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26.05.2022 / Gewerbe im Kiez

Ukrainische Literatur entdecken

Von Eva Schenk (E.S.) und Elvira Hanemann (E.H.). Der unbarmherzig und unmenschlich geführte Krieg Russlands gegen die Ukraine und unser Mitgefühl mit dem Leid der Ukrainer und die Bewunderung für ihren Widerstand lassen uns einen Blick auf die Romane ukrainischer Literatinnen und Literaten richten. Elvira Hanemann und Eva Schenk möchten Ihnen in Kurzrezensionen einige Texte vorstellen, die für sie neue literarische Entdeckungen sind und  Einblicke in das Leben in der Ukraine geben.
Buchcover

Juri Andruchowytsch
Die Lieblinge der Justiz
2018 in der Ukraine erschienen und 2020 bei Suhrkamp
23 Euro

In achteinhalb Kapiteln erzählt der Autor historische Verbrechen, die er mit der Gegenwart verknüpft. Reale und imaginäre phantastische und historisch aktenkundige Verbrechen schaffen einen Eindruck davon, zu welchen Gemeinheiten Menschen fähig sind. Zwischen Liebesleidenschaften, Freiheitskämpfen und Terror verläuft oft eine schmale Grenze. Angesichts der Bilder aus der Ukraine fasst mich ein Grauen ob der Aktualität des Romans. Juri Andruchowytsch, 1960 in der Westukraine geboren lebt nach Aufenthalten in Westeuropa und den USA wieder in der Westukraine. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet und in rund 20 Sprachen übersetzt. Er gehört zu den Großen der ukrainischen Literatur. (E.S.)

Katja Pretowskaja
Vielleicht Esther
Suhrkamp Verlag
12 Euro

Die Autorin wuchs in Kiew auf, kommt aus einer jüdisch-ukrainischen Familie und lebt in Berlin. In ihrem Buch, für das sie 2013 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, begibt sie sich auf Spurensuche nach ihrer eigenen Familiengeschichte.
Sie reist nach Auschwitz, Wien, Mauthausen; Kiew und Warschau, schreibt Briefe und führt viele Gespräche. Wie kleine Mosaiksteine lassen diese Texte eine erschütternde Familiengeschichte vor unseren Augen entstehen. Die Titel gebende Esther, ihre Urgroßmutter, wurde in Babi Jar bei Kiew von den Nazis ermordet. Ein literarisch überzeugendes und eindringliches Buch! (E.H.)

André Kurkow
Ein Freund des Verblichenen
1996 in Kiew erschienen und 2003 bei Diogenes als Taschenbuch
10 Euro

Der Held des Romans möchte am liebsten Selbstmord begehen, aber er glaubt, dass er zu feige dazu ist und im Alkoholrausch heuert er einen professionellen Killer an. Als er sich in eine Frau verliebt, merkt er, dass er leben will. Wie aber bekommt er den Killer wieder los?
Aus Kurkows Ideen entwickeln sich verrückte und fesselnde Geschichten mit Tiefgang, die sich mit großer Lust lesen lassen. Kurkow ist 1961 in Petersburg geboren und lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Er schrieb zahlreiche Drehbücher, arbeitete als Kameramann und für Radio und Fernsehen. Sein kleiner Roman ist ein Leseerlebnis. (E.S.)

Lana Lux
Kukolka
Aufbau Verlag
12 Euro

Lana Lux, gebürtige Ukrainerin, kam 1996 mit 10 Jahren nach Deutschland. Ihr 2017 erschienener Roman erzählt über ein junges Mädchen, das in einem Kinderheim in der Ukraine der 90er Jahre aufwächst und nach ihrer Flucht aus dem Heim zum Betteln und Schlimmerem gezwungen wird. Ihre Hoffnung auf ein gutes Leben im „Westen“ hält sie aufrecht. Ein hartes, aber überzeugendes Buch, das die Leser gefangen hält. (E.H.)

Oksana Sabuschko
Feldstudien über ukrainischen Sex
1996 in Kiew erschienen, 2006 in zweiter Auflage bei Doschl in Graz
19 Euro

Oksana Sabuschko ist die wichtigste ukrainische Schriftstellerin, die sich radikal mit dem Machotum und der Mentalität ihrer ukrainischen Heimat auseinandersetzt. In ihrem autobiographisch gefärbten Roman geht es um die unglückliche Liebesbeziehung zwischen einer Dichterin und ihrem Mann, einem ukrainischen Maler und Bildhauer, den unhaltbaren Zuständen in der Ukraine und den Schrecken der Dichterin im amerikanischen Exil. (E.S.)

Zanna Sloniowska
Das Licht der Frauen
Kampa Verlag
13 Euro

Die polnisch-ukrainische Schriftstellerin erzählt von vier Frauen, vier Generationen, die zusammen in Lemberg/Lwiw leben. Ausgangspunkt ist der Tod von Marianna, der Mutter der Ich-Erzählerin. Diese, eine Opernsängerin, wurde zunehmend politisch und setzte sich für eine unabhängige Ukraine ein und wurde auf einer Demonstration getötet.Die Autorin versteht es, eine dichte Erzählung über das Leben dieser Frauen zu verweben mit der bewegten Geschichte ihrer Stadt. (E.H.)

Natascha Wodin
Sie kam aus Mariupol
Rowolt Taschenbuch
12 Euro

Das bereits 2017 erschienene, mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Buch von Natascha Wodin liest man jetzt, wo der Name der Stadt Mariupol für unsägliches Leid und Zerstörung steht, nochmal ganz anders. Wodin, 1945 in Fürth geboren, war das Kind sowjetischer Zwangsarbeiter. Sie begibt sich hier auf die Suche nach ihren Wurzeln. Ihre Mutter hatte sich, als sie selbst noch ein Kind war, getötet, der Vater bot ihr und ihrer Schwester keine Wärme. Erst jetzt, im Alter, fängt sie an das Leben ihrer Mutter zu erforschen und sucht in der ganzen Welt nach Verwandten. Was sie herausfindet ist Herz zerreißend.

Die Grauen der Nazizeit, die der Sowjetzeit und danach leider auch die der Rechtlosigkeit in der neuen Bundesrepublik kommen uns Lesern sehr nahe. Besonders was das Schicksal der Zwangsarbeiter im Nachkriegszeit betrifft, erfährt man auch einiges, was wir nicht wussten oder nicht wissen wollten. Schmerzhaft fand ich auch die Beschreibung des früheren Mariupol als eine multikulturelle lebendige Stadt ...  (E.H.)

Es wird Zeit, dass wir unser Interesse der ukrainischen Literatur zuwenden, sie ist ein Gewinn und zeigt uns eine neue, spannende literarische Welt.

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