Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.11.2011 / Orte und Plätze

Verloren in Berlin

Die Frau vor mir zeigt auf die vielen Regenschirme und Geldbörsen und schüttelt den Kopf. „Das ist doch unglaublich, was da alles hängt, was die Leute alles verlieren!“

Was sie selbst hier verloren hat, erfahre ich nicht, ich halte schließlich den gebotenen Diskretionsabstand. Ich zucke nur mit meinen Schultern und sage lapidar: „Na ja, so einen Regenschirm vergisst man schon mal im Bus!“ Ich versuche, nicht an die unzähligen Regenschirme und Mützen zu denken, die ich schon liegen gelassen habe. Mögen sie denjenigen, die sie gefunden haben, nützliche Dienste erweisen! Deswegen bin ich nicht hier. Als ich an der Reihe bin, stammele ich ein wenig. „Ja, ähm, ich habe da eine Tasche liegen lassen im Bus!“ Der Mitarbeiter des Fundbüros der BVG fragt mich nach dem genauen Datum. Wenigstens kann ich mich noch an den Tag erinnern, obwohl mir erst zwei Tage später aufgefallen ist, dass ich etwas verloren habe. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie genau es dazu gekommen war, dass meine Tasche plötzlich weg war. Hatte ich sie in der U-Bahn oder beim Einkaufen stehen lassen? Wo war ich überall gewesen? Irgendwann dämmerte mir, dass ich Bus gefahren war, und da musste ich wohl aus irgendeinem Grund, meine Tasche stehen gelassen haben ... und dann fiel mir ein, dass es doch ein Fundbüro gibt, sogar zwei, eines in der Potsdamer Straße und eines am Tempelhofer Flughafen. Letzteres ist das allgemeine Fundbüro für Berlin, in der Potsdamer Straße dagegen residiert das Fundbüro der BVG. Zwischen Kleistpark und Pallasstraße. Und weil ich ja Bus gefahren bin, lag die Potsdamer Straße näher. Der Mitarbeiter dort hat einen PC, in dem offensichtlich Fundgegenstände aufgelistet sind. An besagtem Tag wurden zwei Taschen gefunden, aber die eine passt vom Inhalt nicht. „Ja, meine ist braun mit Blumen!“, sage ich und komme mir vor wie in einem Krimi ... so von wegen „Beschreiben Sie die vermisste Person!“ Ein wenig peinlich ist es, den Inhalt aufzuzählen, was allerdings schon gefordert wird. Sonst könnte ja jeder so einfach kommen und behaupten das wäre seine Tasche! Peinlich ist, dass ich schon wieder vergessen habe, was genau drin war. „Na ja, so Sportkleidung halt. Und Schuhe. Ach ja, und Handtücher!“ Im Computer steht, dass auch noch Badelatschen und ein Badeanzug in der Tasche sind. Sagt zumindest der Mann von der BVG zu mir. Und ganz korrekt wäre es gewesen, wenn ich erwähnt hätte, dass die Sportkleidung schwarz ist. Aber er scheint mir auch so zu glauben. Ich sehe nicht aus, als ob ich eine professionelle Betrügerin bin, dafür wirke ich bestimmt zu vergesslich. Der Mitarbeiter verschwindet kurz und kommt dann mit meiner braunen Tasche zurück. Sogar die Blumen sind noch drauf! „Ja, das ist sie!“, sage ich freudig. Man glaubt nicht, wie glücklich es machen kann, eine verlorene Tasche wieder zu bekommen! Für den Mann von der BVG ist das natürlich Alltag. Sechs Wochen lang werden die Sachen aufbewahrt, die nicht abgeholten Gegenstände werden versteigert. „Uns geht die Arbeit nicht aus!“, sagt er zum Abschied. Das glaube ich ihm gerne. Und eines weiß ich gewiss: vorerst lass ich auf die findigen Mitarbeiter der BVG nichts mehr kommen...

Isolde Peter

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