Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

4.09.2014

Unter allen Wipfeln ist Ruh

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Ich will ja auch nicht streiten, ich wundere mich nur über den sogenannten Zeitgeist, der uns diese merkwürdige Trauerkultur beschert.

Fotos: Hartmut Becker

§17 Verstoß gegen Gestaltungs-, Pflege- und Instandhaltungsvorschriften. 2) Grabausstattungsgegenstände und Inschriften, die der Würde des Friedhofs nicht entsprechen, hat die Friedhofsverwaltung unverzüglich zu entfernen. Von der Friedhofsverwaltung entfernte Gegenstände werden für die Dauer von zwei Monaten nach Benachrichtigung des Nutzungsberechtigten zum Abholen bereitgehalten. Holt der Nutzungsberechtigte die Gegenstände nicht ab, gehen diese entschädigungslos in das Eigentum des Landes Berlin über.“ Aus: Verordnung über die Verwaltung und Benutzung der landeseigenen Friedhöfe Berlins (Friedhofsordnung, 1997)

Friedhofsordnungen gibt es in Berlin so einige; kirchliche Friedhöfe haben andere Regelungen als städtische, und auch diese können untereinander verschieden sein. Ab und zu werden sie auch wieder verändert, erneuert. War es früher zum Beispiel verboten, außer Grabsteinen oder Kreuzen Standbilder oder phantasievolle persönliche Relikte auf den Grabstellen zu installieren, scheint heutzutage fast alles erlaubt zu sein. Was man allerdings unter den oben angeführten „Gegenständen, die der Würde des Friedhofs nicht entsprechen“ verstehen soll, bleibt offen. „Der Trend geht zu pflegefreien Gräbern einerseits und andererseits aber auch zu einer sehr individuellen Grabgestaltung“ schreibt Petra Roland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung – Friedhöfe.

Mit der Presse wolle er nicht sprechen, sagte der Friedhofsverwalter am Telefon, dafür sei der Stadtrat zuständig. Aber mit der Friedenauer Bürgerin, die ihre Familiengräber auf dem Stubenrauch-Friedhof hat, redet er durchaus. So erfahre ich unter anderem, dass die aufgelassenen kleinen Urnengrabstätten, mehr oder weniger verwahrlost, demnächst doch wieder vergeben werden sollen und dann sicherlich nicht mehr so traurig vor sich hin wuchern werden. Und auch gegen die Wegschäden solle etwas unternommen werden.

Auf so einem kleinen Friedhof fallen solche ungepflegten Stellen ja sehr schnell auf. Als ich neulich, um den Weg abzukürzen, über den alten St.Matthäus-Friedhof in der Großgörschenstraße pilgerte, zum erstenmal übrigens,  war ich sehr angetan von der Weite des Geländes. Sehr gepflegt sind auch dort manche Stellen nicht; aber nicht jedes Fleckchen ist mit einem Grab belegt, Rasenflächen dürfen ungenutzt einfach da sein, und über dem Ganzen liegt ein melancholischer Hauch von Vergänglichkeit. Dort wie hier wird in Gusseisen und Marmor getrauert, was das Zeug hält, gramgebeugte Gestalten, entrückte Engel zeugen vom Geschmack der Vergangenheit.

Heutzutage drückt sich Trauer eher spielerisch aus. Das fing mit kleinen Spielzeugfiguren auf Kindergräbern an und führte zu mit Häschen, Putten, Steinen, Kunstblumen, Herzchen und sonstigem Schnickschnack überladenen Grabstätten für alle Altersklassen. Komisch-trauriger Höhepunkt: das Foto des Verblichenen, das für meinen Geschmack eine makabre Beziehung zwischen dem lebendigen Gesicht und den vermuteten Knochen unter der Erde herstellt.

Wenn ich auf Marlene Dietrichs Grab eine Piccolo mit 2 Sektgläsern sehe („Auf dein Wohl, Marlene!“) finde ich das eine charmante Anspielung. Eine zerbrochene Zwiebelmuster-Kaffeetasse anderswo jedoch mag auf eine alte Kaffeetante hindeuten; vielleicht wollte man aber auch nur die Scherben des einstmals teuren Geschirrs stilvoll entsorgen – wer weiß das schon. Der Künstlerfriedhof in der Stubenrauchstraße ist voll von derartigen Beispielen - Trauerkitsch eben.

Was soll man nun davon halten? Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es. Ich will ja auch nicht streiten, ich wundere mich nur über den sogenannten Zeitgeist, der uns diese merkwürdige Trauerkultur beschert. Da lobe ich mir doch die Grabstätten in einem Friedwald unter einem schönen Baum oder auf einer anonymen Wiese, wo einen der zeitgenössische Geschmack nicht einholen kann.

Sigrid Wiegand

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