Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

30.09.2018

Unsere neue richtige Heimat, Teil 2

Aus den Erinnerungen von Frida Emma Brücker, geb. Bauer. Fortsetzung des ersten Teils aus der September-Ausgabe 2018.

MTV auf dem heutigen Renée-Sintenis-Platz. Foto: Archiv edition Friedenau

Im Jahr 1884 bekam ich noch ein Schwesterchen Dora. Sie war die Freude meiner Eltern und ich selbst liebte sie abgöttisch. Als sie neun Monate alt war, fiel sie der Diphterie-Epidemie zum Opfer. Ich erinnere mich, dass sie eines Tages nicht mehr zu Hause war, als ich aus der Schule kam. Drei Tage später war sie im Elisabeth-Krankenhaus gestorben. Die Trauerkutschen, deren erste vorn den kleinen weißen Sarg barg, fuhren am Beerdigungstage durch die Schmargendorfer Straße an unserem Haus vorbei. Ich stand allein im Zimmer und sah traurig und verlassen dem Zug nach. Meinen Eltern war der Verlust des kleinen Töchterchens ein schwerer Schmerz.

Vierzehn Tage später, nach dem Tode der kleinen Dora, bekam ich die Diphteritis. Ich lag so schwer darnieder, daß mein Leben an einem Fädchen hing. Keiner konnte helfen. Zwei Krankenschwestern lösten sich Tag und Nacht ab. Meine Eltern waren völlig verzweifelt. Meine Mutter verlor bald den Verstand darüber, daß nun ihr letztes, einziges Kind auch noch sterben sollte, denn man hatte mich aufgegeben. Als mein Vater nach meiner Genesung bei Professor Senator, dem Arzt Kaiser Friedrich des Dritten, die Rechnung bezahlte, war dieser selbst erstaunt, daß ich durchgekommen sei. Er selbst hatte nicht die geringste Hoffnung mehr gehabt. In den entscheidenden Stunden hatte man meine Großeltern aus Magdeburg kommen lassen. Ich lag bewußtlos im Bett, sagte aber zur Krankenschwester, daß meine Großeltern in Berlin auf dem Bahnhof ankämen. Ich kann die Vision heute noch beschreiben. Dann war ich wieder still. Als meine Großeltern dann die Villa betraten, habe ich mich wohl auch geäußert. Ich sehe auch das noch wie damals vor mir. Meine Mutter ging den Großeltern entgegen. Da lief die Schwester schnell hinaus und sagte: „Still, still. Sie liegt im Stadium der Hellseherei!“ Das wußte ich aber nicht von der Schwester, denn mein Geist war ja abwesend. Das hat mir nachdem meine Mutter erzählt. Bis weit nach Steglitz hatte sich meine Krankheit herumgesprochen. Das große Ölbild von mir wurde dann nach meiner Erkrankung von Frau Beuthin, der Frau unseres Arztes, gemalt.
Zwei Jahre später, am 27. August 1887, morgens 1.50 Uhr kam wieder ein Kindchen an, und zwar ein Brüderchen Johannes, Ewald, Otto, das aber auch nach sechs Monaten, am 12. Februar 1888 plötzlich verstarb. Der Jammer der Eltern über den Tod des Kindes kannte keine Grenzen. Mein Vater ließ noch eine Bleistiftzeichnung des Kindes auf dem Sterbebette machen. Mich selbst hat man so wenig beachtet, daß die Leute meine Eltern daran erinnern mußten, daß sie doch noch ein Kind hätten.

Mit etwa elf Jahren nahm mich mein Vater aus der Töchterschule heraus und ich bekam mit anderen Töchtern Friedenauer Familien Privatstunden. Der Grund hierfür lag in der öfteren Erkrankung von mir. Ich mußte geschont werden und das konnte am besten durch Privatunterricht geschehen. Die Stunden waren dort nur kurz, aber die Lehrerin dafür sehr streng und oft nicht angenehm. Sie war sehr bestechlich und wer von den Eltern ihr etwas schenkte, dessen Kinder waren je nach dem die besten Schülerinnen. Viel Freude hat mir dieser Unterricht nicht gemacht. Ich war froh, als die Zeit der Konfirmation heran war.

In der Konfirmationsstunde liebte ich unseren Geistlichen ganz besonders. Es war Pastor Weichbrod. Er schielte und war wirklich kein Schönheitsideal. Für mich war er aber mehr. Er wußte das wohl und erkor mich zu seiner Lieblingskonfirmandenanwärterin. Infolgedessen lernte ich auch über den gewöhnlichen Durchschnitt und schnitt bei der Prüfung glänzend ab. Die Prüfung bestand überhaupt nur aus an mich gerichteten Fragen und meinen prompten, sicheren Antworten. Mein Vater war sehr stolz auf mich.

Tanzstunde, Verehrer.

