Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

25.10.2018

Unsere neue richtige Heimat, Teil 3

Aus den Erinnerungen von Frida Emma Brücker, geb. Bauer. Fortsetzung des ersten Teils aus der Oktober-Ausgabe 2018.

Mutter Emma Bauer

Vater Otto Bauer

Großmutter Doris Fehler

Großvater Adolf Fehler

Im Jahre 1886 war meinem Großvater Adolf Fehler in Magdeburg, nachdem er am 31. Mai 1886 sein Aichmeisteramt aufgegeben hatte, ein Kaufangebot für das Grundstück Thränsberg 37 abgegeben worden. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Agenten handelte. Mein Vater in Berlin erfuhr durch Zufall, daß dieser Agent im Auftrag der Stadt Magdeburg tätig war, die das Grundstück wegen eines projektierten Straßendurchbruchs erwerben mußte. Mein Vater schickte daher aus Berlin seinem Schwiegervater ein Telegramm, in dem er ihm riet, noch nicht gleich zu verkaufen, da der Käufer nicht eine beliebige Privatperson sondern der Magristrat der Stadt Magdeburg sei. Auf Grund dieses Telegramms gelang es meinem Großvater, in den Verhandlungen mit dem Agenten der Stadt einen wesentlich günstigeren Preis für das Grundstück zu erzielen.

Das Haus wurde schließlich an die Stadt Magdeburg verkauft und abgerissen. Die beiden größeren Haustüren kamen in das Magdeburger Museum und wurden hier praktisch als Portal-Türen verwendet. Sie sind heute noch in dem Museum zu sehen. Meine Großeltern siedelten nun ebenfalls nach Friedenau über und zogen zu meinen Eltern in die obere Etage der Villa Schmargendorfer Straße 13.

In Friedenau kam mein Großvater schon nach einem Vierteljahr in den Vorstand des Verschönerungsvereins, dessen erster Vorsitzender damals Professor Dr. Dill war. Der Verein ging damals einige Zeit darauf, als Friedenau eine selbständige Gemeinde wurde, in die Ortsgemeinde über. Mein Großvater wurde dadurch Gemeindeschöffe für die Park- und Friedhofsverwaltung (bestätigt wurde seine Wahl am 25.Mai 1892). Später wurde er erster Schöffe und stellvertretender Gemeinde-Vorsteher. Amts- und Gemeindevorsteher war damals zunächst  bis 1892 der Geheimrat Rönneberg. Dann anschließend sein Bruder Major a.D. Rönneberg, für dessen Wahl mein Vater sehr viel getan hatte. Während der Krankheit von Major Rönneberg und nach dessen Tod hat mein Großvater dann von 1901 ab während zweier Jahre bis zu seinem Tod die Amtsgeschäfte von Friedenau allein geführt. Er ging jeden Morgen in das Haus der Gemeindeverwaltung Handjerystraße 91/92 Ecke Feurigstraße 10/Handjerystraße 90. In unsere Villa in der Schmargendorfer Straße kamen über Tag dauernd die Amts- und Gemeindediener, um von meinem Großvater Unterschriften einzuholen. Er saß dann immer am Sekretär aus geflammter Birke und unterzeichnete die Schriftstücke auf der heruntergeklappten Schreibplatte. Mein Großvater war schon am 15. September 1889 zum Mitglied der Gemeinde-Kirchenvertretung gewählt worden und wurde später Mitglied des Kirchenrates.

