Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

22.12.2018

Unsere neue richtige Heimat, Teil 4 (letzter Teil)

... Die Tage/Monate/Jahre nach meiner Heirat gingen teils ruhig, teils sehr unstet dahin.

1903: Trauerzug für den Großvater und damaligen Gemeindevorsteher Adolf Fehler, Friedrich-Wilhelm-Platz . Foto: Archiv edition Friedenau

Vater arbeitete sehr viel in seiner von uns eingerichteten Druckerei. Das Druckereigebäude war auf dem Grundstück Schmargendorfer Straße 13 im Jahre 1897 zunächst als einstöckiges Gebäude errichtet worden. Der Frau und der später hinzugekommenen Familie widmete sich Euer Vater wenig. Er war von vornherein im Ort ehrenamtlich tätig. Da er durch die Heirat gleich in einen großen Besitz gekommen war, hatte er von Anfang an eine sogenannte Position eingenommen, die ihm ja auch später die Zeit für seine beruflichen Verpflichtungen nahm.

Ottomann kam als erstes Kind am 17. Oktober 1899 zur Welt. Das Glück darüber war natürlich groß. Er war ein bildschönes Kindchen, klug und gesund. Genau mit 4 Monaten bekam er seine ersten Zähnchen. Mit seinem ersten Geburtstag lief er von einem Stuhl aus in meine Arme. Dann kam am 23. Oktober 1900 das zweite Söhnchen, das Ekkchen, ein zartes Geschöpfchen, sehr lieb, sehr brav. Ottomann war blond und braunäugig, Ekkchen blond mit großen blauen Augen. Beide Kinder machten mein ganzes Glück aus, da ich vom Mann ja sehr wenig hatte. Meine Mutter, die seit dem Tode meines Vaters bei uns lebte, sich nicht mehr von mir trennte, betreute mit rührender Sorgfalt die zwei kleinen Kinder. Sie spielten immer miteinander und waren unzertrennlich. Wir hatten damals einen kleinen Hund Flocki, mit dem Ottomann und Ekkchen im Treppenhaus der Villa auf der Treppe sitzend die Butterbrötchen aßen, bald biß der Hund ab, bald mal Ottomann, bald mal das Ekkchen. Zufällig kam ich dazu; der Hund mußte dann weg und wurde verschenkt.

Mein Großvater war Urgroßvater geworden und sehr stolz darauf, zumal ich selbst ja doch immer seine Lieblingsenkelin gewesen war. Ottomann wurde getauft, als er ein halbes Jahr alt war, ebenfalls im Hause. Die Feier hinterher war sehr reich und groß. Urgroßvater war erster Pate. - Ekkchen wurde ebenfalls im Hause getauft und zwar am Tage von Urgroßvaters dreiundsiebzigsten Geburtstage, am 25. Mai 1901. Die Feier fand im Restaurant „Hohenzollern“ in der Handjerystraße statt, da die Räume zu Hause für alle Gäste nicht ausreichten. Der erste Ortsgeistliche, Görnandt, der auch Ottomanns Taufe vorgenommen hatte, taufte auch Ekkchen. Ebenso war der mit uns sehr befreundete Probst Szczygiel, der ebenfalls eine sehr schöne Rede hielt, bei der Taufe zugegen. Der emeritierte Probst Szczygiel hatte die ursprünglich von Onkel Albert, dem Bruder meines Vaters, erbaute Villa Schmargendorfer Straße 14 erworben, in der er mit seiner Cousine, Fräulein Heer, wohnte, die ihm den Haushalt führte. Fräulein Heer war eine sehr nette Dame und wir verkehrten damals viel mit „Probstens“.

Im Jahre 1903, am 27.März, starb mein Großvater an einer Blinddarmentzündung innerhalb von fünf Tagen. Was sein Tod – er lebte seit Großmutters Tod ständig bei uns in der Villa - , bedeutete, vermag ich nicht zu sagen. Mit ihm ging mir, ebenso meiner Mutter, alles weg, was uns Halt, Rat und mir selbst sorgende Sorgfalt, treueste Liebe war. Ich war fassungslos, daß mit ihm, dem geliebten Großvater, die Stütze des Hauses, der Familie hinging. Wenn ich an diese Zeit denke, überkommen mich noch jetzt bitterheiße Tränen. Er war mein ganzer Halt. Er verstand seine große Enkelin und hatte sie innig geliebt.

