Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

2.02.2016

Unser aller Bowie

Isolde Peter und Sigrid Wiegand erinnern sich.

Bewegte Zeiten. Fotocollage: Isolde Peter

Trauernde vor dem Haus an der Hauptstraße. Foto: Hartmut Ulrich

Mein Bowie

Sigrid: Als David Bowie Ende der 1970er in Berlin lebte, wusste ich nichts von ihm. Mein Mann war 1975 gestorben, und ich musste mich mit drei halberwachsenen Kindern neu im Leben einrichten. Das Nachtleben gehörte nicht dazu. Es war mir aber nicht entgangen, dass da jenseits des Schlagerwahnsinns etwas Neues im Anzug war. Für den Rock'n Roll fand ich mich zu alt, da tobte schon die nächste Generation. Mich interessierten eher die Beatles und die Stones, und dann vor allem Pink Floyd:  Atom Heart Mother war eine Offenbarung für mich.

Ich lernte David Bowie zuerst als Schauspieler kennen, als den Mann, der vom Himmel fiel: rothaarig, androgyn und toll! Als ich erfuhr, dass er eigentlich Rockmusiker war, begann ich gezielt nach ihm zu suchen – und war enttäuscht. Einige Titel kannte ich, sozusagen ohne es zu wissen. Seine Stimme gefiel mir nicht – zu dünn in den Höhen – und rothaarig war er auch nicht mehr. Mein Interesse ließ nach. Eine letzte Chance, ihn näher kennenzulernen, verpasste ich 1996 auf dem Roskilde-Festival, das wir seit Anfang der 1980er regelmäßig besuchten, zwanzig Jahre lang  – der Höhepunkt eines jeden Sommers! Bowie war da, wir nicht. Es war das einzige Jahr, in dem wir das Festival schwänzten ...
Es blieb also bei gelegentlichen Begegnungen mit seiner Musik; Space Oddity, Chinagirl, Heroes, das waren Titel, die hängenblieben. Bowies Ruf, seine Ausstrahlung faszinierten mich immer mal wieder; richtig warm wurde ich mit ihm nie.

Isolde: Anfang der 80er Jahre war ich vierzehn und las „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Dort hörte ich zum ersten Mal von David Bowie und wurde neugierig. Ich kaufte mir eine Platte von ihm, „Pinups“. Auf dem Cover hat er noch seine  Ziggy Stardust-Frisur. Eigentlich war David Bowie damals gerade „out“, erst einige Jahre später feierte er – wieder mal – ein Comeback mit „Let’s dance“. Als Jugendliche war ich davon überzeugt, dass Bowie und ich uns wunderbar verstehen würden, sollten wir uns jemals kennenlernen. Für mich war er der schönste Mann der Welt – trotz seiner furchtbaren Zähne. 1990 ging ein Traum von mir in Erfüllung: Ich lebte bereits ein Jahr in Berlin und David Bowie gab ein Konzert in der Deutschlandhalle. Oh mein Gott! Leider zog er mich dann nicht, wie ich es in meinen Teenagerträumen immer vor Augen gehabt hatte, auf die Bühne, um mit mir im Duett „(...) dann sind wir Helden für einen Tag!“ zu singen. Im Gegenteil. Er konnte den deutschen Text von „Heroes“ gar nicht mehr. Zwei Jahre später heiratete er das Model Iman und seitdem hatte meine Beziehung zu Bowie einen leichten Knacks. Ein Popstar, der ein Model heiratet: das war mir zu klischeehaft. Da hätte ich ja auch gleich Stones-Fan werden können, dachte ich damals.

Dein Bowie

Sigrid: Vor zwei Jahren plötzlich viel David Bowie in der Luft: die Ausstellung - von London nach Berlin gekommen! Alles über David Bowie, der mit Berlin eng verbunden sein, angeblich seine kreativsten Jahre hier in Berlin verbracht haben sollte. Ausgerechnet diese 2, 3 Jahre im Leben eines derart kreativen Künstlers! Macht alles die Berliner Luft, Luft, Luft; wir sind die Größten! Berlin schmückt sich mit fremden Federn, die allenfalls zum alten, bunten West-Berlin gehörten (über das man sich sonst so gern lustig macht) und das mit der heutigen Möchtegern-Hochglanz-Metropole aber auch gar nichts zu tun hat.

Schon in den Siebzigern hat man Bowie hier erlebt – wer eigentlich wirklich? In der Schöneberger Lokalpresse der damaligen Zeit finde ich kein Wort über ihn. Die Studenten haben ihn damals alle gekannt, sagen heute die Studenten von gestern. Aber haben sie ihn auch getroffen, wussten sie überhaupt, dass er in Berlin war? Es heißt doch, er sei so froh gewesen, dass ihn hier niemand kannte und anstarrte. Er wollte ja hauptsächlich von seiner Heroinsucht loskommen. Was denn nun? Bowie habe viel gearbeitet, sei in den Hansa-Studios, in Museen, Galerien, Bars, im SO36 gewesen, schreibt Tobias Rüther in seinem Buch „Helden. David Bowie und Berlin“. In manchen Kreisen ist man ihm begegnet, Musikerkollegen trafen ihn in den Studios; es konnte vorkommen, dass man bei Freunden im Antiquitätengeschäft am Südwestkorso saß und er hereinkam und sich umsah, wie meine Freundin Hilke berichtet, und die Portierfrau in der Hauptstraße 155 hat ihn vielleicht auch im Treppenflur getroffen. Aber der große Hit war er offenbar nicht in West-Berlin. Ich habe den Verdacht, dass da posthum viel aufgeblasen wird.

