Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.01.2017 / Menschen in Schöneberg

Voices of Help

Eine dokumentarische Klanginstallation von Paul Brody
Paul Brody in den Austellungsräumen des Schöneberg Museums. Foto: Museen Tempelhof-Schöneberg

Wie klingt eine menschliche Stimme – jenseits von Worten? Der amerikanische Künstler Paul Brody arbeitet mit Interviews zu gesellschaftlichen Themen und komponiert daraus Musik. In seiner neuen Klanginstallation „Voices of Help“ im Schöneberg Museum stellt er in drei audiovisuell inszenierten Räumen Frauen und Männer vor, die sich für Menschen in Not engagieren.

Seit mehr als 20 Jahren lebt der international arbeitende Komponist, Musiker und Installationskünstler Brody in Schöneberg. Auf den Wegen durch seinen Kiez fiel ihm die große Vielfalt an sozialen, selbstverwalteten Unterstützungsprojekten für Menschen in Notsituationen auf. Er begann vor Ort zu recherchieren, besuchte Akteur*innen dieser Einrichtungen, machte Interviews, sammelte Geschichten – um diese anschließend zu dechiffrieren und für sein Projekt „Voices of Help“ in eigene Klangkompositionen zu übersetzen.

In vielen seiner künstlerischen Werke geht Paul Brody der Frage nach, wie Melodie und Rhythmik einer Sprache in Musik überführt werden können. Seine Kompositionen basieren häufig auf Recherchen und Interviews, die er mit Menschen zu unterschiedlichen Themen führt. Oft geht es dabei um das Thema Identität. Seine Experimente in diesem Feld hat er in den letzten Jahren in verschiedenen Klanginstallationen öffentlich vorgestellt, etwa 2011 im Jüdischen Museum in Berlin zum Thema Heimat oder jüngst im Sommer 2016 mit zwei Klanginstallationen in den Münchener Kammerspielen als Artist in Residence.

Im Schönberg Museum bespielt Paul Brody drei Ausstellungsräume. Der erste Raum empfängt
Besucher*innen mit einer Soundcollage. Hier steht die Frage nach der persönlichen Motivation der 10 Interviewten im Mittelpunkt, ihre Motive für soziales Engagement, die persönlichen Ideale, die den Grundstein für die Professionalisierung der eigenen sozialen Arbeit gelegt hat.

Im zentralen Raum der Installation versammelt er Interviews der zehn Gesprächspartnerinnen und -partner, die einen Einblick in ihren praktischen Berufsalltag geben: in das Selbstverständnis der Helfenden, ihre Haltung, ihre methodischen Zugänge und in ihre „tools“, wie Paul Brody sagt. Ihre
Geschichten hört er als Wortmusik, identifiziert in der einen Stimme ein C-Dur, in der nächsten ein D-Moll, ordnet jeder Person ein Instrument zu, komponiert einen begleitenden Sound, der behutsam begleitet, mit der Wahl des Tempos auch kommentiert, die emotionale Qualität der Stimme unterstützt, manchmal auch Stille füllt. Keine dramatische Musik, sondern ein zusätzliches akustisches Element, das die Stimmen der Helfenden zu einem klanglichen Ganzen verbinden will.

Der dritte Raum widmet sich der aktuellen Kultur des Helfens im ehrenamtlichen Feld. Paul Brody fragt hier: Was treibt diese Menschen? Welche Erfahrungen machen sie mit dieser außergewöhnlichen Form des Helfens? Welche Enttäuschungen, Dissonanzen sind damit verbunden, wenn die, denen geholfen wird, sich anders verhalten als erwartet?

In seine dokumentarische Klanginstallation hat Brody, unterstützt von Dirk Hasskarl (Fotografie) und Patric Sperlich (Ausstellungsgestaltung), auch visuelle Elemente integriert. Etwa eine große Aufnahme eines Klassenzimmers der sozialen Frauenschule von Alice Salomon aus dem Jahr 1929, auf die Brody bei seinen künstlerischen Recherchen stieß und die hier auf die historische Kontinuität der Sozialarbeit verweist. Der zentrale Raum lädt mit zwei halbkreisförmigen Sitzelementen und zehn Kopfhörern zum Verweilen und Eintauchen in die verschiedenen Interviews und Klangcollagen ein. An den nachtblauen Wänden schweben Satzfragmente aus den Interviews – Schlüsselbegriffe, emotionale Momente, Gedanken, Fragen – locker angeordnet in einem Raster, das an Notenlineaturen erinnert.

Während Dirk Hasskarls Fotografien und Videoloops von Händen visuell die unterschiedlichsten Türen zu den Interviewten öffnen, gewährt Paul Brody im letzten Raum in einer gestalteten Vitrine einen berührenden Einblick in seine eigene Familiengeschichte und letztlich den Impuls für diese Arbeit. Seine jüdische Mutter musste mit 13 Jahren aus Österreich vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten fliehen. Sie überlebte Dank eines von Quäkern organisierten Kindertransportes von Wien nach England, wo zwei Schwestern sechs Jahre lang für sie sorgten. Ein etwa 13 Jahre altes syrisches Mädchen, dem Brody bei seinem Einsatz in einem Berliner Geflüchtetenlager begegnete, weckte diese Erinnerungen.

Veranstaltungsort:
Jugend Museum | Schöneberg Museum
Hauptstraße 40/42, 10827 Berlin
Laufzeit der Ausstellung: bis 05. März 2017
Öffnungszeiten: Sa–Do 14–18 Uhr, Fr 9–14 Uhr I
Eintritt frei
Für Gruppen nach Voranmeldung Montag bis Freitag 9–14 Uhr

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