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28.02.2022 / Orte und Plätze

Unheil für St. Elisabeth

Von Ottmar Fischer. Über der fast zweitausendjährigen Geschichte des Papsttums gerät leicht aus dem Blick, dass trotz dieser im Weltmaßstab einmaligen Dauer einer religiösen Organisationsform auch die katholische Kirche, wie jede historische Erscheinung, dem Wandel unterliegt.
Foto: Thomas Thieme

Steht am Anfang der Kirche die Notwendigkeit, den Streit der urchristlichen Gemeinden um den wahren Glauben durch eine vereinheitlichte Auffassung zu beenden und durch die Ermächtigung einer zentralen Institution auch zu bewahren, folgt im Mittelalter über die Verbindung mit den Mächtigen der Welt die Ausdehnung des institutionalisierten Herrschaftsanspruchs auf die außerkirchliche Welt, um schließlich im Gefolge der Aufklärung nicht nur die Deutungshoheit in Weltfragen wieder zu verlieren, sondern aktuell selbst die innerkirchliche Ordnungsidee infrage gestellt zu sehen.
In den protestantischen Gemeinden ist die Selbstverwaltung durch ihre Mitglieder analog zur demokratischen Verfassung des politischen Gemeinwesens eine Selbstverständlichkeit. Dementsprechend sind Frauen im Pfarramt nichts Besonderes mehr.

In der katholischen Kirche gibt es weiterhin ein mittlerweile schon verzweifelt anmutendes Ringen zwischen der eingesetzten Kirchenhierarchie und den Gemeindemitgliedern um Teilhabe an Entscheidungen zur Kirchenordnung, was sich besonders an Fragen des Zölibats und der Gleichstellung von Frauen entzündet. Dabei ist die anhaltende Unbeweglichkeit der Kirchenobrigkeit vor allem darauf zurückzuführen,  dass auf dem Vatikanischen Konzil von 1870 die Irrtumslosigkeit des Papstes in Glaubensfragen und die Unbeschränktheit seiner Herrschaft über den Kirchenkörper festgelegt wurde. Diese Beschlüsse vermochten zwar zunächst die innerkirchliche Geschlossenheit im Umfeld von Monarchien und Diktaturen zu sichern. Doch aktuell fallen sie der katholischen Kirche auf die Füße.

Gerade die zögerliche und von der Kirchenhierarchie immer wieder verschleppte Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger hat die Schwächen einer nicht demokratisch kontrollierten Organisationsform offen zu Tage treten lassen. Als Folge davon haben die Kirchenaustritte im vergangenen Jahr einen dramatischen Höchststand erreicht, weswegen der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz auf dem erst wenige Wochen zurückliegenden Synodal-Treffen mit katholischen Laienorganisationen dringenden Handlungsbedarf angemahnt hat. Ihm zufolge würden inzwischen selbst langjährige Leiter von kirchlichen Einrichtungen aus Protest aus der Kirche austreten. So ist die autoritäre Halsstarrigkeit der Kirchenhierarchie nunmehr nicht nur wie gewohnt den Ungläubigen und Andersgläubigen ein Dorn im Auge, sondern auch den katholischen Laien zum Stein des Anstoßes geworden.

