Foto: Dieter Hoppe

Foto: Isolde Peter

Stricken ist seit dem Altertum als Handwerkskunst bekannt. Wahrscheinlich entstand die Technik aus dem Knüpfen von Netzen, was erst per Hand, später mit Nadeln gemacht wurde. Im Mittelalter lag das Stricken einerseits in Frauenhand, wenn es um die Versorgung der Familien mit Kleidung ging. Männersache war es vor allem als Gewerbe und wenn es um gewerbliches Stricken und die Organisation in Zünften ging. Ab der Biedermeierzeit wurde das Stricken immer mehr zu einer Tätigkeit, mit der Frauen Kleidung, aber auch Dekoratives und Nützliches für das eigene Heim schufen. Darüber hinaus war das Stricken in Heimarbeit eine Möglichkeit für Frauen, zusätzliches Geld zu verdienen.

Das maschinengestützte Stricken von Textilien mit Maschinen nahm ab den 50er Jahren immer mehr zu, so dass maschinengefertigte Strickwaren teilweise sogar billiger wurden als selbst gestrickte. Trotzdem blieb Stricken eine der Handarbeitsformen, die besonders bei Frauen, aber auch bei vielen Männern als Hobby beliebt blieben. Es gibt viele regionale und historische Unterschiede, ob Stricken eher „Frauensache“ oder „Männersache“ ist. Ein bekanntes Phänomen ist es allerdings, dass als „weiblich“ erachtete Tätigkeiten häufig mit einer gesellschaftlichen Abwertung konfrontiert sind, die sich vor allem auch in der Bezahlung und im Ansehen widerspiegelt. Das gilt für die Fürsorge für Familie und Kinder genauso wie für Tätigkeiten im sozialen Bereich oder eben auch das Handarbeiten.

Der Do-it-yourself-Trend der letzten Jahre hat allerdings dazu geführt, dass Handarbeitskünste wie Stricken, Häkeln oder Nähen wieder verstärkt in Mode kamen, viele strickende, häkelnde oder nähende Frauen (und natürlich Männer) machten ihr Hobby zum Beruf und vermarkten ihre Werke im Internet auf Plattformen wie Pinterest, Dawanda, Instagram. Und obwohl die eben oft als „typisch weiblich“ erachteten Handarbeitstechniken lange Zeit als Kunsthandwerk und nicht als Kunst gesehen wurden, gibt es auch hier schon lange einen Gegentrend. „Guerilla knitting“ oder „Yarn bombing“ war zunächst als Street Art in Amerika zu sehen und kam dann auch nach Deutschland und Berlin. In Friedenau und Umgebung sind immer wieder gestrickte Street Art Werke im öffentlichen Raum zu sehen. Also halten Sie die Augen offen!

Auch politisch hat das Stricken als Protestform inzwischen Karriere gemacht und sich professionalisiert. Während in den 80ern nach Einzug der Grünen in den Bundestag Frauen und Männer aus der alternativen Szene mit Strickzeug und naturbelassener Wolle bei politischen Debatten für Irritation sorgten, ist derzeit der „Pussyhat“ das ultimative Protestaccessoire. Die Mütze aus pinkfarbener Wolle ist das Symbol des Widerstandes gegen Trump, seine Frauenfeindlichkeit und seine Diffamierungsreden und gegen das allgemeine Erstarken des Rechtskonservatismus in USA und Europa. Beim Marsch nach Washington am 21.1.2017 führte das „pussyhatproject“ dazu, dass Menschen sich pinkfarbene Mützen strickten, häkelten oder nähten und ein optisches Signal des Protestes – ein Meer aus Pink – sichtbar wurde.

Auch in Berlin sind viele Pussyhats gestrickt worden und werden wohl auch weiter gestrickt werden. Das zeigt sich auch daran, dass viele Handarbeitsläden mittlerweile gut auf den Bedarf an Pussyhats eingestellt sind. „Frau Wolle“, der Handarbeitsladen nahe Feuerbach- / Ecke Bismarckstraße, bietet zum Beispiel eine Variante aus Merinowolle – inklusive Anleitung. Für den Alltag muss es auch nicht unbedingt pink sein, vielleicht stricken Sie sich ja gleich mehrere Modelle, in schwarz sieht der pussyhat auch sehr schön aus und die pinkfarbene Variante wird zu besonderen Anlässen getragen – die nächste Demo kommt bestimmt. Männern steht die pinkfarbene Mütze übrigens besonders gut...

Isolde Peter

Anleitungen zum Handarbeiten eines Pussyhat: www.pussyhatproject.com
Informationen zum March on Washington: www.womensmarch.com
Frau Wolle ist in der Bismarckstraße 76 zu finden: www.frau-wolle-berlin.de/

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