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30.09.2018

Unsere neue richtige Heimat, Teil 1

... Der Abend kam, mein Vater holte mich und fuhr mit mir nach Friedenau, in unsere neue richtige Heimat. Das war am 30. September 1882.

Adolf Fehler

Frida Emma Brückner

Schmargendorfer Str. 11, später 13

In Friedenau wohnten wir nun in unserer Villa in der Schmargendorfer Straße mit dem schönen Obstgarten hinterm Haus. Die Villa war sehr geräumig. Sie hatte neun Zimmer. Im Souterrain befanden sich Mädchenzimmer, Logier-Zimmer und anschließend die Kellerräume, Wein- und Kohlenkeller. Auf dem sogenannten Boden war ebenfalls noch ein Besuchszimmer und mein kleines Spiel- und Puppenzimmer sowie ein schöner großer Wäscheboden. Die Villa hatte eine schöne sogenannte Freitreppe mit Podest, von dem man auch gleich in den Garten gehen konnte, und, was mir damals besonders imponierte, als einzige Villa eine Laterne beim Aufgang zum Haus. Meine Eltern bewohnten die Villa zuerst mit Onkel Max zusammen. Später zogen dann die Großeltern aus Magdeburg zu.

Hinter der Villa befand sich der Garten, zum Teil Schmuckgarten mit Laube und Fontaine, Tannen, Obstbäumen und Blumenbeeten, Frühlings-, Sommer- und Herbstbeeten, anschließend daran etwas Gemüseanbau. Als die Obstbäume (Kirschen-, Aprikosen-, Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume und Obststräucher Johannis- und Stachelbeeren) dann höher und dichter wurden, wurden darunter Rasenbeete angelegt. Solange wie Onkel Max bei uns lebte, hatte er im letzten Teil des Gartens einen Turnplatz mit Reck, Barren, Schaukel. Später, als Onkel Max sich verheiratete, wurde mir dort ein großer Krocketplatz eingerichtet, auf dem ich viele Zeit mit Freundinnen und Freunden verbrachte. Ich hatte eine große Fähigkeit im Treffen der Bälle.
Friedenau war damals noch ein kleiner Ort. Die Rheinstraße hatte rechts und links kleine Villen mit Gärten. Auf der linken Seite stand ab und zu einmal ein einstöckiges Häuschen. Die Straße war sehr breit und hatte links und rechts Chausseegräben mit Grün bewachsen. Es war eine Allee mit prächtigen Eichenbäumen, alten schönen, breiten Bäumen, unter denen wir Kinder dann im Herbst die Eicheln suchten. Eine Pferdebahn oder ähnliches gab es damals noch nicht...

Unser Grundstück hatte ursprünglich die Nummer 11 gehabt. Erst auf Betreiben von Szlatohlawek wurde etwa im Jahre 1889 eine Umnummerierung der Grundstücke durchgeführt, bei der wir die Nummer 13 erhielten. Diese Umbezeichnung ist völlig zu Unrecht erfolgt, denn die Schmargendorfer Straße hat auf diese Weise überhaupt keine Häusernummern 7 bis 10. Diese entfallen auf den Wilmersdorfer Platz, dessen sämtliche Häuser aber zur Handjerystraße zählen. Wir sind damals mit der Änderung der Nummerierung sehr unzufrieden gewesen. Es gelang uns aber nicht, hieran etwas zu ändern. Ich bin überzeugt, daß die Zuteilung der Nr.13 uns keinen Segen gebracht hat. Während es meinen Eltern bis dahin stets gut gegangen war, begann bald darauf in sich steigerndem Maße eine schlechte Zeit für uns, die schließlich mit dem völligen Verlust des Grundstückes endete.

Von der Kirche aus, die damals noch nicht stand, dehnten sich nach Schmargendorf hinüber Kornfelder aus. Es ist dies alles nicht so leicht zu schildern. Die jetzige Ecke vom Kaufmann Wittmütz an der Handjerystraße war damals auch eine Baustelle mit einer angefangenen, bis zum Rohbau fertiggestellten Mauerung. Fenster, Türen waren nicht vorhanden. Wir nannten diesen Bau „die Ruine“. Sie gehörte einem Herrn Kasimir von Kosterschewski. Weshalb sie liegengeblieben war, weiß ich nicht. Jahrzehntelang, bis zum Hochbau wohl, Anfang der neunziger Jahre, war sie solange der nächtliche Unterschlupf für allerlei Diebesgesindel. Jedenfalls eilte ich immer ängstlich daran vorbei. Zu der Zeit hatten wir in Friedenau auch noch einen wirklichen Nachtwächter mit Laterne und einer Art Hellebarde oder Spieß. Er hieß Herr Ganzer und war sehr beliebt. Man grüßte ihn als Kind immer mit großer Ehrfurcht. Laternenbeleuchtung erhellte den Ort sehr matt und spärlich schien ihr Licht. Wir hatten einen Laternenanzünder, der die Lampen abends an- und morgens ausdrehte. An schönen warmen Tagen flogen noch Fledermäuse in großer Zahl immer tief um die kleinen Villen. Die Villen hatten alle Gärten, so wie sie jetzt noch zum Teil vorhanden sind.

