Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.03.2013

Viola wünscht sich wieder eine Wohnung

Seit Oktober letzten Jahres wohnt Viola am Innsbrucker Platz. Während sie sich bis vor wenigen Wochen an der Haltestelle vom Bus 248 häuslich eingerichtet hatte, bezog sie nun ein Quartier unter der Brücke direkt neben dem Fahrstuhl, der zu den Verkaufsräumen eines Discounters führt.

Foto: Sibylle Schuchardt

In direkter Nachbarschaft liegt ein kleiner Spielplatz, den abends – wie Viola beobachtet hat – dunkle Gestalten zur Drogenübergabe zweckentfremden. Davor laden Bänke internationale Alkoholkonsumenten zum kurzzeitigen Verweilen ein. Ebenso berichtet sie von Menschenhandel und Prostitution auf der anderen Straßenseite zur Hauptstraße hin. Viola hat ein scharfes Auge.

Als sie noch im Wartehäuschen lebte, verwendete sie den steinernen Vorsprung der Rückwand als Regal, auf dem sie die täglichen Nahrungsmittel ordentlich aufreihte. Selbst eine kleine Blumenvase fehlte nicht. Notwendiges Überlebensequipment war in Säcke und Taschen verpackt um die Sitzbank gruppiert. Abgerundet wurde die Campinglandschaft mit Einkaufswagen, die kuschelig ausstaffiert, drei Hunden eine Heimstatt boten. Ab und an gesellte sich ein Besucher, mit dem Speis und Trank geteilt wurde, dazu. Es war ein sehr öffentlicher, stets gut beleuchteter Wohnplatz, von dem Viola vertrieben wurde.

Seit etwa zwei Jahren befindet sie sich fast ständig auf der Flucht, vor der Polizei, dem Ordnungs- und dem Veterinäramt. Zusätzlich muss sie die Beschimpfungen von Bürgern ertragen. Dies alles zerre stark an ihrem Nervenkostüm, das ohnedies, und daran habe ich keinen Zweifel, völlig zerrüttet sei.

Der lange Jahre dauernde Überlebenskampf hat die Gesundheit ruiniert. Vielleicht verhält es sich auch andersherum. Nach dem Fall der Mauer verließ Viola, ihren Arbeitsplatz hatte sie verloren, die sächsische Heimat und suchte ihr Heil in Berlin. Ihr Glück mit Männern hielt sich in Grenzen, vier Kinder fanden sich mit staatlicher Unterstützung im Leben zurecht. „Die haben alle was gelernt. Meine Tochter hält als Einzige Kontakt zu mir. Die ist Künstlerin, die studiert richtig und … ich werde Oma. Ich muss hier weg. Ich schäme mich vor meiner Tochter, die kann mich doch hier nicht besuchen. Das ist doch peinlich! Ich hatte zuletzt vor vielleicht zwei Jahren ´ne Wohnung in Wedding, die hab ich wegen Mobbing verloren. Danach haben mich Freunde versteckt, in Kellern, Dachböden, Abrisshäusern.“

Viola freut sich über unser Gespräch: „Wenn mal einer vernünftig mit mir redet und mich nicht fertigmachen will: Das tut gut.“ Das harte Leben auf der Straße hat die hübschen Züge der 55jährigen Frau nicht ruinieren können und mit ihrem sehr speziellen Make-up zeigt sie, dass ihr Äußeres ihr nicht völlig gleichgültig ist. Sie weiß, dass sie nicht gut riecht: „Aber wenn ich hier weggehe, klauen die meine Hunde. Mein Bernhardiner ist ja schon weg.“ Mit den Hunden aber darf sie Hilfseinrichtungen nicht betreten.

Vom Veterinäramt hat sie Auflagen bekommen, wie oft sie Gassi gehen muss und dass die Hundeleinen 3 Meter lang zu sein haben. „Bei anderen Leuten mit fünf Hunden in ´ner kleinen Wohnung, das interessiert die nicht, aber mich haben sie dauernd auf dem Kieker. Dann kommt wieder mal ein Polizeikommando oder die Leute vom Ordnungsamt brüllen mich an. Der ganze Kram, der hier steht, ist gar nicht nur von mir. Da stellt immer wer was dazu. Und die Müllabfuhr nimmt die Säcke nicht mit. Die Hunde sollen ins Tierheim, aber da war ich schon mal. Denen geht es da ganz schlecht, die laufen alle neurotisch im Kreis und sind leeroperiert. Nee, meine Hunde behalte ich.“

Deswegen wünscht sich Viola eine Zweiraum-Wohnung. Damit die Hunde auch Platz haben und sie sich endlich wieder richtig waschen kann. Schwerbehindert ist sie auch und eine kleine Rente bezieht sie. Da müsste doch etwas zu machen sein? Die quälenden Vorkommnisse hält sie einer Art Tagebuch fest und macht auch Skizzen dazu. Beim herzlichen Abschied gibt sie mir ihre Aufzeichnungen vertrauensvoll in die Hand. „Ich bin nämlich nicht doof.“

Sibylle Schuchardt

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