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14.04.2011 / Orte und Plätze

Unglaublich ! LUFTSCHIFFHAFEN in der Rheingaustraße ?

Vor hundert Jahren – gestern und heute / 31. März 1911: Aus den Archiven des Bezirks: „Luftschiffhafen Friedenau. Es geht uns soeben von authentischer Seite die Meldung zu, dass die Halle unseres Elektrizitätswerkes an der Rheingaustraße vom Deutschen Luftflottenverein(E.V.) käuflich erworben wurde; gleichzeitig ist auch das jetzt von unserer Gemeindegärtnerei und das als Lagerplatz genutzte Gelände in den Besitz dieses Vereins übergegangen. Für das gesamte 456 Quadratruten große Grundstück hat unsere Gemeinde einen Preis von 3.800 M. für die Quadratrute erhalten.
Motorenhalle des Kraftwerks Friedenau 1910 (mit freundlicher Genehmigung des Energiemuseums Berlin)

Bekanntlich wird die Halle unseres Elektrizitätswerks dadurch, dass die Maschinen still gelegt und der Strom künftig von den B.V.E.W. (Anmerkung: „Berliner Vororts =Elektrizitäts = Werke“) in Steglitz geliefert wird, frei. ...
Es wird dann ein kleiner Umbau erforderlich werden, insbesondere ist auch ein flaches Dach vorgesehen, auf dem in Riesenlettern, für Luftschiffer kenntlich, die Stations- und Ortsbezeichnung angebracht wird. ...

In der uns zugegangenen Meldung heißt es weiter, dass hier ein ganz neu konstruierter Lenkballon nach dem halbstarren System von Ingenieur Georg Kläger untergebracht werden soll. Die Hülle des Ballons wird aus einem ganz neuen Ballonstoff, der im Gegensatz zu der üblichen gelben Färbung, eine grellrote Farbe aufweist, gefertigt sein.  Ferner soll der Ballon 2 Gondeln und 4 Propeller erhalten und 30 Personen befördern können. ...

Mit dem enormen Aufschwung , den die Aeronautik gerade hier in Deutschland genommen hat, ist mehr und mehr das Bedürfnis eingetreten, eine einheitliche Nachtorientierung zu schaffen und Signalfeuer durch elektrische Blinkfeuer auf besonders erhöhten Punkten in Dienst zu stellen. Naturgemäß kam man bald darauf, dass die Kirchtürme der geeigneste Platz für diese Stationen bilden dürften und nachdem die nicht unerheblichen Bedenken der beteiligten Körperschaften beseitigt wurden, erhielt auch Friedenau die Bestimmung, den nächtlichen Luftschiffern sein Licht leuchten zu lassen. ... Die auf unserem Kirchturm geschaffene Anlage stört die Anwohner des Friedrich-Wilhelmplatzes nicht im geringsten, wird aber sicher viel Interessantes bringen. Mit Ein-tritt in das Sommerhalbjahr wird die Einrichtung am Sonnabend Abend um 8 Uhr zum erstenmal in Friedenau in Funktion treten und alle Vorbereitungen sind getroffen, sodaß mit Einschalten des elektrischen Stroms die Anlage zum Himmel strahlen wird. ...“
Quelle: Friedenauer Lokal – Anzeiger vom 31. März 1911 (gekürzt)

Anmerkungen: Das soll den Friedenauern mal jemand nachmachen: Erst wird das „ Elektrizitaets-Werk der Gemeinde Friedenau“ in der Rheingaustraße 30 stillgelegt, sodann ein Luftschiffhafen geplant und dann bekommen die Kirchtürme auch noch rote Warnlampen. Dazu passt gut  die Beschwerde eines Friedenauer Bürgers (bereits am 18. März 1911 im Friedenauer Lokal-Anzeiger unter der Überschrift „Der rote Ballon“ zu lesen), der einen „pittoresken“ und roten Ballon mit der Aufschrift „Sozialdemokratie“gesichtet haben will und nunmehr die Infiltration der bürgerlichen Anwohner durch entsprechendes Gedankengut befürchtet.

Nachdenklicher macht indessen ein nahezu zeitgleicher Bericht im „Schöneberger Tageblatt“  über die rasante Entwicklung von Luftabwehrgeschützen gegen Zeppeline. Und auch die monatlichen Berichte über den erfolgreichen Aufbau der kaiserlichen Kriegsmarine und der Ton-nage der fertig gestellten Kampf-schiffe – ebenfalls im „Schöneberger Tageblatt“ des Jahres 1911 – lassen aus heutiger Sicht aufhorchen. Da wundert man sich schon gar nicht mehr über die ebenfalls fast monatlichen Berichte über die englische und österreichische (!) Flottenaufrüstung aus dem Jahr 1911.

Inwieweit das  Luftschiffhafenprojekt tatsächlich und erfolgreich umgesetzt werden konnte, ist den Quellen gegenwärtig nicht zu entnehmen, da die gesamten Bestände des Friedenauer-Lokal-Anzeigers zwecks Digitalisierung der Dokumente momentan außer Haus sind.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber auch noch, dass mit dem 1.April 1911 - also mit Schließung des „Elektrizitaets-Werks der Gemeinde Friedenau“ - die Stromversorgung Friedenaus vom Elektrizitätswerk Steglitz an der Birkbuschstraße übernommen wurde. Wir werden darüber anlässlich eines Berichts über das 10.jährige Jubiläum des Förderkreises „Energie-Museum Berlin“ in unserer Maiausgabe berichten.
Gefunden und kommentiert von Hartmut Ulrich

P.S. Für interessierte Rechner: Die preußische Rute betrug 3,766242 m; somit die Quadratrute 14,185 Quadratmeter. Die Fläche von 456 Quadratruten entspricht in etwa der Fläche von 6.468 Quadratmetern. Damit ergab sich ein Quadratmeterpreis von ca. 268 Mark, mithin ein Gesamterlös von ca. 1.732.800 Mark für die Gemeinde Friedenau.   
Da ein Rutenstab mit ca. 3,7 m Länge bei der Feldarbeit sehr unhandlich war, liefen die Landvermesser in der Regel mit dem halbierten Rutenstab durch die Welt. Sehr nachvollziehbar ist daher die Einführung des verbindlichen metrischen Maßes ab 1889 im Kaiserreich. Warum der Friedenauer Autor noch in Ruten rechnete, bleibt ein wohl ewiges Rätsel, nicht aber ein verspäteter Aprilscherz.

Hartmut Ulrich

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