Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.09.2012 / Menschen in Schöneberg

Warum das Erinnern wichtig ist

Noch bis zum 7. Oktober 2012 wird im Foyer des Schöneberger Rathauses eine Sonderausstellung zum Projekt WIR WAREN NACHBARN gezeigt. Ihre Besucher können über Informationen zur nationalsozialistischen Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Ärzte ihres Wohnbezirks hinaus, zu 12 Ärzten in eine direkte Beziehung treten, deren Biographien exemplarisch in Wort und Bild aufbereitet wurden.
Foto: Über ein Vierteljahrhundert, bis zu ihrer kurzfristig angeordneten Zwangsräumung am 1.9.1938, lebten Ella und Dr. Bruno Wolff mit Sohn Fritz und Tochter Hilde in der Motzstraße 14 (heute Motzstr. 22). Das Ehepaar flüchtete im Juli 1939 nach Belgien. Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg

Ruth Jacob, die die Ausstellung vorbereitet hat, beschreibt ihre Sicht weniger als geschichtswissenschaftliche, sondern vielmehr als die einer „ Ärztin auf eine Krankengeschichte, in diesem Fall einer kranken Geschichte. „Ihre biografischen Quellen sind vor allem die Erinnerungen der in aller Welt verstreuten Kinder und Enkelkinder der verfolgten Ärzte. Sie stellen damit einen direkten Bezug zu unserem Hier und Heute dar.
Vor 1933 waren In Berlin 60%  aller Kassenärzte jüdisch. 1938 durfte keine einzige solche Praxis mehr betrieben werden. Dies betraf allein in Schöneberg mehr als 35O Ärztinnen und Ärzte. Emine Demirbüken-Wegener betonte in ihrem Grußwort „was in eindrucksvoller Weise an den Lebensgeschichten dieser ehemaligen Schöneberger Mitbürger deutlich wird, was politisch inszenierte und politisch gewollte Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen bedeutet: Nämlich Zerstörung von Nachbarschaft durch Schweigen, Dulden, Mitläufertum bis hin zur Täterschaft … “ und weiter ... „tiefe Verzweiflung und unübersehbare Spuren auch in der nachfolgenden Generation.“
Daher ist es gut, wenn heute Nachbarn des Rabbiners Daniel Alter und seiner Familie in Friedenau gemeinsam mit vielen anderen ein öffentliches Zeichen gegen Antisemitismus, Gewalt und Intoleranz setzen, wie unlängst auf dem Grazer Platz geschehen.

Verdrängte Geschichte kann nicht betrauert werden. Unverarbeitet bringt sie aus dem Unterbewusst-sein jene Impulse ans Licht, die sich in Fremdenhass, Extremismus und Nationalismus niederschlagen. Die namhaften deutschen Ärzte und Psychotherapeuten Hartmut Radebold und Hans-Joachim Maaz werden nicht müde, auf die Wechselbeziehung von historischer und persönlicher Entwicklung hinzuweisen. „Unabhängig vom Lebensalter haben wir eine Geschichte, sind wir Geschichte und verkörpern wir Geschichte – für uns selbst und in der familialen Weitergabe“, so Hartmut Radebold. „So sind das schnelle Vergessen, das Gerede vom Schlussstrichziehen und von Amnestie gefährliche Empfehlungen, die nur den Weg zu neuen repressiven Strukturen weisen …“, schreibt Hans-Joachim Maaz 2010 in seinem Buch „Der Gefühlsstau“ und bietet eine Perspektive durch „Fühlen statt Agieren“ an als  „psychischen Revolution.“ Das klingt friedfertig, würde Angriffe auf  Mitmenschen wegen ihrer Religion, Hautfarbe, Rasse oder politischen Überzeugung absurd erscheinen lassen und stünde zu-dem mit unserem Grundgesetz in vollem Einklang, vor dem alle Menschen als  gleich angesehen werden, ihre Würde unantastbar und das Friedensgebot ein Verfassungsgebot ist.
Wer sich nicht erinnert, einfühlt und begreift, der wirft den Schlüssel zum eigenen Haus aus dem Fenster. Er mag sich darin irgendwie einrichten, aber der Weg zu seinen Nachbarn bleibt ihm verschlossen.

Sibylle Schuchardt

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden