Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

27.08.2011 / Menschen in Schöneberg

„Vielleicht bin ich ja ein Wunder“

Eine ungewöhnliche Ausstellung wird im Foyer des Rathauses Schöneberg vom 07. September bis zum 31. Oktober 2011 zu sehen sein. Besucher, die sich mit dem Thema „Menschen im hohen Alter“ intensiver befassen wollen, sind zudem herzlich zu drei sehr spannenden Begleitveranstaltungen eingeladen, die das Ausstellungsprojekt abrunden. Zur Vernissage, die am 06. September um 16.00 Uhr beginnt, erwartet Sie ein abwechslungsreicher musikalisch-informativer Cocktail.
Erwin H., Tempelhof, geb. am 13. April 1909. Fotografie: Marion Schütt
Gertrud P., Tempelhof, geb. am 1. März 1907. Fotografie: Marion Schütt

Tempelhof-Schöneberg kann einen besonderen Rekord verzeichnen, es ist der Heimatbezirk von fast 200 Frauen und Männern, die älter als 100 Jahre sind. Was macht das Leben für diese Menschen so nachhaltig lebenswert? Zeichnet sie vielleicht eine besonders starke Persönlichkeit aus, denken sie positiver und woher nehmen sie die Kraft zur Gestaltung eines so gesegneten Alters? Diese oder ähnliche Fragen mögen Dr. Sibyll Klotz, Stadträtin für Gesundheit und Soziales (Bündnis `90/Grüne) bewegt haben, als sie im Herbst 2010 Marion Schütt, Filmemacherin, Fotografin und Historikerin, Johanna Kalkowski vom Pestalozzi-Fröbel-Haus und Katharina Lahenges von Nijinski Arts mit ihrem Forschergeist ansteckte und das Projekt initiierte. Sie  machten sich auf die Suche nach „ihren“  Hundertjährigen im Bezirk und entschlossen sich, einige der Über-Hundertjährigen zu interviewen.

Marion Schütt fotografierte die Menschen in ihrer gewohnten Umgebung. Der solcherart gesammelte und komprimierte, vielhundertjährige Erfahrungsschatz wird erstmalig in der angekündigten Ausstellung gezeigt. Ein umfangreicher Ausstellungskatalog bietet die Möglichkeit, diese eindrucksvollen Menschenporträts in Bild und Wort mit nach Hause zu nehmen.

Weil wir genauer wissen wollten, wie es zur Entstehung dieses ungewöhnlichen Projektes kam, haben wir die Initiatorinnen Frau Dr. Klotz und Frau Schütt um ein Gespräch gebeten.
Frau Dr. Klotz , die sich als Chefin der Planungs- und Koordinierungsstelle  des Gesundheitsamtes  von Berufs wegen mit dem viel zitierten demographischen Wandel befasst, erzählt begeistert, warum sie auf diese alten Menschen neugierig  geworden ist. „Wir wollten sie sichtbar machen! Ihre Zahl wird immer größer, aber sie kommen in unserem öffentlichen Leben nicht vor. Wir wollten mehr über ihre Befindlichkeit erfahren, wollten wissen, wie sie es geschafft haben so alt zu werden. Uns interessierte nicht allein ihre aktuelle Situation, wie und wo über Hundert-jährige wohnen, sondern genauso ihre individuelle Biographie. Ich holte Frau Schütt, deren biographische Arbeiten ich schätze, ins Boot.“ „Wir wollten eine Ausstellung machen!“, vermitteln uns beide gleichzeitig mit Entschiedenheit und Frau Dr. Klotz betont, dass dies alles ohne den unermüdlichen Einsatz von Werner Freese, dem Leiter der Planungs- und Koordinierungsstelle Gesundheit überhaupt nicht möglich gewesen wäre. „Er hat sich bis ins letzte Detail wirklich um alles gekümmert.“

Frau Schütt, die in ihren Interviews den über Hundertjährigen persönlich sehr nahe gekommen ist, beeindruckt uns mit der Aus-sage, dass von den elf Gesprächspartnern vier tatsächlich noch in ihren eigenen vier Wänden leben. „Eine Frau von 104 Jahren hat mir Kaffee und Kekse serviert und ich musste sitzen bleiben! Die alten Menschen behielten den roten Faden im Gespräch im Auge. Sie wussten genau, was sie erzählen wollten und was nicht. Ihre optimistische Lebensphilosophie fiel mir besonders auf. Natürlich gab es  die sogenannte schlimme Zeit, aber niemand wirkte verbittert. Das normale Alltagsleben, die kleinen Freuden, die Kindheit, nahmen in der Erinnerung einen breiten Raum ein. Das ist original  „oral history“ und ich bin nicht nur als Historikerin dankbar, soviel über die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts erfahren zu haben. Ich war schon immer gern mit alten Menschen zusammen, und unser Projekt hat meine Zuneigung zu ihnen nur noch verstärkt.“

Unsere beiden Gesprächspartnerinnen stimmen in ihrem Fazit überein: Es gibt nicht die Alten, Hundertjährige sind so heterogen wie alle anderen Altersgruppen auch! Wir haben Bilder im Kopf, die nicht stimmen und müssen uns eine neue Verbindung zur Wirklichkeit alter Menschen schaffen.

Das Wichtigste, um ein langes, erfülltes Leben zu führen, sind neben einer positiven Lebenseinstellung und einer großen Portion Humor tragfähige soziale Kontakte. „Es gibt heute viele technische Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern, aber da ist vor allem die Nachbarschaft, da sind wir alle gefragt“, sagt Frau Dr. Klotz. „Wie gut, dass es oft noch 80jährige Töchter gibt, die sich kümmern“, ergänzt Frau Schütt lächelnd. Und dann hörten wir noch die beinahe unglaubliche Geschichte einer Frau, die mit 102 Jahren Meisterin einer Sportart an der Wii-Konsole geworden ist.

Lothar Adler, Logopäde im Vivantes-Zentrum für Altersmedizin am Wenckebach-Krankenhaus porträtiert seit 1999 Patienten für seine  „Galerie der Hundert-jährigen und zeigt 68 seiner Bilder im Rathaus Schöneberg.
Karsten Thormaehlen ist mit seiner erfolgreichen Ausstellung  „Jahrhundertmensch“ zu Gast und stellt hier seine Fotoserie von hundertjährigen Berlinern aus.

Sie werden sehen, ein Besuch der Ausstellung „Vielleicht bin ich ja ein Wunder…“ lohnt sich absolut und wird Sie bereichern. Vielleicht lassen sich insbesondere männliche Besucher von der Kraft der Hundertjährigen an-stecken, hier machen nämlich Frauen mit fast 80% den Löwinnenanteil aus. Sind sie neugierig geworden? Wir sehen uns in der Ausstellung! Detaillierte Informationen zum Begleitprogramm entnehmen Sie bitte unseren Veranstaltungshinweisen.

Sibylle Schuchardt

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