Spiel mit dem Feuer
Unklar ist bislang, welcher Art der Unzufriedenheit die seit sieben Jahren anhaltenden Silvester-Angriffe mit Feuerwerkskörpern auf die Sankt Elisabeth-Kirche in der Schöneberger Kolonnenstraße zuzuordnen sind. Dieses Jahr gingen dabei drei Fenstertscheiben über dem Eingangsportal zu Bruch. Der aus Slowenien stammende Pfarrer Izidor Pecovnik (Spitzname in der Gemeinde: „Dori“), der seit 26 Jahren die Gemeinde betreut und seither auch den slowenischen Neuberlinern eine muttersprachliche Heimstatt mit eigenen Gottesdiensten bietet, beobachtet Jahr für Jahr, dass sich vorwiegend junge Menschen im Alter von 20-30 Jahren zum Feuerwerk vor der Kirche versammeln, und vor Jahren habe eine Rakete sogar ein Fenster seiner benachbarten Pfarrerwohnung durchschlagen, woraufhin die Gardine Feuer fing. Doch will er keinen vorschnellen Verdacht äußern. Lieber käme er mit den Pyromanen ins Gespräch, überlässt die Ermittlungen aber der Polizei. Möglicherweise fühlen sich die Feuerwerker auch vom Bauwerk selbst angezogen. Denn die neugotische Backsteinfassade mit der breiten Eingangstreppe ihres hohen Portals ragt einige Schritte über die Häuserflucht hinaus. Das Ensemble vermittelt somit einerseits zwar den Eindruck einer Einladung an die Öffentlichkeit zur Teilnahme, kann freilich umgekehrt von Personen mit einer ablehnenden Haltung auch als Anspruch der Kirche zur dogmatischen Mitsprache in öffentlichen Angelegenheiten gedeutet werden.

Gegen einen solchen Anspruch der Kirche richten sich jedenfalls die seit Jahren wiederkehrenden Farbschmierereien an Portal und Fassade, denn sie wenden sich in ihren Losungen gegen die katholische Haltung zum Schwangerschaftsabbruch. Die Beseitigung der Parolen kostet jedes Mal 4000 Euro, klagt Pfarrer Wieneke, und die Kosten der Bruchschäden sind sogar fünfstellig. Einmal habe die Gemeinde aber auch Unterstützung von der Hierarchie erhalten, weil in einem Bekennerschreiben auch die Bischofskonferenz als Angriffsziel genannt worden sei. Auf der linksradikalen Webseite indymedia.org sei zudem einmal als Grund für die Zielwahl angegeben worden, dass sich in den Räumlichkeiten der Gemeinde „Abtreibungsgegner“ versammelt hätten. Auffällig ist zudem, dass die seit Jahren sich wiederholenden Farbanschläge gewöhnlich im Umfeld von Jahrestagen wie dem Internationalen Frauentag stattfinden. Vielleicht regt ja aber auch der Standort selbst an, denn die Kirche wurde im Jahre 1911 in einer Gegend errichtet, die als zwischen der Potsdamer und der Anhalter Bahn vom Eisenbahnlärm eingezwängte Rote Insel durch das vergangene Jahr-hundert hindurch ein Ort politischer Renitenz war.

Doch hat gerade diese Gemeinde-Kirche sich von Anfang an den Armen zugewandt. Noch bevor das Geld für den Kirchenbau überhaupt beisammen war, errichtete die Gemeinde auf dem hinteren Teil des Geländes das von Dominikanerinnen betreute Sankt Elisabeth Waisenhaus für 100 Kinder. Und folgerichtig gibt es dort nicht nur bis heute einen eigenen Kindergarten, sondern auch der Bilderschmuck in der Kirche erinnert an die besondere Schutzbedürftigkeit der Kinder und Notleidenden. Im Vorraum eines Nebeneingangs befindet sich ein Glasfenster, das die heilige Elisabeth zeigt, wie sie einem Nackten ihr kostbares Gewand reicht, was auf ihr historisch verbürgtes Leben im Zeichen gelebter Barmherzigkeit verweist. Und an der Rückseite des Kirchenraums befindet sich das Reliefbild „Jesus segnet die Kinder“, was ebenfalls auf das Leben der Namenspatronin hinweist, denn neben den Armen waren es die  Kinder, denen ihre Zuwendung galt. Überhaupt war das kurze Leben der heiliggesprochenen Elisabeth von Thüringen (1207-1231) mit tätiger Nächstenliebe ausgefüllt, wozu auch die eigenhändige Krankenpflege gehörte. Die Missgunst der geizigen und gierigen Emporkömmlinge, denen sie in ihrem Leben überall begegnete, war ihr hingegen beständig Anlass zur Bekümmernis. So ist von ihr der Ausspruch überliefert: „Den Menschen würde ich gern danken, aber ich weiß nicht wofür.“

https://st-matthias-berlin.de/kirchen/st-elisabeth-2.html

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