Schulzeit – Lehrerinnen

Mit dem siebenten Jahr kam ich in die Schule, die Rönnebergsche höhere Töchterschule. Mein Vater hatte mich voller Stolz angemeldet und ich konnte kaum den Tag des Schulbeginns erwarten. Am ersten Schultag brachte mich meine Mutter hin und ich bekam von der Schulvorsteherin, Fräulein Jettchen Rönneberg, wie sie von den Schülerinnen genannt wurde, eine große Schultüte. Zu Anfang schmeckte die Schule noch so schön wie der Inhalt der Schultüte geschmeckt hatte. Aber allmählich wurde alles bitterer Ernst, denn ich mußte stillsitzen und aufpassen, was die Lehrerin sagte. Ich hielt mich aber nicht an die Vorschriften, sondern plauderte immer emsig mit meiner kleinen Nachbarin. Das ergab dann am Schluß des Schuljahres eine Zensur mit dem Prädikat „gut, plaudert aber sehr gern“. Meine Leistungen waren auch nicht sehr beachtlich. Die Schuljahre waren und blieben bis zum Ende immer etwas Quälendes für mich. Ich tummelte mich lieber umher, spielte mit meinen Puppenkindern und liebte das Ringballspiel, den sogenannten Treibball, der mir eine große Gewandtheit brachte, so daß ich immer im Vorteil war.

Unter meinen Lehrerinnen der Rönnebergschen Schule hatte mein besonderes Interesse Fräulein Helene Hacker, jetzt für uns alle unser liebes Tantchen Hacker. In meiner Jugend war sie für uns alle eine sehr gewissenhafte, strenge Lehrerin, von der man allzu schnell getadelt werden konnte. Sie war eine schöne, schlanke, stolze Erscheinung, immer voller Ernst und Würde. Dann war ich erkorener Liebling eines Fräulein von Holzhausen, dann von Fräulein Luise Müller, die mit uns bei den unregelmäßigen Verben, den französischen, ihre Not hatte. Eines Tages ging ihr anscheinend unsere Dummheit zu weit. Sie sagte: „Ihr seid ja heute wie vernagelt“ und wir platzten vor Lachen los. Beim Gang zur Schule mußte ich nämlich an einem Neubau vorbei, bei dem die Bäume mit Brettern verschlagen waren, um sie beim Bau zu schützen. Da stellte ich mir vor, wir alle waren so umzäunt und das brachte mich derart zu lachen. Ich bekam einen furchtbaren Krach. Die Lehrerin schrieb an meinen Vater einen Brief, den ich mitnehmen sollte. Zu Hause hatte ich nicht den Mut, ihn meinem Vater zu geben, und ich legte mich dann am nächsten Tag aufs schwindeln, indem ich einfach behauptete, ich hätte ihn nicht abgeben können, da mein Vater verreist sei. Einige Tage ging das gut, aber dann fiel es auf und der Brief wurde per Post gesandt und ich bekam noch fürchterlichen Ärger und Schläge.

Mein Vater war in der Erziehung sehr streng und meine Mutter meinte oft zu ihm, ich wäre kein Soldat, mein Vater solle das bedenken. Aber auch meine Mutter war eine strenge, gleich schlagkräftige Frau, die wenig Geduld bei der kleinen Schülerintochter hatte. Es war oft eine entsetzliche Pein für mich. Die Schulvorsteherin, Fräulein Jettchen Rönneberg, war meist gütig zu uns, nur in besonderen Fällen streng. Dann kam noch in den Vordergrund Dr. Fritz Ignatius, ein liebenswürdiger Lehrer, der mich auf meinen ersten Bällen später sehr auszeichnete. Ich machte mir aber nichts daraus, denn meine Gymnasiasten waren mir lieber. ...

(Fortsetzung in unserer nächsten Ausgabe)

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