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3.07.2019

Von Angesicht zu Angesicht

Ausstellung „Lotte Laserstein - Von Angesicht zu Angesicht“ in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg noch bis 12. August.

Lotte Laserstein, Ich und mein Modell, 1929/30, The Bute Collection at Mount Stuart, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Frauen hatten (und haben) es im Kunstbetrieb nicht leicht. Ein akademisches Studium war weiblichen Künstlerinnen zum Beispiel lange verwehrt. Aber es gab immer schon Künstlerinnen, die es trotz vieler Widrigkeiten geschafft haben, anerkannt zu werden und Erfolg zu haben. Lotte Laserstein, 1898 in Ostpreußen geboren, war eine von diesen Ausnahmekünstlerinnen. Vielleicht lag es daran, dass es in der der Familie bereits ihre Tante Elsa Birnbaum gab, die eine Malschule betrieb und die Nichte unterrichtete. Dadurch war klar in der Familie, dass Frauen sich einer künstlerischen Tätigkeit widmen dürfen. Laserstein hatte Glück. Ihr Talent wurde früh in der Familie erkannt, wertgeschätzt und gefördert.

Nach ihrem Abitur studierte sie zunächst Philosophie und Kunstgeschichte und absolvierte eine private Ausbildung, bevor sie ab 1921 als eine der ersten Künstlerinnen überhaupt an der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste (ab 1924 „Vereinigte Staatsschulen für freie und angewandte Kunst; heute „Universität der Künste“ studierte und Meisterschülerin von Erich Wolfsfeld wurde. Zum Geldverdienen war sie teilweise auch noch als Illustratorin und Grafikerin tätig, aber schon 1925 wurde sie mit der Ministermedaille des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ausgezeichnet und bekam zahlreiche Möglichkeiten zur Teilnahme an Ausstellungen. 1927 eröffnete sie ihr Atelier in der Friedrichsruher Straße in Wilmersdorf. Es zeichnete sich also eine erfolgreiche Karriere für sie ab.

Doch dann bedeutete die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 für Laserstein als Jüdin die Entlassung aus dem Verein der Berliner Künstlerinnen. Sie hatte keine Möglichkeit mehr, als Künstlerin zu arbeiten und ausgestellt zu werden. In kleinem Umfang war sie als Lehrerin tätig. 1937 emigrierte sie nach Schweden und nahm die schwedische Staatsbürgerschaft an. Es gelang ihr nicht, ihre Verwandten ebenfalls dorthin in Sicherheit zu bringen. Ihre Mutter starb im KZ Ravensbrück, ihre Schwester überlebte in einem Versteck.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es beruflich und privat schwierig für Lotte Laserstein. Sie hielt sich finanziell mit Auftragsarbeiten über Wasser, konnte aber an ihre früheren Erfolge in der Kunstszene nicht mehr anknüpfen. In den 80er Jahren wurde sie durch eine Ausstellung in England „wiederentdeckt“. 1993 starb sie in Schweden. Erst 2003 wurde ihr in Berlin im „Verborgenen Museum“ eine Einzelausstellung gewidmet. Seit 2007 ist eine kleine Straße zwischen Sachsendamm und dem S-Bahnhof Südkreuz nach Lotte Laserstein, der Ausnahmekünstlerin, die künstlerisch eng mit Berlin verbunden ist, benannt.

Nun wird in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg noch bis 12. August die Ausstellung „Lotte Laserstein - Von Angesicht zu Angesicht“ gezeigt. Dort sind ihre Bilder aus den zwanziger und dreißiger Jahren als auch ihre späteren Werke aus Schweden zu sehen. Es lohnt sich, diese Künstlerin und ihr Werk in der aktuellen Ausstellung (erneut) zu entdecken und wahrzunehmen. Ihr Malstil ist einzigartig. Sie verbindet den Realismus des 19. Jahrhunderts mit einer ganz eigenen, aus heutiger Sicht modern und fotografisch wirkenden Darstellung von Menschen. Meist wird Laserstein der Neuen Sachlichkeit zugeordnet, aber ihr Blick ist nicht kühl und abgeklärt, sondern einfühlsam und ehrlich, besonders wenn sie Menschen in Einzelporträts oder Gruppenporträts darstellte.

In ihren Selbstporträts ist Lotte Laserstein in verschiedenen Lebensphasen zu sehen. Die junge, selbstbewusste Malerin mit weißem Hemd und Katze, die an der Staffelei steht, und später die gealterte Künstlerin, die sich selbst, deutlich melancholischer und ein wenig resignativ vor eben ihrem großen Werk „Abend über Potsdam“ malt. In ihren Bildern stellt sie eine Nähe her, die Zeiten überdauert und beim Betrachten spürbar wird.

Isolde Peter


„Lotte Laserstein – Von Angesicht zu Angesicht“
Noch bis 12.8. in der Berlinischen Galerie,
Alte Jakobstraße 124-129, 10969 Berlin
Mittwoch – Montag 10 – 18 Uhr (Dienstags geschlossen)
Eintritt: 10 Euro, erm. 7 Euro

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