Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

08.06.2015 / Menschen in Schöneberg

Von Millionenbauern zur „Next Generation“

„Wir können nicht lange überleben, wenn wir in einer geographisch zusammengerückten Welt geistig voneinander getrennt bleiben.“ (Martin Luther King Jr.)
Foto: Jugendmuseum

Wer mit dem Bus an der Hauptstraße 40/42 vorbei fährt, bemerkt meist nur flüchtig die beiden alten Villen, die als Baudenkmale „Ensemble Dorf Schöneberg“ geschützt sind. Beide wurden von den  durch Landverkäufe reich gewordenen „Millionenbauern“ gebaut und beherbergen heute das lokale historische Archiv und das Jugend Museum. Das Archiv ist für unsere Stadtteilzeitung ein geschätzter Ort für Recherchen, und die Villa daneben ist eine Begegnungsstätte für interessante Ausstellungen und Aktivitäten für junge Menschen. Hier finden sich u.a.  die „Wunderkammern-Wunderkisten“, vor allem aber die transkulturelle Ausstellung VILLA GLOBAL. Sie ist inzwischen stadtbekannt, weil hier Forderungen des Deutschen Kulturrats und der modernen Museumspädagogik in bemerkenswerter Weise umgesetzt werden.

Mit dem Perspektivwechsel „vom Defizit zum Potenzial“ bieten sich hier Möglichkeiten, Menschen aller Altersschichten und Herkunft in eine aktive Projektarbeit einzubinden, ihre Potenziale auszuschöpfen und ihnen damit Techniken für die kritisch reflektierende Bewältigung ihres Lebens und ihrer Zugehörigkeit zur Heimatstadt Berlin an die Hand zu geben. Zusammen mit ihrem engagierten Team hat Petra Zwaka – Leiterin der Museen Tempelhof-Schöne-berg – zu diesem Thema verschiedene innovative Projekte entwickelt. Die Ausstellung VILLA GLOBAL ist aus einem solchen hervorgegangen und wurde bereits im Jahr 2002 erstmalig realisiert. Leitidee war damals: „…dass auf ungewöhnliche Weise ein Dialog mit Kindern und Jugendlichen verschiedenster Herkunft geführt werden sollte. Wir nannten (die Ausstellung) VILLA GLOBAL und wollten damit zum Ausdruck bringen, dass jeder Gast willkommen ist, sich im „Labyrinth der Kulturen“ - so der Untertitel – auf persönliche Entdeckungsreise zu begeben. Am Eingang war zu lesen: Wer weiß schon, wie seine Nachbarn leben? Zumal, wenn sie aus anderen Ländern kommen. In der VILLA GLOBAL kannst du fremde Türen öffnen und dich umschauen.“(1)

Wegen des großen Erfolgs der Ausstellung und aufgrund neu entstandener Fragen zum Zusammenleben in Vielfalt entstand 2011 das Modellprojekt „Heimat Berlin, Migrationsgeschichte für Kinder“, mit dem Focus auf der Frage: Wer ist Berlin? 1.600 Kinder und Jugendliche machten sich auf die Suche nach Orten und Lebensgeschichten. „Sie recherchierten, schlüpften in historische Rollen, dokumentierten und befragten Personen, die in den letzten Jahrzehnten nach Berlin eingewandert oder solche, die hier geboren sind. Die Ergebnisse dieser Feldforschungen im Museum und drum herum sind in der Werkschau www.heimat-berlin.info zu sehen, die neben den Workshopinhalten mindestens genau soviel über ihr Bedürfnis nach Dazugehören, Anerkennung und gleichberechtigter Teilhabe erzählen (2).

Die VILLA GLOBAL trägt jetzt den Zusatz THE NEXT GENERATION. Im Mittelpunkt stehen Menschen zwischen 14 und 79 Jahren, die zum Leben unserer Stadt gehören, und die mit Geschichten in „ihren Räumen“ deutlich machen, dass eindeutige kulturelle und ethnische Zuordnungen nicht mehr so einfach sind. In „seinem Raum“ der VILLA wird z.B. die Musik des Rappers Jonni gespielt, der mit viereinhalb Jahren mit seinen Eltern aus Israel nach Berlin kam. Mal fühlt er sich als israelischer Berliner, mal als Berliner Israeli. Marthe aus Ruanda und Theokleia aus Griechenland haben z.B. eine WG gegründet. Eine absolvierte in Berlin das Freiwillige Soziale Jahr, die Andere kam hierher, um zu studieren. Sie haben in „ihrem Raum“ Fotos von gemeinsamen Aktivitäten an die Wand gepinnt.
„14 Räume gibt es in der VILLA GLOBAL für 15 Menschen. Als Experten für ihre eigene Geschichte haben ihre Perspektiven Eingang in die Präsentationen gefunden.  So arbeiteten sie mit bei der Auswahl der Exponate, der Fotos sowie des Ausstellungsmobiliars. Über ein Vierteljahr dauerte diese Zusammenarbeit, die von intensiven Gesprächen mit dem Museumsteam geprägt waren. Die engagierte Beteiligung der neuen „Bewohnerinnen und Bewohner“ gibt den Räumen eine Authentizität und Tiefe, die ohne sie niemals zu erreichen gewesen wäre.“ (3)

Zur Ausstellung gibt es ein Leseheft mit 15 Dokumentationen der „Bewohner/innen der VILLA“ (dem auch die Zitate 1 bis 3 von Frau Petra Zwaka entnommen wurden), ein Ausstellungspixi für Kinder und Jugendliche zum Mitnehmen, eine ausführliche Projektdokumentation zur Vermittlung der Migrationsgeschichte für Lehrende an Schulen und Multiplikatoren der Kulturellen Bildung und die interaktive Website www.villaglobal.de.

Das Projekt wurde gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern - Kompetenz stärken“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Öffnungszeiten: Sa - Do jeweils
14 bis 18 Uhr, Fr. 9 bis 14 Uhr, Gruppen nach Voranmeldung auch vormittags (90277 6163).
Der Eintritt ist frei.

Hartmut  Ulrich

Zur Erinnerung:  Die vielbesuchte Ausstellung  „Im Visier der Stasi“ läuft noch bis 28.6.2015.

Kontakt

Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 BerlinStandort / BVG Fahrinfo
Stadtteilzeitung SchönebergHolsteinische Straße 3012161 Berlin
86 87 02 76 -79Fax 86 87 02 76 -72E-Mail senden
LeitungThomas Thieme0173/4825100E-Mail senden