Isolde: Ich kannte einen Engländer, der in den 90er Jahren nach Berlin gezogen war, um hier eine Musikkarriere zu starten. Er fand es in Schöneberg überhaupt nicht schön. Irgendwann erzählte ich ihm, Bowie hätte auch mal hier gelebt. Das fand er spannend. Wenig später sagte er, er sei durch die Hauptstraße gelaufen und habe sich gefragt: „Was hat Bowie hier nur gesehen, was ich nicht sehe?“. Im Vergleich zu London war Berlin damals richtig provinziell. Das ist heute natürlich anders. Der „David-Bowie-hat-mal-in-Berlin-Schöneberg-gelebt-Hype“, setzte vor zwei Jahren wegen des Albums „Where are we now“ und der Ausstellung über David Bowie ein. Nun da er tot ist, ist der Hype nicht mehr zu stoppen. Nun soll sogar der Teil der Hauptstraße, in der Bowie mal gewohnt hat, in David-Bowie-Straße umbenannt werden. Das Haus wird derzeit umlagert von Fans, die dort Trauerarbeit leisten, indem sie Bilder, Karten, Blumen vor der Haustür ablegen und gemeinsam Bowie-Songs lauschen, während der Verkehr der Hauptstraße an ihnen vorbeirauscht. Meine Art der Trauerarbeit ist das nicht. Ähnlich wie vor zwei Jahren sind plötzlich alle David Bowie-Fans, selbst Menschen, die vorher sicher nicht wussten, wer Ziggy Stardust war. Die Online-Petition für die Straßenumbenennung läuft, hat aber wohl wenig Aussicht auf Erfolg. Eigentlich ist eine Straßenumbennenung erst fünf Jahre nach dem Tod einer Person möglich. Am Ende wird es vielleicht nur die von der CDU geforderte Gedenktafel. Oder die von der Piratenfraktion geforderte Umbenennung der Brücke am Flaschenhalspark in David-Bowie-Brücke. Ich würde mir wünschen, jemand würde sich für ein David-Bowie-Museum in Schöneberg einsetzen, in dem auch der berühmte Schlüssel aus der Hauptstraße 155 ausgestellt wird. Schließlich hat die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau vor zwei Jahren gezeigt, dass sich viele Menschen für diesen Teil von Bowies Biografie interessieren. Und viele hätten – so wie ich auch – einige Erinnerungen beizusteuern.

Unser Bowie

Sigrid: Und dann fiel er plötzlich in der Ausstellung über mich her, sprang mich von den Wänden an, dröhnte mir in den Ohren. Gut, dass man aus dem Einflussbereich der Radiowellen geriet, wenn man genug von einem Titel hatte und weiterging; die Kopfhörer verhinderten, dass man alles auf einmal hörte. Manches gefiel mir schon gut.
Die Exponate, naja, die Kostüme standen tot herum, gewannen erst Leben auf den Videos, als er sie trug, sich in ihnen bewegte, auf Mitschnitten alter Konzerte, die einen ganzen Raum füllten – Bowie in allen Altersklassen. Andächtig standen die Besucher herum, eher ältere als junge, lauschten ihrer eigenen Vergangenheit. War ja auch schön. Mir begann er nach einer Stunde auf die Nerven zu gehen.

Nun ist er also gestorben, an Krebs, genauso wie Lemmy Kilmister, fast im gleichen Alter. Was ist mit den Musikern los?  klagt mein Enkel Simon, erst Lemmy, jetzt David Bowie! Und Achim Mentzel, er-gänze ich. - Wer ist das denn? - Vergiss es, sage ich.
Obwohl: Musik ist erst einmal Musik, danach kommen die Unterscheidungen. Unter diesem Gesichtspunkt kann man auch Pierre Boulez in diesen Reigen einreihen. Auch er ist Anfang Januar gestorben. Und auch Kurt Masur ist noch nicht lange tot.

Isolde:  Wo warst du, als sie im Radio sagten, dass David Bowie tot ist? Echte Fans werden sich auch Jahrzehnte später noch erinnern, wo sie waren und was sie empfunden haben. Am Tag, als sie im Radio sagten, dass Bowie tot ist, saß ich in der Küche und konnte es nicht glauben. Aber sie fingen ja schon an, sämtliche Bowie-Songs zu spielen. Also musste es wahr sein. Dann griff ich ins Regal und suchte nach der Konzertkarte von 1990, als ich in der Deutschlandhalle Bowie live gesehen habe. Ich fand sie erstaunlicherweise sofort. Dazu fand ich ein analog fotografiertes Selfie, von mir selbst untertitelt: „Ich in der Küche bevor es ab zum Konzert ging.“ Auf dem Foto bin ich 21 Jahre alt und grinse wie ein Honigkuchenpferd. Vor Freude, dass ich in Berlin nun endlich David Bowie sehen würde. Ein bisschen ging es mir in der Ausstellung damals im Martin-Gropius-Bau auch so. Ich musste schmunzeln über mich selbst und über alle anderen David Bowie-Fans, die so alt wie ich oder älter waren, und plötzlich wieder in ihre Jugend zurück versetzt wirkten. Als Trauerarbeit habe ich mir Bowies letztes Album „Blackstar“ angehört und war erschüttert, wie intensiv er seinen bevorstehenden Tod dort thematisiert. Abschied zu nehmen fällt leichter, wenn gute Erinnerungen da sind. Ich habe sehr viele und sehr schöne Erinnerungen, die ich mit Bowie und seiner Musik verbinde, die Ausstellung vor zwei Jahren hatte mir das ja auch noch einmal verdeutlicht. Ich bin dankbar, dass ich sie sehen konnte, was mit meiner klugen Entscheidung zusammen hängt, mit 20 Jahren in die Stadt zu ziehen, in der auch Bowie einst lebte.

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