Das Verhältnis zwischen meinen Eltern und meinen Großeltern war vorzüglich. Mein Vater verstand sich mit seinem Schwiegervater sehr gut. Alle Jahre machten die Eltern und die Großeltern zusammen eine Kremser-Partie, die mein Großvater veranstaltete. Da meine Großmutter herzleidend war (es bildete sich bei ihr auch Wasser in den Füßen), fuhr mein Großvater oft mit ihr in einem gemieteten Landauer spazieren oder zu Einkäufen nach Berlin. Zu diesen Spazierfahrten wurden meistens meine Mutter und ich mitgenommen, auch noch in der Zeit meiner Heirat. Solange mein Vater lebte, fuhr auch er manchmal mit uns mit.
Am 14. April 1899 starb meine Großmutter an Altersschwäche und Wassersucht.
Meinem Großvater war vom Kaiser der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden. Alle Inhaber dieses Ordens wurden alljährlich einmal zu einem Ordensfest auf das Berliner Schloß eingeladen. Es gab jedesmal ein großes Festessen.

Zum siebzigsten Geburtstag, den mein Großvater im engsten Familienkreis am 25. Mai 1898 beging (es waren nur meine Mutter, Euer Vater, ich, Fehlers und Tante Hedwig dazugekommen), brachte die Friedenauer Zeitung Aufsätze. Es kamen große Blumenarrangements von den verschiedenen Gemeindekörperschaften. Als Anspielung auf das Amt meines Großvaters als Schöffe der Park- und Friedhofsverwaltung trug das Blumenarrangement der Gemeinde eine kleine gedruckte Karte mit der Aufschrift „Bekanntmachung: Diese Anlagen werden dem Schutz des Publikums empfohlen. Friedenau, den 25. Mai 1898, der Amtsvorsteher.“ Diese Karte ist noch bei uns vorhanden. An diesem Tage wurde auch die Fehlerstraße in Friedenau nach meinem Großvater benannt.

Verlobung, Tod meines Vaters, Hochzeit.

Euren Vater lernte ich kennen, als ich dreizehn Jahre alt war. Der Turnverein in Friedenau veranstaltete eine Sedan-Feier. Diese Feiern fanden damals immer auf dem großen freien Grundstück am Wilmersdorfer Platz statt, auf dem heute das Friedenauer Postamt steht. Bei diesen Feiern, an denen fast die gesamte Bevölkerung Friedenaus teilnahm, hielt meistens mein Vater die große Festrede. Auch von ihm gedichtete Lieder wurden oft dabei gesungen. Wir haben noch Fotografien, die während der Reden meines Vaters aufgenommen wurden. Auf einem solchen Fest verkaufte Euer Vater als junger Turner Stocklaternen. Ich kaufte ihm für mich und meinen jungen Freund Paul Demker zwei Stocklaternen ab. Später lernten wir uns in der Tanzstunde näher kennen.

Euer Vater hatte, nachdem er das askanische Gymnasium durchlaufen hatte, in einer Buchhandlung am Haus-Vogtei-Platz gelernt, dann war er längere Zeit in der großen Kunsthandlung von Ameler und Ruthard in der Behrenstraße tätig, die heute noch eine der besten Kunsthandlungen in Berlin ist.  Als wir schon heimlich verlobt waren, ging er noch etwa auf ein Jahr nach Leipzig, um seine Ausbildung als Verlagsbuchhändler bei der Firma Lampe und Vogel abzuschließen. Hier verkehrte er viel mit ausländischen Studenten, insbesondere Franzosen und Russen. Wir haben noch verschiedene Aufnahmen, die ihn mit seinen Leipziger Freunden zeigen. Nach seiner Rückkehr aus Leipzig war er noch kurze Zeit in einer Berliner Architektur-Buchhandlung tätig.

Während dieser Zeit verlobten wir uns im Jahre 1895 öffentlich. Meine Verlobung wurde ziemlich groß gefeiert. Es gingen mir unzählige Blumen zu. Ich kam mir damals natürlich sehr wichtig vor. Wir machten dann bei der Verwandtschaft und Freundschaft Besuch.Ich hatte dazu ein schweres elegantes Seidenkleid bekommen, ein sehr schönes Sealjacket und einen passenden Hut und einen kleinen Pelzmuff da-zu. Bei den Besuchen setzte man uns meistens Wein vor, und da die Besuche immer nur kurz waren, wurde der Wein sehr eilig getrunken. Bei so und so vielen Besuchen konnten die Folgen nicht ausbleiben. Ich fing bei den letzten Besuchen immer an zu lachen. Das ging nachher soweit, daß ich mich zum Schluß immer auf der Straße vor lachen kugeln konnte. Diese Sitte, Brautpaaren etwas anzubieten, ist gottseidank jetzt abgekommen, es war katastrophal.- Die Verlobungszeit ging dahin, ausgefüllt mit Gesellschaften, Einladungen und der Beschaffung der Aussteuer.

