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29.01.2021

Vom kurfürstlichen zum botanischen Garten

Von Ottmar Fischer. Fortsetzung des ersten Teils aus der Dezember-Ausgabe 2020

Vor der Erfindung der Fotografie war Handarbeit nötig. Die Abbildungen in dem epochalen Pflanzenbuch von L. Fuchs (l.) wurde von diesen drei Kunsthandwerkern angefertigt: Albrecht Meyer erstellte die Originalzeichnungen, die von Heinrich Füllmaurer auf den Druckstock kopiert und dann von Veit Rudolf Speckle gestochen wurden. Für das von seinem Illustrator Heinrich Füllmaurer angefertigte Portrait (linkes Bild) legte sich L. Fuchs passend zu seinem Namen einen Fuchskragen um.

Mit der Erfindung der Druckkunst im 15. Jahrhundert begann nicht nur das Zeitalter der Bücher, sondern auch das der Schriftsprache. Ihre internationale Form wurde das bereits erprobte Latein der abendländischen Kirche, weil es um Wissenschaft ging. An der Geschichte der Pflanzenkunde von der Volkserfahrung zur Wissenschaft lässt sich gut nachvollziehen, wie sinnvoll der Einsatz einer exakten und von allen Beteiligten verstandenen Sprache ist. Denn mit ihrer Hilfe können Irrtümer bei der Faktenübermittlung vermieden werden. Das Latein wurde also nicht in Gebrauch genommen um etwas geheim zu halten, wie Verschwörungstheoretiker auch heute noch behaupten, sondern um im Gegenteil das gleiche Wissen über die Sprachgrenzen hinaus verfügbar zu machen und zur Diskussion zu stellen.

Wie notwendig allgemeinverständliche Exaktheit ist, lässt sich leicht erkennen, wenn man sich vor Augen führt, dass schon die volkstümlichen Bezeichnungen innerhalb ein und desselben Sprachraums unterschiedlich sein können, je nachdem ob in einer Gegend etwa vom Löwenzahn oder von der Kuhblume gesprochen wird, obwohl die gleiche Pflanze gemeint ist. Doch selbst wenn Pflanzensammler und Apotheker dieselbe Bezeichnung verwenden, kann immer noch das gewünschte Ergebnis verfehlt werden, weil viele Pflanzen sich ähneln und leicht zu verwechseln sind, etwa Taubnessel und Brennnessel, die in ihrer Wirkung schon bei Berührung unterschiedlich sind. Eine zusätzliche Hilfe bot daher neben der Einführung der lateinischen Pflanzenbezeichnungen die Perfektionierung in der Kunst der naturgetreuen Abbildung, wodurch die jetzt aufkommenden Kräuterbücher zu unentbehrlichen Verständigungsmitteln für Ärzte und Apotheker wurden, aber auch für Kräutersammler und Gärtner, für Händler und Transporteure.

Bahnbrechend wurde im Jahre 1542 das Bestimmungsbuch von Leonhart Fuchs, einem württembergischen Medizinprofessor, der 14 Jahre zuvor einem Ruf des brandenburgischen Markgrafen Georg an dessen Nebensitz im fränkischen Ansbach gefolgt war, um dort eine Universität zu gründen, woraus aber nichts wurde. Stattdessen wurde er Leibarzt des Markgrafen und erwarb sich in dieser Zeit deutschlandweiten Ruhm durch die Heilung des damals grassierenden „Schweißfiebers“, bevor er dann einen Ruf an die Universität Tübingen annahm, wo er bis zu seinem Tode blieb. Sein Pflanzenbuch erlangte Weltgeltung durch seine Gründlichkeit. Es enthielt neben genauen Beschreibungen auch farbige Illustrationen zu allen damals bekannten Pflanzen und sollte dem verderblichen Mangel abhelfen, wie er selbst in seiner Einleitung schrieb,
„dass man selbst unter Ärzten kaum einen unter hundert finden wird, der eine korrekte Kenntnis von Pflanzen besitzt. Sie scheinen zu denken, dass solche Informationen nicht zu ihrem Beruf gehören, und zu meinen, es wäre ihrer Würde abträglich, Zweifel hinsichtlich der Exaktheit und Zuverlässigkeit derer zu hegen, die solche Dinge kaufen und verkaufen. Und so begibt es sich, dass die Apotheker –  Gott weiß, dass sie in der Mehrzahl selbst ein ungebildetes Volk sind – das alles den törichten und abergläubischen Weibern überlassen,  die Kräuter und Wurzeln sammeln. Also wird Fehler auf Fehler gehäuft, und das wird so bleiben, solange die Bestimmung medizinischer Pflanzen der groben und vulgären Unkenntnis überlassen bleibt.“

Aber zu unserem Glück wurde es anders. Und über die ansbachische Linie der Hohenzollern kam das Interesse an der Verbesserung der Lage sehr schnell auch nach Brandenburg, zuerst über die Betreuung der medizinischen Abteilung des Berliner Schlossgartens durch den kurfürstlichen Leibarzt, ab 1679  dann durch die Schaffung des Gartens in der Gegend des heutigen Kleistparks durch den Großen Kurfürsten. Allerdings teilte sein Nachfolger die botanische Entdeckerfreude seiner Vorgänger nicht. Sein Interesse galt vielmehr der Erlangung der Königswürde (1701) und der Errichtung repräsentativer Anlagen. In seiner Kindheit hat er sich wohl zu viel mit seinen Brüdern und Schwestern unter der Aufsicht des botanisch begeisterten Vaters im Küchengarten aufhalten müssen, denn er verwandelte die Schöneberger Anlage in einen Lustgarten, ließ aber Glas- und Treibhäuser erbauen, und der inzwischen mit der Leitung beauftragte Sohn des Gründungsdirektors führte sogar neue Fruchtsorten, Blumen und Kräuter ein, die er von seinen Reisen in königlichem Auftrag mitbrachte, was dem königlichen Ansehen unter Europas Königen aufhelfen sollte.

