Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.03.2021

Viel Lärm um nichts

Von Ottmar Fischer. Auf den Anzeigetafeln der Kinos werden zur Zeit nicht Filme angepriesen, sondern nette Grüße ans abwesende Publikum gerichtet. Da heißt es jetzt etwa „Bis bald und bleibt gesund“ oder „Ohne Kunst und Kultur wird es stumm“, und die Eva-Lichtspiele in der Blissestraße versprechen: „Wir sind bald wieder da“. Wie alle anderen Kultureinrichtungen sind auch die Kinos pandemiebedingt geschlossen und deswegen auf Unterstütung angewiesen.

Als Fotomontage das Bild „Das Gerücht“ von A. Paul Weber aus dem Webermuseum in Ratzeburg auf der Anzeigetafel des Kinos. Montage: Thomas Thieme

Die staatlichen Hilfsüberweisungen funktionieren hier zwar, wie aus Betreiberkreisen zu hören ist, doch wirken sie nur begrenzt, weil der Kundenkontakt abzubrechen droht. Die Programmkinos rund um den Bundesplatz sind dabei etwas besser dran, was an den rührigen Betreibern liegt, die den Kontakt zu ihrem treuen Publikum auch in diesen schwierigen Zeiten aufrecht zu erhalten suchen. Und wer „auf Draht“ bleibt, weiß dafür heute auch das drahtlose Internet zu nutzen.
Ein netter Gruß zur Kontaktpflege kommt vom Studio am Bundesplatz. Auf der Internetseite des Kinos heißt es treuherzig: „Wenn Sie schon derzeit nicht zu uns kommen können ... kommen wir zu Ihnen!“ Und angeboten wird der Link zur RBB-Sendung der Reihe Heimatjournal vom 23. Januar, in der im Rahmen einer halbstündigen Rundreise um den Bundesplatz auch das Bundesplatz-Kino vorgestellt wird (www. rbb-online.de/heimatjournal/videos/bundesplatz).

Eine nette Idee! Man bleibt im Gespräch. Die Eva-Lichtspiele melden auf ihrer Internetseite sogar den erfolgreichen Abschluss einer Spendenaktion zur Beschaffung eines neuen Filmprojektors im Wert von über 60.000 Euro: „Wir sind überwältigt von der Unterstützung, der Hilfsbereitschaft und den lieben, aufmunternden Worten, die uns erreicht haben.“ Kann man da überhaupt noch von einer Kundenbeziehung sprechen oder ist das schon Liebe?
Auf jeden Fall hilft Solidarität beim Durchhalten auf beiden Seiten! Und auch bei Eva hat man sich dazu etwas ausgedacht. Bis zur Wiedereröffnung werden über das „Digitale Kino“ jene Filme online angeboten, die sonst bereits im Kino selbst zu sehen wären. Und auf der Internetseite wird auch erklärt, wie das Ganze funktioniert. Sogar auf den gewohnten Service einer Filmkritik braucht man dabei nicht zu verzichten, und als Bonus kann man noch ein Gespräch mit Regisseur und Hauptdarsteller abrufen. Doch wo so viel Herzblut im Spiel ist, kann auch leicht der Teufel ein Gastspiel geben, wie der Eva-Betreiber gerade erleben musste, als bekannt wurde, dass er auf der anderen Seite des Bundesplatzes das Cosima im Wagner-Viertel übernehmen will. Denn auch da gibt es eine echte Kundenbeziehung zwischen Betreiber und Publikum.

Cosima-Betreiber Lothar Bellmann hatte beim Schneeschippen vor der Tür einer vorüberlaufenden Anhängerin seines Kinos mit einem wohl etwas zu wehmütigen Unterton davon berichtet, dass er sein rundum geschätztes Programmkino zum Juni wegen Kündigung aufgeben werde und dass als sein Nachfolger Karlheinz Opitz von Eva vorgesehen sei, weil der wohl auch zu höheren Mietzahlungen bereit sei. Diese Nachricht verbreitete sich in Windeseile unter den treuen Besuchern des Kinos und gelangte fast ebenso schnell auch über den engeren Kreis der Liebhaber hinaus, wobei sich die Nachricht allerdings immer weiter von ihrem Wahrheitsgehalt entfernte, was bei einem an filmische Fantasieanregung gewöhnten Publikum auch nicht gar so verwunderlich ist. Und so wurde aus der anfänglichen Flüsterpost schließlich ein dröhnender Shitstorm im Internet, der auch die Friedenauer SPD erreichte. Ihr neuer Vorsitzender Orkan Özdemir forderte in einer Presseerklärung die Rücknahme der Kündigung samt einer einvernehmlichen Problemlösung und organisierte eine Solidaritätsaktion im Internet (https://www.openpetition.de/petition/online/cosima-filmtheater-erhalten). Wie sich also zeigt, kann es auch in gesitteten Gegenden zu Hauen und Stechen kommen, wenn der Entzug des Liebesobjekts droht.

Doch Nachfragen der Stadtteilzeitung bei den Beteiligten haben ergeben, dass gar kein Verlust des gewohnten Qualitäts-Kinos droht. Vielmehr hat Cosima-Betreiber Bellmann gegenüber der ebenfalls kinobegeisterten Hauseigentümerin und der von ihr eingesetzten Hausverwaltung SPK bereits im vergangenen Jahr selbst den Eva-Betreiber Opitz für die Nachfolge vorgeschlagen, weil er in diesem Jahr aus Altersgründen nach 55 Jahren leider aufgeben müsse, „da ich ja schließlich nicht ewig weitermachen kann“. Insofern ist die ohne Absprache nun erfolgte Kündigung zwar befremdlich, doch andererseits eben notwendig, weil es sonst eine automatische Vertragsverlängerung gegeben hätte. Seine Nachfolger-Wahl sei dadurch bestimmt worden, dass er Herrn Opitz seit vielen Jahren kenne und als erfahrenen Kinobetreiber schätze. Der wiederum teilt mit: „Ich bin sehr betroffen zu sehen, dass ohne mit mir gesprochen zu haben, teils böse Behauptungen über mich verbreitet werden.“ Und er stellt klar: „Das Kino wird auf jeden Fall weiterbestehen. Es gibt auch kein Wettbieten. Vielmehr ist und bleibt die Miete sehr niedrig. Weil auch die Vermieterin den Erhalt des Kinos fördern will. Deswegen soll auch sehr behutsam renoviert und das Programm sogar ausgeweitet werden.“

Am Ende ist es also wie mit Shakespeare: Nicht die großen Königsdramen mit Mord und Totschlag bilden die Wirklichkeit am besten ab, sondern seine Komödien. Eine von ihnen trägt den schönen Titel: Viel Lärm um nichts. Um gar nichts geht es hier freilich nicht, denn immerhin gibt hier ein Kino-Begeisterter sein Lebenswerk auf und wünscht eine angemessene Dotation für das zu übergebende Inventar. Doch darüber kann offenbar keine Einigung erzielt werden. Petitions-Organisator Özdemir hat seinen Vermittlungsversuch inzwischen abgebrochen.

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