Der Tod meines Vaters fiel ebenfalls in diese Zeit. Er starb am 19. Februar 1897. Mein Vater wurde plötzlich schwer krank, der Arzt stellte akute Nierenentzündung fest und er starb nach ungefähr zehntägiger schwerer Krankheit. Die Beisetzung meines Vaters erfolgte von der Turnhalle in der Albestraße aus, in der er vorher mit Ehrenwachen aufgebahrt war. Ungezählte Vereine, Körperschaften der Gemeinde, beinahe wohl alle Einwohner von Friedenau folgten dem Sarge. Der Zug ging von der Albestraße nochmals zurück durch die Schmargendorfer Straße an seiner Villa vorbei, und als der Leichenzug mit den ersten Trauernden am Friedhof angelangt war, befand sich der Schluß des Zuges wohl noch an der Friedenauer Kirche. Ein endloser Zug, den dann die wohl acht Trauerkutschen beschlossen. Das Erbbegräbnis, auf dem mein Vater dann beigesetzt wurde, war überfüllt mit Kränzen und Blumen. Es war uns unmöglich, allen Leuten zu danken. In den Ortszeitungen hieß es nur „Rat Bauer ist tot“. Die Friedenauer Zeitungen waren nur von diesem Ereignis beherrscht, das wohl die gesamte Einwohnerschaft mit durchlebte.

Kurz danach, am 9. Mai 1897, heirateten wir auf besonderen Wunsch meiner Mutter. Die Hochzeit war infolge der Trauer eine sehr sehr stille. Nur die allernächsten Verwandten waren geladen und ein Freund meines Vaters, Georg Friedrich, dessen Frau kurz vorher den tragischen Freitod gegangen war, war noch zugegen. Keine einzige Freundin war mit mir.
Morgens ging es aufs Standesamt, bei dem der Großvater Fehler und Onkel Albert Bauer Trauzeugen waren, und Großvater ließ uns in der Kutsche zum Standesamt fahren, damit ich doch wenigstens am Hochzeitstage auch Kutsche führe. Es regnete tüchtig. Major Rönneberg hatte die Standesamtstrauung vollzogen und Sudau, der spätere Bürodirektor, assistierte dabei. Dann verrann die Stunde bis zur Trauung sehr schnell. Pfarrer Görnandt vollzog die Haustrauung. In unserem sogenannten Salon in der Villa war ein Tisch als Altar hergerichtet. Davor saßen wir und hinter uns die Familie. Ich hatte dasselbe schwarze schlichte Kleid an, das ich schon zum Standesamt trug und den ganzen Tag anhatte. Die Trauungsrede war wohl sehr schön, ich weiß es aber nicht so genau, meine Gedanken gingen dabei eigene Wege. Zum Essen, also der Nachfeier, war auch der Pfarrer unser Gast. Das Hochzeitsmahl verlief ebenfalls ruhig und still, im Gegensatz zu allen übrigen Hochzeitsfeiern. Um zehn Uhr waren alle Gäste weg, und dies war der Tag meiner Hochzeit. Die Leute standen auf der Straße, versuchten etwas zu sehen, nichts ereignete sich. „Ein reiches Mädchen heiratet einen armen Mann“, „das sei sehr schön“, meinten die Menschen vor der Tür zu unserem Mädchen.

Fortsetzung und letzter Teil in unserer nächsten Ausgabe.