Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.03.2021

Von Häusern und Menschen

In dem neu erschienenen Buch der Publizistin Petra Tamara Fritsche werden – bekannte und unbekannte - Menschen porträtiert, die in der kurzen Friedenauer Stierstraße lebten.

Petra Fritsche

Die Häuser in der nur etwa 300 Meter langen Stierstraße in Friedenau wurden alle Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbaut. In die Häuser mit den aufwändig gestalteten Fassaden zogen vorwiegend Bürger aus der Mittelschicht ein. Viele von ihnen waren Schriftsteller, Maler, Juristen, Kaufleute oder Bankiers.
Einige dieser Bürger mussten in den dreißiger Jahren emigrieren, weil sie ihre Kunst nicht mehr ausüben durften oder weil ihre Geschäfte boykottiert oder „arisiert“ wurden. An viele der künstlerisch tätigen Menschen erinnern wir uns, weil wir ihre Werke heute noch bewundern. Wir lesen ihre Gedichte und Romane, betrachten ihre Bilder. Oder wir lesen in ihren Erinnerungen und Biografien über die Ausgrenzung aus dem bürgerlichen Leben. So erhalten wir eine Vorstellung von Stigmatisierung, Flucht oder Internierung.
An diejenigen, die nicht zu den bekannten Wissenschaftlern, Künstlern oder auch Widerstandskämpfern gehörten und die der Verfolgung nicht entgehen konnten, erinnern uns die Stolpersteine, die vor den Häusern liegen und den bisher Vergessenen ihren Namen zurückgeben.

Die damaligen Bewohner der Straße, die Nachbarn, wussten, dass die Deportierten nicht wiederkommen würden. Die meisten nahmen das hin, viele profitierten, indem sie in die nun freien Wohnungen zogen, den hinterlassenen Besitz übernahmen oder ersteigerten. Und manche arbeiteten der Gestapo in die Hände, indem sie versteckte Menschen denunzierten, vermeintlich verbotene Handlungen anzeigten.
Aber es gab auch die anderen, die den untergetauchten Juden halfen oder auf vielfältige Weise Widerstand leisteten.
Nach Ende des „Dritten Reichs“ wurden Zwangsverkäufe und Enteignungen häufig geleugnet oder beschönigt. Die Geschädigten – Überlebende und Angehörige der Opfer – konnten oft ihre Ansprüche nicht durchsetzen oder erhielten erst nach langen und quälenden bürokratischen Verfahren eine Entschädigung.
So wie für viele Menschen die Stierstraße ihre letzte Adresse war, bevor sie deportiert wurden oder flohen, so war diese Straße nach dem Krieg ein Fluchtpunkt, wie für den Schriftsteller Uwe Johnson und seine Frau Elisabeth, die nach ihrer Flucht aus der DDR in die Stierstraße zogen – in ein Haus, aus dem 1936 der Bühnenschriftsteller Julius Berstl vor den Nazis geflohen war.

Wenn wir heute sehen, dass vielen Fassaden der Häuser die Dekoration fehlt, einige Neubauten und auch Baulücken bemerken, dann wissen wir, welche Erschütterungen in welcher Zeit die Zerstörungen bewirkt haben.
Die Straße wird in diesem Buch zu einem Panorama dessen, was unsere Geschichte ist.

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