Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

29.01.2021

Unsere Täubchen

Von Maria Schinnen. Kaum zu glauben: die Stadttaube schaffte es auf den ersten Platz der Vorwahl zum „Vogel des Jahres 2021“. Dieses Ergebnis ist für den Naturschutzbund sehr irritierend.

Taubenschlag als Versuchsanlage am S-Bahnhof Schöneberg. Foto: Hartmut Ulrich

Eigentlich soll der „Vogel des Jahres“ auf die Gefährdung seiner Art und die Zerstörung seines Lebensraumes aufmerksam machen. Die Stadttauben gehören wahrlich nicht dazu. Im Gegenteil! In fast allen Innenstädten treten sie massenhaft auf und vermehren sich ungebremst. Von den einen werden sie innig geliebt, von den anderen abgrundtief gehasst. Doch warum?
Für viele Menschen gelten Tauben als Symbol des Friedens und der Treue, denn sie bleiben ein Leben lang in Monogamie zusammen. Sie sehen in ihnen ein Stück Natur inmitten der Betonwüsten der Innenstädte. Sie schauen ihnen gern zu, schätzen ihre Zutraulichkeit oder amüsieren sich über ihre Balztänze. Auch das Gurren stört sie nicht. Es gehört zu ihrem Balzverhalten.
Für andere sind sie die „Ratten der Luft“,  denn sie sind Überträger diverser meldepflichtiger Krankheiten.

Nach einem Urteil des hessischen Verwaltungsgerichts von 2011 gelten sie sogar als Schädlinge, wenn sie in großen Schwärmen auftreten. Am Körper der Tauben und in ihren Nestern und Fäkalien finden sich über 100 verschiedene Parasiten und Krankheitserreger, u. a. Taubenzecken, Taubenwanzen, Taubenflöhe und Milben. Menschen können mit diesen Parasiten in Kontakt geraten, wenn Tauben aufgrund fehlender Dachziegel auf Dachböden eindringen und dort nisten. Die Öffnung muss nicht einmal groß sein. Schon 5-7 cm reichen einem ausgewachsenen Vogel aus, um sich hindurchzuzwängen. Die Parasiten können dann durch Mauerritzen und Holzspalten in die Wohnungen gelangen und Menschen befallen. In Berlin trat dieses Problem häufig in ausgebauten Dachgeschossen auf, die zuvor undicht und vor dem Ausbau nicht speziell behandelt worden waren. Hier kam es nachts zu Bissen und Stichen der Bewohner durch Taubenzecken. Sie saßen tief in unzugänglichen Ritzen und Spalten, die sie nur nachts verließen. Die Menschen bemerkten die Zecken erst, wenn sie juckende Rötungen, Quaddeln oder Allergien bekamen.

Die Bekämpfung kann nur durch speziell geschulte Schädlingsbekämpfungsunternehmen erfolgen und ist sehr zeitaufwändig und teuer. Sehr unangenehm ist auch der Befall mit Mehlkäfern. Sie entwickeln sich im Kot der Tauben, der aufgrund ihrer Nahrung sehr stärkehaltig ist. Schwarze Käfer in Wohnungen sind nicht selten in Berlin.

Verschmutzung der Innenstädte

Wenn Stadttauben auf bestimmten Plätzen immer wieder gefüttert werden, lassen sie sich dort dauerhaft nieder und vermehren sich bis zu fünfmal im Jahr. Schon nach fünf Monaten können sich die Weibchen erneut paaren. So kommt es innerhalb kurzer Zeit zu riesigen Beständen. Wenn man bedenkt, dass jede Taube jährlich bis zu 2,5 kg Kot produziert, kann man sich das Ausmaß der massiven Verschmutzungen der Plätze und der umliegenden Gebäude vorstellen. Das ist nicht nur eine optische und hygienische Beeinträchtigung, der Kot schädigt vor allem die Bausubstanz. Taubenkot enthält Salpetersäure, die hochgradig ätzend wirkt und vor allem Sand- und Kalkgestein zerstört. In Spalten kommt es zu Salzausblühungen. Mikroorganismen und Pilze zersetzen den Kot und verursachen zusätzliche Schäden. Besonders gefährdet sind die aus empfindlichen Natursteinen gebauten historischen Gebäude mit ihren reichen Fassadengliederungen wie Vorsprüngen, Nischen, Hohlräumen und Statuen, wo sich Tauben liebend gern aufhalten. Außerdem verstopfen Tauben regelmäßig Regenrinnen und Abflussrohre mit ihren Nistmaterialien. Auf diese Weise entstehen jährliche Gebäudeschäden in Millionenhöhe.

Reduzierung der Stadttauben

Es ist schwierig! Alle bisherigen Maßnahmen, die Stadttaubenpopulationen in Städten zu verringern, waren bisher wenig erfolgreich. Abschuss, Bejagen durch dressierte Falken und Giftköder sind tierschutzrechtlich verboten. Die „Verhütungspille“ ist wegen der unregelmäßigen, nichtkontrollierbaren Verabreichung kaum durchführbar. Auch Taubenschläge, wie der Bauwagen am S-Bahnhof Schöneberg, haben bisher keinen durchschlagenden Erfolg gebracht. Die einzig wirksame Maßnahme ist die Verringerung des Futterangebotes. Die Bevölkerung muss regelmäßig aufgeklärt werden, warum sie das Füttern unterlassen soll. Anders als in anderen Städten ist das Taubenfüttern in Berlin nämlich nicht verboten. Allerdings kann das Ausstreuen von Körnern als Verschmutzung des öffentlichen Raums gewertet werden. Das ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße von 20 bis 35 Euro geahndet wird.

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