Nach meiner Konfirmation bekam ich im Winter Tanzstunde. Ich hatte damals viele, viele Verehrer und ernste Bewerber, denn ich war wohl ein immer freundliches, bescheidenes Mädchen und nicht ohne Geld. Unsere Friedenauer Jungens waren wohl alle meine eifrigen Verehrer. Es gab wohl wenige, die mir nicht zugetan waren. Fensterpromenaden waren immer sehr üblich bei uns und meinem Onkel Max, der das oft beobachtete, machte diese Sache viel Spaß und mich machte es sehr stolz und selbstbewußt. Einer meiner großen Verehrer war Euer Onkel Karl Brücker gewesen. Dann stand mir sehr nahe aus meiner Schulzeit bis zu meiner Heirat und auch noch lange darüber hinaus Paul Demker, der in seinem Wilhelm-Gymnasium als Primus durch alle Klassen ging, später Jura studierte und nach meiner Erkundigung im Dezember 1933, einen Tag nach Eures Vaters Tod, in Stuttgart verstarb. Ich muß hier noch einflechten, daß dieser junge Demker ein unendlich feiner, vornehmer Mensch war, dem ich wohl mehr und inniger zugetan war, als es mir damals selbst zum Bewußtsein kam.

Auch ein Philologe, Dr. Ernst Altenkrüger, hatte ein großes Interesse für mich und ich für ihn. Er starb aber sehr früh an Lungenschwindsucht. Ich könnte noch viele junge Männer anführen, die an meinem Leben vorüberzogen. Ich war aber sehr früh schon, mit sechzehn Jahren, an Euren Vater gebunden. Die Tore hatten sich geschlossen! Dann meine Freunde aus der Tanzstunde: Dr. Paul Dannehl, der damals Stabsarzt war und auch um mich warb, aber leider keine Erhörung finden durfte, dann Paul Heycke, dann Erich Borkowski, der später im Rheinland Oberpostdirektor wurde. Alles Verehrer des kleinen Fräulein Bauer, die damals schon für alle unerreichbar war.

Das Leben meiner Eltern in Friedenau.

Im kaiserlichen Reichsschatzamt wurde meinem Vater am 19. Dezember 1883 der Charakter als Rechnungsrat verliehen (bekanntgegeben im deutschen Tageblatt vom 21. Dezember 1883). Er er-hielt später den Roten Adlerorden verliehen. In Friedenau genoß mein Vater ein ziemliches Ansehen und wurde unter anderem auch in die kirchliche Gemeindevertretung gewählt. Im Jahre 1886 hatte mein Vater zusammen mit seinem Schwager Max Fehler, der bis Anfang der neunziger Jahre bei meinen Eltern lebte, und mit Gustav Retzdorff in Friedenau den Männerturnverein gegründet. Die Gründung fand in der Laube in unserem Garten statt. Es wurde auch zuerst im Garten unseres Grundstückes Schmargendorfer Straße 13 geturnt. Mein Vater wurde der Vorsitzende des Vereins und leitete ihn bis zu seinem Tode. Der Verein entwickelte sich unter seiner Führung zum ersten Verein des Havelgaues III. Mein Großvater Adolf Fehler gehörte dem Verein als passives Mitglied an. Auch meine Mutter und ich waren Mitglied der Frauenriege, wie überhaupt damals alle besseren Friedenauer irgendwie zum Turnverein gehörten. Auch die sämtlichen Brüder Brücker waren in der Jugend- und Knabenabteilung des Vereins.

Mit seinen Nachbarn stand mein Vater in bestem Einvernehmen. Eine Ausnahme hiervon machte lediglich der Hundezüchter Pietzker, der auf dem Grundstück Niedstraße 23, das hinter unserem Garten anstieß, eine Hundezüchterei betrieb. Mit diesem lebte mein Vater, ebenso aber auch fast sämtliche anderen Nachbarn, lange Zeit hindurch in Streit, der soweit ging, daß der Hundezüchter Pietzker einmal auf seinem Grundstück einen Galgen errichtete, an dem er eine Puppe, die meinen Vater darstellen sollte, aufhängte. Über diese Auseinandersetzungen, die sich von 1888 bis 1892 hinzogen, sind noch Akten meines Vaters vorhanden. Obwohl mein Vater stets selbst Hunde hatte, scheint er wegen anderer Hunde öfter in Differenzen mit Dritten geraten zu sein. Wir haben nämlich auch noch Papiere über eine Verhandlung vor dem Schiedsmann wegen Beleidigung, die ihm der expedierte Sekretär im Reichspatentamt, Dr. van Muyden, am 24. Januar 1889 zugefügt hatte.

Dieser hatte es meinem Vater übel genommen, daß er im Fiedenauer Haus- und Grundbesitzerverein den Antrag auf Einführung des Maulkorbzwanges für alle mehr als 30 cm hohen Hunde stellte, welchen Antrag sich auch die Gemeindevertretung zu Eigen machte. Der Dr. van Muyden trat eines Tages auf dem Potsdamer Bahnhof auf meinen Vater zu, als dieser etwa um 9 ½ Uhr mit der Wannseebahn zum Amt gefahren kam, und fragte ihn, ob er den Antrag auf Einführung des Hundemaulkorbzwanges gestellt habe. Als mein Vater dies bejahte, entgegnete Dr. van Muyden: „Nun, dann werde ich bei der Polizei den Antrag stellen, daß zunächst Ihnen der Hundemaulkorb angehängt wird.“ Mein Vater wollte daraufhin bei der Staatsanwaltschaft einen Strafantrag gegen Dr. van Muyden stellen. Die Sache endete dann aber damit, daß van Muyden 50 Mark an meinen Vater zahlen mußte, die dieser dem Friedenauer Männerturnverein  zur Unterstützung für beim Turnen verunglückte Mitglieder überwies.

Fortsetzung in unserer nächsten Ausgabe.