Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

08.06.2015 / Projekte und Initiativen

Tuberkulose – Fürsorge in Schöneberg als Musterbeispiel für Berlin

Mit Drucksache 1367/XIX empfahl die BVV Tempelhof - Schöneberg dem Bezirksamt, „sich beim Berliner Senat und weiteren zusätzlichen Stellen dafür einzusetzen, in Kooperation mit den Bezirks-krankenhäusern kurz- bis mittelfristig eine stationäre oder mobile* (siehe Anmerkung) Untersuchungsstelle für Tuberkulose einzurichten, welche die Arbeit des zentralen Tuberkulosezentrums in Lichtenberg entlastet und für den Bezirk kostenneutral ist.“
Kinderheim Wyk - Boldixum auf Föhr. Foto: Archiv Museen Tempelhof-Schöneberg

Hintergrund: Die Schöneberger Tbc-Beratungsstelle, dem Gesundheitsamt nahe dem Volkspark Schöneberg zugeordnet, wurde aus Sparzwängen (Sarrazin lässt grüßen!) 2007 geschlossen. Die Zahl der Tbc-Neuerkrankungen ist aber berlinweit inzwischen so stark gestiegen, dass das 2007 als alleiniger Standort errichtete „Zentrum für tuberkulosekranke und
-gefährdete Menschen“ in Lichtenberg völlig überlastet ist. (Der Trend geht in Richtung 10.000 Röntgenaufnahmen/Jahr).

Schöneberg gehört gegenwärtig auch zu den „Hot Spots“ der Neuerkrankungen, und es wäre sinnvoll, die aufgrund seiner Lage innerhalb der Stadt 2007 aus Sparzwängen geschlossene Beratungsstelle wieder zu aktivieren. Oft wurde diese Situation im Abgeordnetenhaus kritisiert, aber geändert hat sich nichts. Mit Sorge weisen zahlreiche kompetente Mediziner auf die zunehmende Gefährdung, insbesondere durch die zunehmende aktive („offene“) Tbc hin. Sorge bereitet ihnen aber auch die in der Öffentlichkeit und in den Verkehrsmitteln oft gedankenlose (?) Spuckerei auf den Boden. Getrockneter Speichel solcher Tbc-Kranker ist bei Aufwirbelung durch die Luft ein besonders effektiver Verbreitungsweg für die Tuberkelbakterien. In zahlreichen Ländern wird deshalb öffentliches Spucken drastisch bestraft, hier in Europa scheint es sich allerdings um einen Volkssport bestimmter Bevölkerungskreise zu handeln. Kein Wunder, sieht man im Fernsehen Fußballspiele, werden die Kameras offenbar mit Bewunderung (?) auf „herumrotzende Fußballer“ gerichtet. Leute, lasst endlich das öffentliche Spucken sein!

Geschichte: Seit 1904 war in der Kaiserallee 66 (heute Bundesallee) der „Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose“ so erfolgreich, dass dessen Fürsorgestelle 1906 von  der Stadt Schöneberg übernommen wurde, erstmalig und einzig im Berliner Stadtgebiet. Die Besonderheit der Vereinsarbeit bestand in der ganzheitlichen Bekämpfung der Krankheit: Nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die Verbesserung der Wohnverhältnisse der betroffenen Familien waren damals zentrales Anliegen dieser Art der Wohlfahrtspflege. Mietzuschüsse, Anmieten weiterer Zimmer und (man möchte es kaum glauben) das Ausmieten von Schlafgängern sollten zur besseren häuslichen Isolierung der Erkrankten beitragen. Die beiden Anstalten des Vereins, die Heilstätte Schöneberg in Sternberg/Neumark und das Kindererholungsheim in Wyk/Föhr wurden von der Stadt übernommen; die Kinderwalderholungsstätte in Eichkamp verblieb beim Verein, die Betriebskosten wurden aber von der Stadt übernommen. Der Trägerverein berichtete im Schöneberger Tageblatt am 6.Juni 1915 in seinem Jahresbericht von stetig steigenden Behandlungs-zahlen seit der Übernahme durch die Stadt Schöneberg und schließlich 1914 über die Behandlung von 1.800 Familien mit 7.823 Köpfen (!!).

Hartmut Ulrich

*Anmerkung: Kurz vor Drucklegung der Stadtteilzeitung berichtete der RBB am 18.5.2015 in der Abendschau über die kurzfristige Anmietung eines „Röntgen-Busses“ aus Hessen, der einmal im Monat für eine Woche in der Turmstraße in Moabit (Landesamt für Gesundheit und Soziales) ca. 100 Untersuchungen/Tag durchführen soll. Diese Anmietung wurde wegen der stark gestiegenen Flüchtlings- und Asylbewerberzahlen dringend notwendig und soll bis zum Einsatz eines Berliner  „Röntgen-Busses“ aufrecht erhalten werden.
H.U.

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