Wer zahlt den Aufwand?

Der nachfolgende Soldatenkönig (1713-40) hatte wiederum gar kein Interesse an Lustgärten. Er übergab die ganze Einrichtung an Andreas Gundelheimer, der als Leibarzt des vorigen Königs eine zweijährige Orientreise in Begleitung des französischen Botanikers Tournefort unternommen hatte, und nun unter Verwendung eigener Mittel die Umwandlung in einen botanischen Garten vornahm, wo er einerseits selbst gesammelte oder von Tournefort übersandte Pflanzen zum Einsatz brachte, andererseits von der endgültigen Auflösung des Schlossgartens durch Übernahmen profitierte. Und im Todesjahr 1715 des Direktors übergab der König den von ihm wenig beachteten Garten schließlich in die Obhut der akademischen „Sozietät der Wissenschaften“, die nun ihrerseits von den schmalen Zuwendungen des sparsamen Königs den Garten unterhalten musste.

Aber damit war der entscheidende Schritt zur wissenschaftlichen Begleitung der Entwicklung im Garten getan. Auch seine weitgehende Zerstörung im Siebenjährigen Krieg beim Durchmarsch der Russen, bei dem auch das gesamte Dorf Schöneberg in Flammen aufging, und ebenso der Wiederaufbau als Lustgarten für die Berliner Bevölkerung vermochten daran nichts mehr zu ändern. Durch Johann Gottlieb Gleditsch (1714-86) als Direktor und Professor im „Collegium medico chirurgicum“ erlangte die brandenburgische Botanik sogar wissenschaftlichen Weltruhm. Und das gelang ihm durch einen Versuch mit einer bereits unter dem Soldatenkönig beschafften weiblichen Dattelpalme, die noch nie Frucht getragen hatte. Aus dem Botanischen Garten seiner Heimatstadt Leipzig, wo er zuvor Direktor gewesen war, ließ er den blühenden Zweig einer männlichen Dattelpalme nach Schöneberg bringen, mit dem er die Blüten der weiblichen eigenhändig bestäubte, woraufhin der Baum reichlich Früchte trug – eine Sensation, die sich nicht nur in der Wissenschaft schnell herumsprach, sondern auch, und noch viel schneller, über die vier zur Gartenarbeit herangezogenen Kleinbauern aus dem Dorf Schöneberg unter der Landbevölkerung. Damit war die zweigeschlechtliche Vermehrung der Pflanzen erwiesen. Und durch diesen Erfolg ermuntert, untersuchte und erkannte er nun auch die Rolle der Insekten bei der Bestäubung. Und das erstaunte nun Wissenschaft und Landbevölkerung  noch viel mehr.

Wo so viel nützliches Wissen errungen worden war, da musste endlich auch die bisherige Zurückhaltung bei der Finanzierung aufgegeben werden. Im Jahre 1801 entstand hier nun ein Botanischer Garten im heutigen Sinn, mit der Attraktion eines 17m hohen Palmenhauses aus Stahl und Glas. Und um die wissenschaftliche Forschung voranzubringen, wurde die Lebendsammlung des Gartens ab 1815 durch die dauerhafte Konservierung von Pflanzen in einem Herbarium ergänzt, und ab 1819 waren wissenschaftliche Vergleiche in einer Fachbibliothek möglich, wo auch das eingangs erwähnte Bestimmungsbuch von Leonhart Fuchs seine gebührende Beachtung fand. Beide neuen Abteilungen fanden schließlich in jenem zwischen 1878 und 1880 errichteten Gebäude an der das Gelände begrenzenden Grunewaldstraße ihren ständigen Ort, das heute als „Haus am Kleist-park“ der bezirklichen Kunstförderung dient.

Und damit endet die Schöneberger Geschichte eines botanischen Höhenflugs. Nach dem von 1899 bis 1910 erfolgten Umzug wird sie fortgesetzt auf einem sechsmal so großen Gelände der frisch aufgelösten Domäne Dahlem, wo neben dem Herbarium auch die Bibliothek mitsamt dem lateinischen Buch von Fuchs ihren neuen Platz erhielt, dem zu Ehren übrigens die Fuchsien ihren Gattungsnamen erhielten. Wer sich einen Eindruck vom Umfang des alten Gartens verschaffen will, sollte sich nicht am verwahrlosten Kleistpark orientieren, sondern von der Potsdamer Straße aus über Pallasstraße, Gleditschstraße und Grunewaldstraße zur Potsdamer/Hauptstraße zurück einmal das dadurch ziemlich genau zu umgrenzende Gelände abschreiten und dabei daran denken, dass diese Straßen einschließlich der Elßholzstraße am Kammergericht nach bedeutenden Botanikern benannt sind, von denen wenigstens einer hier auch vorgestellt werden konnte.

Der Name Grunewaldstraße allerdings erinnert daran, dass zur damaligen Zeit der Weg vom Dorf zum Wald, wo damals das Schweinehüten stattfand und Holz gesammelt wurde, noch fußläufig in einer guten halben Stunde zu erreichen war, bevor der einsetzende Häuserbau der beginnenden Großstadt nicht nur das Dorf Schöneberg vernichtete, sondern auch den Wald zurückdrängte.

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