Sein Sarg wurde in der Villa Parterre in meinen Räumen bis zur Überführung in die Kirche aufgebahrt. Ich selbst durfte ihn im Tode nicht mehr sehen, da ein Kindchen im Oktobermonat kommen sollte. Es ist ein alter Aberglaube, daß mit einem Kind gesegnete Frauen keine Toten sehen dürfen, damit das  zu erwartende Kind keinen Schaden erleidet. So konnte ich nur vor der Tür stehen und meinen Jammer ausweinen, bis der Sarg geschlossen war. Die Trauerfeier im Hause hielt Pfarrer Görnandt, der mich getraut, meine Kinder getauft und meinen Vater zur Ruhe gebettet und meine Großmutter auf ihrem letzten Wege begleitet hatte. Die Feier in der Kirche wird wohl am besten klar durch die Beerdigungsordnung, welche die Gemeinde Friedenau dafür aufstellte. Niemand hat wohl den Kummer ermessen können, der meine Mutter und mich beherrschte.

Am 19. Mai 1903, zwei Monate nach Großvaters Tod, starb am Scharlach unser kleines geliebtes Ekkchen im Alter von zwei Jahren sieben Monaten. Fassungslos hat uns das Sterben unseres geliebten Kindchens gemacht. Wir kauften uns ein Erbbegräbnis auf dem Friedenauer Friedhof, wo wir unser Kind beisetzten. Der Vater Eures Vaters (gestorben an Herz- und Nierenkrankheit am 17. April 1895 in Friedenau) wurde ebenfalls von seiner ehemaligen Ruhestätte auf unseren Friedhof dort hingebracht. Auch Mutter Sophie Brücker geborene Maucher wurde später nach ihrem Tod (sie starb am 11. März 1904 an Magenkrebs) dort beigesetzt.

Nach dem Tod unseres Ekkchens verließen wir die Villa Schmargendorfer Straße und zogen vorübergehend in unser Haus Feurigstraße Nr. 11 und zwar in die linke Parterre-Wohnung. Wir hatten nämlich beschlossen, statt der Villa in der Schmargendorfer Straße ein Mietshaus zu bauen. Gleichzeitig wurde auch die Druckerei durch Aufbau eines zweiten Geschosses vergrößert. Hier in der Feurigstraße 11 er-blickte am 18. Oktober 1903 Werner das Licht der Welt. Genau fünf Monate nach Ekkchens Tod. Werner sah dem verstorbenen Ekkchen - den ich im Tod des Aberglaubens wegen zu meinem Schmerz auch nicht mehr sehen konnte – so genau ähnlich, daß auf den Fotografien die Kindergesichter kaum auseinanderzuhalten sind. Auch Werner, der eigentlich den Rufnamen Joachim haben sollte und auf Wunsch von Großmutter Brücker dann den Namen Werner erhielt, war ganz blond und blauäugig. Als ich diese Entdeckung machte, war ich überglücklich, war mir doch nun in ihm der Ersatz für das verlorene Kindchen durch die große Güte eines göttlichen Willens wiedergegeben. Werner bekam seine Zähne im Juli, also mit neun Monaten und lief im Dezember mit vierzehn Monaten.

Nun wuchs mein Ottomann zu meiner unendlichen Freude gesund, klug, verständig und artig heran und zu ihm gesellte sich Werner in seiner stillen, bescheidenen Art. Beide Kinder machten mir mein ganzes Leben – ein glückliches Leben – aus. Ihnen widmete ich meine ganze Zeit, war nur auf ihr Wohl und Gedeihen bedacht. Nichts konnte mich bewegen, mich von ihnen zu trennen. Sie, meine Kinder, wurden mir meine Welt.

Nachdem das Miethaus Schmargendorfer Straße 13 fertig geworden war, zogen wir gemeinsam mit meiner Mutter zunächst in die Sechszimmerwohnung Parterre rechts und nach einigen Jahren in die Wohnung im zweiten Stock, die wir durch Zusammenfassung der hier ursprünglich vorhandenen beiden Wohnungen unter Abtrennung der zwei Zimmer im Seitenflügel zu einer Achtzimmerwohnung umbauen ließen. Hier kam als letztes Kindchen der ebenfalls im Oktober (am 6 .Oktober 1907) geborene Harald zur Welt. Als er wenige Tage alt war und man mir ihn in meine Arme gab, sah ich seinen lebhaft prüfenden Blick, den nur eine Mutter sieht. Ich deutete ihn mir, als frage er: „Bist du nun meine Mutter?“ - Harald bekam die Zähnchen erst im August und litt sehr darunter. Mit einem und einem Vierteljahr hatte er sämtliche Zähne. Unser Arzt (Dr. Hollmann) war voller Staunen. Der Kleine, der im Oktober schon gelaufen ist, mußte wieder wie ein kleines Kind im Wagen gefahren werden, so matt und krank war er durch das Zahnen geworden.

Nun wuchs mein Kleeblatt zu unserer aller Freude in prächtiger Entwicklung voran.

Ende

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