Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

31.10.2020

Vogelbande ohne Maske

Von Maria Schinnen. Vor einiger Zeit besuchte ein Distelfink meinen Hinterhofbalkon im 4. Stock.

Distelfink Jungvogel

Ich erkannte ihn an seinem vielfarbigen Federkleid, den schwarzen Schwanzfedern mit weißen Flecken, den seitlichen gelben Streifen und vor allem an seiner roten Gesichtsmaske, die von einem weißen und einem schwarzen Ring eingerahmt wird. Flink und behände bewegte er sich zwischen Rosmarin und Thymian, zupfte mal hier, mal dort, war sichtlich angetan von dem Nahrungsangebot. Mit großer Freude beobachtete ich den kleinen Maskenträger. Nachdem er sich gesättigt hatte, flog er wieder ab. Natürlich hoffte ich, ihn bald wiederzusehen. Doch er ließ auf sich warten.

Eines Vormittags aber traute ich meinen Augen kaum: Etwa 10 bis 12 Vögel schossen auf meinen Balkon zu. Vor der Landung hielten sie sich kurz mit schwirrenden, schnellen Flügelschlägen in der Luft und stürzten sich dann zielgenau auf die buschig wachsenden Küchenkräuter. In jeder Pflanze steckten mindestens 2 Vögel, so dass es aussah, als ob die sonst eher starren Zweige plötzlich ein Eigenleben entwickelt hätten. Sie fraßen schnell, hüpften hin und her, wirkten lebhaft, fast rastlos, als müssten sie sich beeilen. Einzelne Tiere des Trupps verließen den Balkon, flogen zum nächsten Hausdach, kamen wieder und zupften weiter. Ein fliegender Wechsel zwischen Balkon und Hausdach entstand. Ich beobachtete sie eine Weile, versuchte sie auf Fotos festzuhalten, was aufgrund der Ruhelosigkeit nicht leicht war. Doch welche Vogelart war das? Ein Teil der Färbung erinnerte mich an den kleinen Distelfink vor mehreren Monaten: das Schwarz-Weiß im Bereich der Schwanzfedern, die beiden seitlichen lang gezogenen gelben Streifen. Doch die sonstige Färbung passte nicht. Vor allem die Maske fehlte. Stattdessen war der gesamte Oberkörper grau-braun. Ich suchte nach Abbildungen im Internet, prüfte die Färbungen verschiedener Finkenarten und die Unterschiede zwischen Weibchen und Männchen, wurde aber nicht fündig.

Schließlich rief ich den Berliner Naturschutzbund an und fragte um Rat. Die freundliche Vogelexpertin hörte sich meine detaillierte Beschreibung an, stellte einige Zusatzfragen und äußerte dann ihre Vermutung. „Das war möglicherweise ein Jungvogelschwarm Distelfinken, wahrscheinlich aus der zweiten Brut im Sommer. Ihnen fehlt noch die Maske. Die bekommen sie erst im nächsten Frühjahr.“ Erstaunt fragte ich, warum so viele Vögel gleichzeitig aufgetaucht waren. „Die Distelfinken sind sehr gesellige Tiere“, erläuterte sie. „Sie tun alles gemeinschaftlich. Tagsüber bilden sie Futtersuchgemeinschaften, abends Schlafgemeinschaften. Oft leben mehrere Paare auf einem einzigen großen Baum, wo sie eine Art Brutkolonie mit durchschnittlich drei bis fünf Paaren bilden. Die Mitglieder der Kolonie lernen einander schon während des Nestbaus akustisch kennen. So sind die Jungvögel früh vertraut miteinander und schließen sich nach dem Flüggewerden zu einer Art „Bande“ zusammen. Gemeinschaftlich erobern sie dann ihre Umgebung und nutzen die nahe gelegenen Brach- und naturbelassenen Flächen mit ihren Disteln oder distelartigen Pflanzen.“ Disteln? Ich hatte doch keine Disteln auf meinem Balkon. „Die Samen der Küchenkräuter werden auch gern genommen“, erklärte sie.

Es machte mich glücklich und stolz, dass diese hübschen kleinen Vögel meinen Kräuterbalkon als Nahrungsquelle für sich entdeckt hatten. Ihr Bestand hat sich seit dem Jahr 2016, als sie aufgrund ihrer Gefährdung zum Vogel des Jahres gekürt worden waren, inzwischen offensichtlich wieder erholt, dennoch blieb das positive Gefühl, etwas zu ihrer Arterhaltung beitragen zu können.

Also, liebe Garten- und Balkonbesitzer, lassen Sie die Geranien und Petunien weg, pflanzen Sie lieber Küchenkräuter! Ein solcher Balkon ist nicht nur pflegeleicht, sondern bietet auch viele Sinnesgenüsse: ein wunderbares Aussehen, intensive, aromatische Düfte, würzigen Geschmack. Zusätzlich haben Sie die Chance, von unseren bunt gefiederten Genossen besucht zu werden. Sie werden Ihren Spaß bei der Beobachtung haben!

 

Deutschland wählt den Vogel des Jahres 2021 – Wählen Sie mit!

Und nun noch ein besonderer Hinweis für alle Vogelfreunde unter unseren Lesern: Seit 1971 küren die Naturschutzverbände LBV (Landesbund für Vogelschutz) und NABU (Naturschutzbund) den „Vogel des Jahres“, um auf die Gefährdung der Arten und ihrer Lebensräume aufmerksam zu machen. Bislang entschied eine Expertenrunde beider Verbände, wer den Titel tragen darf. Zum 50. Jubiläum aber ist alles anders! Erstmals entscheiden alle Menschen in Deutschland gemeinsam, wer „Vogel des Jahres“ wird. Auch Sie, liebe Leser*innen, können mitmachen. Die Nominierung läuft schon seit dem 9.10. und endet am 15.12.2020.
Und so können Sie wählen: Geben Sie www.vogeldesjahres.de in die Adresszeile Ihres Computers ein! Die Seite der Naturschutzverbände öffnet sich und zeigt Ihnen die wählbaren Vögel an. Es sind alle einheimischen und die wichtigsten Gastvogelarten. Sie erfahren auch, welche Vögel momentan gefährdet sind oder nicht. Wählen Sie Ihren Lieblingsvogel aus! Anschließend geben Sie Ihre Daten ein, denn jeder darf nur einmal wählen, und das wird anhand der Daten überprüft. Die zehn Vogelkandidaten mit den meisten Stimmen gehen als Favoriten in die Hauptwahl und stellen sich ab dem 18. Januar 2021 als Top-Kandidaten vor. Diese können, wie in der ersten Wahlphase auch, unter der gleichen Webadresse direkt von der Bevölkerung online gewählt werden. Am 19.03. steht dann fest, wer den Schnabel vorn hat, wer also der erste öffentlich gewählte Vogel des Jahres ist. Nähere Informationen zu gefährdeten Vogelarten  finden Sie unter: www.lbv.de/ mitmachen/fuer-einsteiger/ vogel-des-jahres-2021/

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